Corona-Maßnahmen:Erst einmal wird die Bierkultur gerettet

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Corona-Maßnahmen: Im Theatersaal ist inzwischen nur jeder vierte Platz besetzt, ganz anders als in der Kneipe.

Im Theatersaal ist inzwischen nur jeder vierte Platz besetzt, ganz anders als in der Kneipe.

(Foto: Annegret Hilse/dpa)

Nach zwei Jahren Pandemie kann man in Bayern in Cafés ohne Test oder Booster hineinspazieren, während es für Museen und Kunsthallen Nachweise braucht. Hinter solchen Prioritäten stecken Wertvorstellungen.

Kommentar von Kia Vahland

Im ersten Jahr der Pandemie mussten Schauspieler, Intendantinnen, Museumsdirektoren gegenüber der Politik noch klarstellen: Sie leisten etwas anderes als Betreiberinnen von Kasinos oder Bordellen, denn Kultur hat eine besondere gesellschaftliche Bedeutung. Irgendwann hieß es dann, stimmt eigentlich, Covid-Maßnahmen sollen in Museen nicht härter ausfallen als im Kaufhaus, und in Theatern nicht strikter als im Restaurant. Dies hatte eine pragmatische Logik - wenn auch das schon nicht den Studien Rechnung trug, die das Opernhaus sehr wohl als sicherer als den Supermarkt auswiesen und als die Wirtsstube sowieso.

Und jetzt, nach zwei Jahren Corona? Kann man in Bayern in Cafés mit 2G ohne Test oder Booster hineinspazieren, während es für die monumentalen Hallen im Münchner Haus der Kunst Nachweise braucht. In der Philharmonie sitzt das Publikum luftig, weil nur jeder vierte Platz vergeben ist, und selbstverständlich sind wieder Nachweise gefragt; wir sind ja hier nicht im Baumarkt. Jetzt stellt die Staatsregierung immerhin eine Auslastung von 50 Prozent bei Kulturveranstaltungen in Aussicht.

Hinter diesen Prioritäten stecken Wertvorstellungen

Die Sorge der Politik vor Ansteckungen ist begründet. Bloß wird sie nicht gleichermaßen den Gaststätten zuteil, nicht einmal, wenn dort die nun umgeschulte Sängerin beim Servieren eine Arie trällert. Bayern nennt sich stolz einen Kulturstaat - doch, wenn es hart auf hart kommt, wird erst einmal die Bierkultur gerettet.

Hinter solchen Prioritäten stecken Wertvorstellungen. Nicht nur im Freistaat, in ganz Deutschland klingt immer wieder durch, Kultur sei ein Luxus, den man sich als reiches Land eben leiste. So wie anderswo Potentaten einen Privatzoo unterhalten, weil sie nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Erstens aber ist Kultur nicht verzichtbar, sondern eine der Grundlagen, um sich in einer Demokratie miteinander über die eigenen Ideale und den Sinn des Lebens zu verständigen (und dabei auch noch Spaß zu haben). Zweitens mag Deutschland Exportweltmeister sein; es ist aber auch eine Nation, die nicht nur für Kultur Geld ausgibt, sondern es vor allem mit ihr einnimmt, und zwar zumeist im Land selbst.

Die Arbeitswelt hat sich verändert, es gibt mehr als Handel und Industrie

Vor der Pandemie hatte die bayerische Kultur- und Kreativwirtschaft mit 3,7 Prozent einen höheren Anteil an der Bruttowertschöpfung als der Maschinenbau, zu schweigen von der Gastronomie, die auf einen Prozentpunkt kam. 4,3 Prozent aller Erwerbstätigen im Bundesland arbeiteten 2018 im Kulturellen und Kreativen, fast die Hälfte von ihnen Frauen. Zahlreiche Betriebe sind Neugründungen, die mit ihren Ideen und Dienstleistungen auch andere Gewerbezweige beleben. Wer immer nur alles andere, Gastronomie, Handel und Industrie, für ökonomisch bedeutend hält, zeigt nur, dass er oder sie in der Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts verhaftet geblieben ist. Die Kultur mag nicht immer Hort unbefristeter Arbeitsverträge sein, sie ist aber ein Spielfeld innovativen Unternehmertums. Dies gering zu schätzen, kann sich keine Landes- oder Bundesregierung dauerhaft leisten.

Wer Kultureinrichtungen in der Pandemie schlechter stellt als andere Lebensbereiche, ignoriert auch alle gesamtgesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Gegenargumente. Und behandelt Theater und Museen nur deshalb besonders streng, weil sich da so schön einfach durchregieren lässt.

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