Psychische Gesundheit:Schüler fordern mehr Aufklärung über Depressionen

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Psychische Gesundheit: In der Corona-Pandemie litten immer mehr Kinder und Jugendliche an seelischen Problemen.

In der Corona-Pandemie litten immer mehr Kinder und Jugendliche an seelischen Problemen.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

2019 brachte eine Gruppe Schüler eine Petition für mehr Einsatz gegen seelische Erkrankungen auf den Weg. Passiert ist seither wenig. Nun geht die Petition nochmal ins Plenum - ein wohl einmaliger Vorgang in der Geschichte des Landtags.

Von Viktoria Spinrad

Wer zur Schule geht und an Depressionen leidet, steht statistisch gesehen nicht alleine da. Tausende Schüler leiden in Bayern an Depressionen, in der Pandemie stiegen die Fallzahlen nochmals an. Die Pandemie löste zusätzlich viele Fälle von Gefühllosigkeit und Ängsten aus. Viele wurden spielsüchtig, manche verzweifelten an der bröckelnden Familie, in den Psychiatrien schliefen Patienten dann teils auf dem Boden, weil der Bedarf nach Hilfe so groß war.

Die Pandemie war noch gar nicht ausgebrochen, als eine Gruppe um den heute 21-jährigen Luca Zug einen Film zum Thema drehte und im Bildungsausschuss des bayerischen Landtags vorsprach, um mehr Öffentlichkeit für das Thema einzufordern. Die Schüler verlangten, dass Lehrer bereits in ihrer Ausbildung über psychische Erkrankungen wie Depressionen lernen. Außerdem solle das Thema fest im Lehrplan verankert werden und mehr Schulpsychologen und -sozialpädagogen eingestellt werden. "Aufklärung schafft Prävention", so der Leitspruch der von 44 000 Schülern unterschriebenen Petition. Diese versah der Bildungsausschuss denn auch überraschend mit dem wohlwollenden Prädikat der "Würdigung". Ein Auftrag an die Staatsregierung, sich dem Thema nochmals zuzuwenden.

Drei Jahre später ist Luca Zug unzufrieden. "Das, was getan wurde reicht aus unserer Sicht auf keinen Fall", sagt er. Es gebe noch Nachbesserungsbedarf. Eben deshalb hat die FDP das Thema mittels eines juristischen Kniffs nochmals auf die Tagesordnung des Landtags gebracht. Am Dienstagabend soll die Schülerpetition nochmals im Plenum behandelt werden. Ein Vorgang, den es in der Form so wohl noch nie gegeben hat, wie ein Sprecher des Landtags erklärt.

Psychische Gesundheit: Dokumentarfilmer Luca Zug (links) mit seinem Mitstreiter Alex Spoeri.

Dokumentarfilmer Luca Zug (links) mit seinem Mitstreiter Alex Spoeri.

(Foto: Stephan Rumpf)

Tatsächlich hat das Ministerium vor drei Jahren eilig ein Zehn-Punkte-Programm auf den Weg gebracht, um über Depressionen aufzuklären. Unter anderem solle das Thema im Lehramtsstudium berücksichtigt werden. Lehrer sollten entsprechende Materialien zur Verfügung gestellt bekommen und vor Ort sollten individuelle Übersichten über Hilfsangebote in der Region erstellt werden. Doch den Petenten reichte das nicht. Sie schrieben einen offenen Brief an Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU). Diesen Brief unterzeichneten die Landtagsfraktionen von Grünen, SPD und FDP sowie das Max-Planck-Institut für Psychiatrie und das Münchner Bündnis gegen Depressionen.

Eine Würdigung bedeutet keine notwendige Eins-zu-eins-Umsetzung, doch Luca Zug und seine Mitstreiter blieben hartnäckig. Sie wurden hellhörig, als das Kultusministerium im Februar seinen Abschlussbericht vorlegte. Das Ministerium verweist darauf, dass es die Schulen aufgefordert habe, eine Liste mit Anlaufstellen zu erstellen. Zudem erwähnt es Module im erziehungswissenschaftlichen Bereich, Fortbildungsangebote in Dillingen, ein Aufklärungsmagazin, Langfristziele beim Ausbau der Beratungsstunden sowie das Aufstockungsprogramm "Schule öffnet sich". Hierüber hat sich die Beratungskapazität der Schulpsychologen seit 2018 nahezu verdoppelt, auf bayernweit mittlerweile 8020 Stunden - das entspricht einer Stunde je 200 Schüler. "Das reicht nicht für eine vernünftige Beratung", moniert Matthias Fischbach, bildungspolitischer Sprecher der FDP.

Weiter verkompliziert wird die Arbeit der 975 Schulpsychologinnen und -psychologen durch ein Zuständigkeitschaos mit den Jugendsozialpädagogen und Beratungslehrkräften - und durch eine bayerische Besonderheit. Schulpsychologen an staatlichen Schulen sind keine Experten von außen, sondern Lehrer mit einem Staatsexamen in Psychologie. Durch die praktische Nähe zu den Schülern, so die Idee, sollen sie noch einfacher ansprechbar sein und deren Probleme kennen. An den Schulen führt das häufig dazu, dass sie den Großteil der Arbeitszeit im Klassenzimmer stehen und nur wenige Stunden für die Beratung bleiben.

Von einer "ungut aufgeführten Doppelrolle" spricht Hans-Joachim Röthlein, Vorsitzender des Landesverbands bayerischer Schulpsychologen (LBSP). Es sei "ineffizienter Humbug", wenn Schulpsychologen nur wenige Anrechnungsstunden für die Beratung haben. "Man kann zwischen dem Unterricht am Vormittag nicht noch ein bisschen Beratung machen." An sich gebe es in Bayern im Vergleich zu anderen Bundesländern durchaus eine ansprechende Zahl an Stellen - diese müssten aber effizienter umgesetzt werden. Etwa, indem Schulpsychologen mindestens in der Hälfte ihrer Arbeitszeit psychologische Beratung anböten. "Sonst muss man die Schüler ständig vertrösten", sagt Röthlein.

Auch er sieht Nachbesserungsbedarf. Es wäre durchaus sinnvoll, ein gesundheitsorientiertes Fach für alle Schularten einzuführen, bei dem körperliche und geistige Gesundheit zusammengedacht würden, sagt er. Auf die Forderung der Schüler nach verpflichtenden Unterrichtsinhalten war das Kultusministerium ausgewichen und hatte auf die pädagogische Eigenverantwortlichkeit der Schulen sowie eine Website mit Aufklärungsvideos verwiesen. "Materialien auf der Website des Ministeriums schaut sich kein Schüler an", moniert Luca Zug.

Er studiert inzwischen Politikwissenschaften in München und macht mit seinem Kreativkollektiv weiter Filme. Die Staatsregierung habe ja eine gewisse Relevanz für das Thema erkannt, sagt er. Nun hoffe er, dass sich noch mehr tue.

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