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Kulturförderung:Politik auf Kosten der anderen

"Almost everyone welcome" beim Kunstverein München am Hofgarten, 2012

Prophetisch: Das Plakat, das schon vor Jahren vor dem Münchner Kunstverein hing, scheint die heutige Problematik vorwegzunehmen.

(Foto: Johannes Simon)

Die neuen Förderrichtlinien des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst sollen heimische Kulturschaffende stärken: Kunstvereine stellt das vor große Probleme

Von Evelyn Vogel

Ausstellungseröffnungen, die verschoben oder abgesagt wurden; Künstler, die neu zustande gekommene Termine nicht einhalten können; Fördergelder, die aufgrund von Verschiebungen nicht mehr gesichert sind; Künstler, die noch schlechter als sonst über die Runden kommen und die um jeden Zuschuss bangen. Als ob in Coronazeiten nicht eh schon alles schwieriger wäre, muss die freie Kunstszene in Bayern nun auch noch die neuen Förderrichtlinien des Bayerischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst verkraften. Und das ziemlich schnell. Denn die drei Richtlinien "für die Vergabe von Zuwendungen zur Durchführung von Ausstellungen und Symposien", zur Förderung von Debütantenkatalogen und zur Förderungen von Kunst im öffentlichen Raum, erlassen am 30. Oktober vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, gelten bereits von 1. Januar an für zunächst zwei Jahre.

Kernpunkt: Will eine freie Institution in Bayern wie ein Kunstverein für ein Projekt Fördergeld vom Freistaat erhalten, müssen an der Ausstellung "mindestens fünf professionelle lebende Künstlerinnen und Künstler beteiligt sein" und, "der überwiegende Teil der beteiligten Künstlerinnen und Künstler muss in Bayern wirken". Was in der Absicht erlassen wurde, bayerische Kulturschaffende zu stärken, könnte sich schnell ins Gegenteil verkehren. Dann nämlich, wenn eine Institution sich nicht vorschreiben lassen will, wo die Künstler leben und arbeiten, die zum aktuellen zeitgenössischen Diskurs gerade etwas Bedeutsames beizutragen haben - und lieber auf die freistaatliche Förderung verzichten, anstatt sich zu verbiegen.

Der Direktor des Nürnberger Kunstvereins Milan Ther.

(Foto: Kunstverein Nürnberg)

Sowohl Maurin Dietrich vom Münchner Kunstverein als auch Milan Ther vom Nürnberger Pendant sehen die neuen Richtlinien als massive Einschränkung ihrer Arbeit. Es sei zwar wichtig und nachvollziehbar, dass das Ministerium verstärkt bayerische Künstler fördern wolle, "aber doch bitte nicht auf Kosten der anderen", empört sich Ther, der seit 2018 den Nürnberger Kunstverein leitet. Muss er auf den Zuschuss verzichten, der sich abhängig von der Produktion auf maximal 10 000 Euro belaufen kann, reißt das eine gewaltige Lücke im Etat. Der Nürnberger Kunstverein zeigt in der Regel bis zu sechs Ausstellungen pro Jahr. Dafür stehen Ther etwa 40 000 Euro zur Verfügung. 10 000 Euro vom Freistaat sind also nicht nur ein hübsches Sümmchen, es macht ein Viertel des Ausstellungsetats aus.

Milan Ther fragt sich, woher die Idee für die neue Richtlinie überhaupt kommt. Ein internationaler Diskurs werde auf Basis dieser Vorgaben unmöglich gemacht. Es gebe zahlreiche kleine Institutionen, die stark regional arbeiteten. "Auch wir leisten viel regionale künstlerische Arbeit", betont er. Doch ein Kunstverein lebe von der Freiheit der künstlerischen Arbeit. Daraus sei nun ein Raum entstanden, in dem Politik gemacht werde. Die neue Förderrichtlinie sei "ein ganz großer Schock" für ihn.

Maurin Dietrich in München, 2019

Die Direktorin des Münchner Kunstvereins Maurin Dietrich und ihr Kollege sehen die neuen Richtlinien kritisch.

(Foto: Florian Peljak)

Auch Maurin Dietrich, seit vergangenem Jahr Direktorin im Münchner Kunstverein, sieht die neuen Richtlinien mehr als kritisch. "Die einfache Dichotomie zwischen lokal und international finde ich veraltet und entspricht auch nicht dem Stand unserer kulturellen Arbeit." Es könne doch nicht sein, dass die kuratorische Ausrichtung eines Ausstellungsprogramms durch Förderrichtlinien beschränkt oder gar gelenkt würden. Auch für den Münchner Kunstverein hätte die Richtlinie deutliche Auswirkungen: "Ein Drittel einer Ausstellungsfinanzierung fällt weg, wenn wir uns davon abhängig machen", rechnet Maurin Dietrich vor.

Neben dem internationalen Programm, für das der 1823 gegründete Kunstverein tatsächlich weltweit berühmt ist, pflegt man unter den Arkaden am Hofgarten auch ein sehr spezielles lokales Format: die Jahresgaben. Sie stehen in der ersten Dezemberwoche wieder an. Es ist die einzige Verkaufsausstellung, die der Kunstverein veranstaltet, und der Erlös kommt den mehr als 80 lokalen Künstlern zugute, die ihre Werke dafür einliefern. Maurin Dietrich glaubt, wenn man etwas für die hiesigen Künstler tun wolle, dann müsse man die Wohn- und Atelierbedingungen verbessern. "Man hält die jungen Künstlerinnen und Künstler nur dann in München, wenn sie sich die Stadt auch leisten können."

© SZ vom 19.11.2020

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