Agrarpolitik:Naturschützer fordern weniger Gift auf den Äckern

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Agrarpolitik: Der Einsatz von Pestiziden auf landwirtschaftlichen Flächen war Bestandteil eines Gutachten. Auf konventionell bearbeiteten Hopfenflächen würden je Anbauzeit demnach im Durchschnitt 14 Mal derartige Gifte ausgebracht.

Der Einsatz von Pestiziden auf landwirtschaftlichen Flächen war Bestandteil eines Gutachten. Auf konventionell bearbeiteten Hopfenflächen würden je Anbauzeit demnach im Durchschnitt 14 Mal derartige Gifte ausgebracht.

(Foto: Imago)

Vor drei Jahren hat die Staatsregierung versprochen, den Pestizideinsatz in Bayern zu halbieren. Jetzt hat der Landesbund für Vogelschutz ermittelt, dass die Bauern ungefähr 3600 Tonnen im Jahr ausbringen. Die Organisation verlangt ein Konzept für die Einlösung des Versprechens.

Von Christian Sebald, München

Es war ein großes Versprechen. Im Frühjahr 2019 haben Ministerpräsident Markus Söder und Agrarministerin Michaela Kaniber (beide CSU) angekündigt, den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft in Bayern bis 2028 zu halbieren. Söder und Kaniber wollten damit einen Beitrag zum Naturschutz liefern. Damals hatte das "Volksbegehren Artenvielfalt - Rettet die Bienen" gerade ein Rekordergebnis eingefahren, die Staatsregierung wollte punkten und gab diese Zusage von sich aus ab. Grüne, ÖDP und Naturschützer hatten in dem Volksbegehren aus formalrechtlichen Gründen auf die Forderung verzichtet. Jetzt verlangt der Chef des Landesbunds für Vogelschutz (LBV), Norbert Schäffer, dass Söder und Kaniber ernst machen mit ihrer Zusage.

Schäffer fordert ein Konzept und einen Fahrplan der Staatsregierung, wie sie das Versprechen einlösen will. Denn bisher liegt weder das eine, noch das andere vor. Gleichzeitig hat der LBV ein Gutachten präsentiert, wie viele Pestizide jedes Jahr auf den Äckern, im Wein- und im Obstbau, aber auch auf anderen Kulturen im Freistaat ausgebracht werden. Denn auch dazu fehlen bisher Zahlen. Das Gutachten stammt von Lars Neumeister. Der Experte arbeitet seit beinahe 20 Jahren über Pestizide und hat bereits zahlreiche Gutachten für Naturschutzverbände genauso wie Verbraucherzentralen und Landesbehörden vorgelegt.

Neumeisters Zahlen sind immens. 2019 wurden etwa 3600 Tonnen Pestizide auf den 1,4 Millionen Hektar Ackerland in Bayern ausgebracht. Wegen des Fehlens offizieller Zahlen hat Neumeister seine Zahlen aus den Daten abgeleitet, die das renommierte Julius-Kühn-Institut des Bundes für die Landwirtschaft in ganz Deutschland ermittelt hat. Sie beziehen sich auf die neun Kulturen konventioneller Winterweizen, Winterraps, Wintergerste, Mais, Zuckerrüben, Kartoffeln, Wein, Hopfen und Äpfel und umfassen damit die häufigsten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen im Bund wie in Bayern. Wobei der Pestizid-Einsatz bei Äpfeln, Wein und Hopfen ungleich intensiver ist als beispielsweise bei Weizen, Mais oder Wintergerste. Dafür ist aber die Größe des jeweiligen Agrarlandes für Äpfel, Wein und Hopfen sehr viel kleiner als für die anderen Kulturen.

"Das ist auch der Grund, warum man das Reduktionsziel nicht einfach errechnen kann, indem man die gesamte Jahresmenge pauschal halbiert", sagt Schäffer. "Man muss zum Beispiel auch die Intensität berücksichtigen, mit der die Gifte auf den jeweiligen Flächen eingesetzt werden." Konventionell angebaute Äpfel beispielsweise werden durchschnittlich 28 Mal mit Pestiziden behandelt, Weinreben 17 Mal und Hopfen 14 Mal. "Auf Getreide-, Raps- und Maisäckern bringen die Bauern bis zu fünf Mal je Anbauzeit Pestizide aus, darunter je nach Befallsrisiko Fungizide und Insektizide".*

Neumeisters Gutachten, das diese und weitere Faktoren berücksichtigt, kommt zu dem Ergebnis, dass die bayerischen Bauern ihren Pestizideinsatz bis 2028 um etwa 1700 Tonnen herunterfahren müssen, wenn Söder und Kaniber ihr Versprechen tatsächlich einlösen wollen.

Die Halbierung der Menge sei eine "sehr ambitionierte Marke"

Zugleich betont Neumeister, dass er aus ökologischer Sicht das Ziel "pestizidfreies Getreide einschließlich Mais" für sehr viel sinnvoller hält als pauschale Mengenreduktionen, wie sie die Staatsregierung aber auch zum Beispiel die EU-Kommission angekündigt haben. Der Grund: Die Anbauflächen für Getreide und Mais sind um ein Vielfaches größer als die der anderen Kulturen. Deshalb bringt auf ihnen ein Komplettverzicht auf Pestizde mehr für die Artenvielfalt, den Grundwasserschutz und andere ökologische Ziele als eine Pauschalreduktion über das gesamte Ackerland hinweg.

Nach Angaben des Agrarministeriums hat sich ersten Abschätzungen zufolge in Bayern der Absatz von Pestiziden und damit ihr Einsatz in den beiden Jahren 2019 und 2020 bereits etwas verringert. Gleichwohl nannte Landwirtschaftsministerin Kaniber die angestrebte Halbierung bis 2028 eine "sehr ambitionierte Marke". Der Blick dürfe sich dabei nicht nur auf die Bauern richten. Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine zeigten, wie wichtig eine funktionierende Lebensmittelversorgung sei. "Letztendlich leisten die Bauernhöfe den Spagat, Ertragssicherheit, Qualität und Lebensmittelsicherheit auf der einen Seite mit der Reduktion von Pflanzenschutzmitteln auf der anderen Seite verbinden zu müssen", sagte Kaniber. "Wir lassen unsere Betriebe dabei nicht alleine und unterstützen sie tatkräftig mit Know-how und Investitionsförderung."

*In einer früheren Version hieß es, dass Landwirte drei bis fünfmal je Anbauzeit Herbizide ausbringen. Es handelt sich dabei aber um Pestizide. Wir haben den Fehler korrigiert.

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