Landwirtschaft:Drei weitere Bauern im Allgäuer Tierschutz-Skandal angeklagt

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Landwirtschaft: Im Allgäuer Tierschutz-Skandal hat die Staatsanwaltschaft nun drei weitere Landwirte angeklagt. Sie sollen 32 erkrankten Rinder nicht die entsprechende tierärztliche Behandlung zukommen haben lassen.

Im Allgäuer Tierschutz-Skandal hat die Staatsanwaltschaft nun drei weitere Landwirte angeklagt. Sie sollen 32 erkrankten Rinder nicht die entsprechende tierärztliche Behandlung zukommen haben lassen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Staatsanwaltschaft wirft den Landwirten aus Bad Grönenbach vor, für erkrankte Rinder keinen Tierarzt gerufen und dadurch den Tieren Leid durch Unterlassen zugefügt zu haben.

Von Christian Sebald, Memmingen

Rinder, die bis über die Knöchel hinauf im Kot stehen. Die nicht ausreichend ernährt und offenkundig krank sind. Die getreten und geschlagen werden. Und die sogar mit dem Traktor durch den Stall geschleift werden, wenn sie sich nicht mehr bewegen können: Der Allgäuer Tierschutz-Skandal ab Sommer 2019 hat schlimme Missstände auf großen Milchvieh-Betrieben in den Landkreisen Unter- und Oberallgäu offenbart. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Memmingen in dem Skandal Anklage gegen drei weitere Bauern erhoben. Sie wirft dem 66-jährigen Landwirt und seinen beiden 37 und 35 Jahren alten Söhnen Tierquälerei durch Unterlassen vor. Laut Staatsanwaltschaft haben sie nicht dafür gesorgt, dass 32 erkrankte Tiere auf ihrem Hof in die notwendige tierärztliche Behandlung kamen. Laut Tierschutzgesetz kann mit einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden, wer Wirbeltieren länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leid zufügt.

Insgesamt sind von dem Skandal fünf große Milchviehbetriebe betroffen, allein drei davon befinden sich in Bad Grönenbach (Landkreis Unterallgäu). In dem 5200-Einwohner-Ort an der Autobahn A 7 liegt auch der Hof der jetzt angeklagten Landwirte. Er zählte mit seinerzeit 1500 Rindern zu den größten Milchvieh-Betrieben in Bayern. Der andere betroffene Betrieb dort war mit insgesamt 2800 Rindern auf mehreren Betriebsstellen sogar der damals größte. Der dritte Betrieb war mit seinerzeit knapp 500 Tieren der kleinste der drei, für bayerische Verhältnisse aber immer noch sehr groß. Durchschnittlich halten die Milchbauern in Bayern 43 Kühe, dazu kommt ungefähr noch einmal so viel Jungvieh. Ins Rollen gekommen war der Skandal durch die Organisation "Soko Tierschutz" rund um den Tierrechtler Friedrich Mülln. Sie hatte im Sommer 2019 erschütternde Bilder von dem 2800-Rinder-Betrieb veröffentlicht.

Die Ermittlungen gegen die drei Betriebe gestalteten sich sehr aufwändig. Die Staatsanwaltschaft Memmingen und die Polizei gründeten für sie die Sonderkommission "Fundus". Sie umfasste in der Hochphase der Ermittlungen 27 Polizeibeamte. Bei Durchsuchungen der drei Betriebe wurden umfangreiche Unterlagen und anderes Beweismaterial gesichert. Zur Belegung ihrer Vorwürfe holte die Staatsanwaltschaft detaillierte Gutachten des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ein. Die Behörde ist auch für den Tierschutz auf den Bauernhöfen in Bayern zuständig. Die Anklagen gegen die Inhaber und Mitarbeiter der beiden anderen Betriebe in Bad Grönenbach sind bereits im August und im November 2020 erhoben worden. Die Vorwürfe gegen die zusammen acht Beschuldigten in diesen Fällen lauten ebenfalls, dass sie es unterlassen haben, erkrankte Tiere tierärztlich versorgen zu lassen.

Zwei andere Fälle sind juristisch aufgearbeitet

Mit der jetzigen Anklage hat die Staatsanwaltschaft Memmingen das Großverfahren gegen die drei Betriebe in Bad Grönenbach abgeschlossen. Nun muss das Landgericht Memmingen über die Zulassung der dritten Anklage entscheiden. Verhandlungstermine stehen in allen drei Fällen noch nicht fest. Ursprünglich sollte der erste Prozess vor dem Landgericht Memmingen bereits im vergangenen Jahr eröffnet werden. Er musste jedoch verschoben werden, weil das Gericht vorrangige Strafverfahren abarbeiten musste. Ein Gerichtssprecher kündigte nun an, dass der erste Prozess in Memmingen im Juli 2022 beginnen könnte.

Juristisch aufgearbeitet sind dagegen die beiden anderen Fälle des Tierschutz-Skandals. Sie haben zwei Milchvieh-Betriebe in Dietmannsried (Landkreis Oberallgäu) betroffen, das nur zehn Kilometer Luftlinie von Bad Grönenbach entfernt liegt. Beides waren ebenfalls Familienbetriebe, auf dem einen waren rund hundert Rinder im Stall, auf dem anderen 600. Wie in Bad Grönenbach waren die Tiere über lange Zeit schwer vernachlässigt worden. Der Bauer des 100-Kuh-Betriebs hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft Kempten vor einiger Zeit eine Geldstrafe im mittleren Bereich bekommen.

In dem anderen Fall hat das Landgericht Kempten die Bauernfamilie zu Bewährungsstrafen verurteilt. In dem Prozess Ende 2021 hatten der 71-jährige Familienvater, seine Ehefrau und der 43 Jahre alte Sohn gleich zu Beginn über ihre Verteidiger eingeräumt, dass sie ihre Tiere über Monate hinweg vernachlässigt und leiden haben lassen. Die Eltern ließen erklären, sie seien nach einem schweren Autounfall des Sohnes mit dem erst kurz zuvor von 180 auf fast 600 Rinder vergrößerten Betrieb völlig überfordert gewesen. Bei Kontrollen von Oktober 2019 bis März 2020 hatten Veterinäre abgemagerte und in Kot liegende Tiere, Rinder mit entzündeten Klauen und überfüllte Ställe gefunden. Gegen die drei Landwirte war ein Tierhalteverbot verhängt worden, sie haben ihren Betrieb aufgegeben.

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