Bildungspolitik:Schulleiter befürchten Lehrermangel nach den Sommerferien

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Bildungspolitik: Kinder aus der Ukraine sitzen am Morgen in einer Willkommensklasse. An einem Pfahl hängt ein Zettel mit einem Gruß auf Deutsch, Englisch und Ukrainisch.

Kinder aus der Ukraine sitzen am Morgen in einer Willkommensklasse. An einem Pfahl hängt ein Zettel mit einem Gruß auf Deutsch, Englisch und Ukrainisch.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

30 000 ukrainische Schüler sollen im Herbst an Bayerns Schulen lernen, dafür gibt es zwar neue Stellen und viele Ideen. Aber fehlende Lehrkräfte bleiben das Hauptproblem.

Von Anna Günther

Die "Raupe Nimmersatt" bringt Andreas Fischer zum Schwärmen: Über die ukrainischen Kinder, die kürzlich bei der Aufführung des Theaterstücks deutsch auf der Bühne sprachen. "Es ist einfach unglaublich, was seit Ostern passiert ist", sagt der Grundschulrektor. Sechzehn ukrainische Mädchen und Buben lernen an seiner Schule in Landau an der Isar. Alles prima also an diesem letzten Schultag vor den Ferien?

"Ich bin vorsichtig optimistisch", sagt Fischer, der Chef des Schulleitungsverbandes ist. Das "Aber" folgt prompt: Unwägbarkeiten, mit denen sich zurzeit wohl alle Schulleiter in Bayern beschäftigen, verderben ihm die Laune. Wie viele Klassen er im Herbst bilden kann, weiß er nicht. Es sei nicht klar, ob alle ukrainischen Kinder dann noch in Landau sind oder einige wieder in der Heimat. Nur durch Zufall hatte er schon eine Kollegin, die ukrainisch und russisch spricht. Neue zu finden, sei schwierig. Die ukrainischen "Willkommenskräfte" seien für Grundschulen nicht vorgesehen. Am drängendsten ist die Frage, ob Fischer überhaupt genug Lehrer haben wird.

Gut 30 000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sind im Herbst schulpflichtig, sie werden auf fast alle Schularten verteilt und sollen mit den anderen 1,6 Millionen Schülern gemeinsam lernen. Die Jüngsten in den Grundschulen in den Regelklassen, die meisten der älteren Ukrainer werden in Brückenklassen lernen. Darin haben sie als Gruppe zehn Stunden pro Woche Deutsch, weitere neun Mathe und Englisch. Dazu kommen Wahlpflichtfächer, Sport, Kunst oder Musik gemeinsam mit bayerischen Schülern.

"Diese Idee ist auch vernünftig", sagt Benedikt Mehl. Aber? Die Organisation koste ihn als Schulleiter noch mehr Zeit und Mühe. Und das Konzept habe eine große Schwäche, findet Mehl. Am Pirckheimer Gymnasium in Nürnberg hat der Direktor sein Team aus Lehrern und Ehrenamtlichen selbst zusammengestellt, mehrere Kollegen haben aufgestockt, Pensionisten kehrten in den Dienst zurück. Mehls Wunsch wurde sogar erfüllt, er hat eine homogene Altersgruppe statt Kinder aller Jahrgänge, wie an vielen anderen Schulen.

Die meisten wollen die Unis

Am Pirckheimer lernen vor allem Zehntklässler, viele seien fleißig, die Mütter "spürbar dahinter". Diese Schüler bekämen den Mittleren Schulabschluss nun "geschenkt". Wer die zehnte Klasse am Gymnasium erfolgreich abschließt, hat ihn automatisch. "Das bringt ihnen aber nichts, damit können sie danach nicht einfach an eine Fos gehen", sagt Mehl. Die Sprachanforderungen seien dort wie auch in Integrationsklassen (Ingym) der Gymnasien viel zu hoch. Das Problem ist, dass diese Schüler mit 16 Jahren nicht mehr schulpflichtig sind und andere niedrigschwellige Angebote fehlen. 2015 hatten Berufsschulen viele Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. So etwas vermisst Mehl. In Nürnberg munkle man, dass die Berufsschulen sich wegduckten, sagt er.

Pankraz Männlein widerspricht: "Die Beruflichen Schulen verweigern sich nicht! Wir sind offen und bereit." Nur wollten die meisten ukrainischen Schüler nicht ins duale System, sondern an Schulen und Unis. "Wir müssen abwarten, wie sich die Situation entwickelt", sagt der Verbandschef der Lehrer beruflicher Schulen. Bisher gebe es weder neue Stellen, noch Personal für Ukrainerunterricht an Berufsschulen. Das Kultusministerium verweist neben den Ingym-Klassen auch auf Erwachsenenbildung an Volkshochschulen.

Kampagne für mehr Personal

3500 bayerische Lehrer engagieren sich bereits für ukrainische Schüler, dazu kommen 1620 neue Stellen. Ob das Kultusministerium aber die Menschen dafür findet, ist fraglich. Verbände und Schulleiter klagen auch in diesem Jahr sehr über Personalmangel. Das Ministerium wirbt längst um Pensionisten, Teilzeitkräfte und Studenten. Man versuche alles zu mobilisieren, heißt es. Die Lage muss ernst sein, denn sogar das Beschäftigungsverbot soll insgeheim diskutiert werden.

Derzeit müssen Schwangere der Schule fernbleiben, um sich nicht mit dem Coronavirus zu infizieren. Laut Kultusministerium dürfe man es selbst jenen nicht erlauben, die auf eigene Gefahr unterrichten wollen. Zuständig sei für diese Regel das Sozialministerium, heißt es. Dort hält man am Schutz der Schwangeren fest. 2900 Lehrerinnen sind derzeit betroffen. Sie sollen von daheim aus helfen. "Über die Wochen und Monate helfen sie uns im Distanzunterricht nicht", sagt dagegen Andreas Fischer. Gerade an Grundschulen mit 80 Prozent Lehrerinnen sei das Beschäftigungsverbot ein Problem.

Ukrainekrieg und Corona gingen halt nicht spurlos an den Schulen vorbei, sagt Minister Michael Piazolo (Freie Wähler) regelmäßig. Das dürfe niemand erwarten. Diese Antwort stellt aber weder Eltern noch Lehrerverbände zufrieden. Um das Problem Lehrermangel langfristig anzugehen, initiiert Piazolo nun eine Kampagne für den Lehrerberuf, die gezielt Schüler aller Schularten ansprechen soll und neben Plakaten auch Tiktok- und Instagram-Influencer einsetzt.

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