Insolvenzen, Geschäftsaufgaben, StellenstreichungenWo in Bayern überall Krise ist

Lesezeit: 5 Min.

Viele Wirtschaftsunternehmen in Bayern haben derzeit teils existenzielle Probleme.
Viele Wirtschaftsunternehmen in Bayern haben derzeit teils existenzielle Probleme. Imago
  • Bayerns Wirtschaft steckt in einer tiefen Krise mit zahlreichen Insolvenzen, Geschäftsaufgaben und Stellenstreichungen in verschiedenen Branchen.
  • Besonders betroffen sind die Automobilindustrie und ihre Zulieferer sowie energieintensive Unternehmen wie Kelheim Fibres und RW Silicium.
  • Hohe Energiepreise, fehlende Nachfrage, Bürokratie und Konkurrenz aus China gelten als Hauptursachen der Wirtschaftskrise.
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Bayerns Wirtschaft hat gerade ein Problem – und das ist nicht mal überraschend. Die Nachfrage fehlt, Energie gilt als zu teuer und die Bürokratie als zu viel. Ein Überblick.

Von Maximilian Gerl, Matthias Köpf und Patrick Wehner

Bayern steckt in der Wirtschaftskrise – und findet nicht heraus. Über Jahre brummte vor allem die Industrie, eine Erfolgsmeldung jagte die nächste, Güter made in Bavaria gingen in alle Welt. Heute fehlt ihnen die Nachfrage. Energie gilt als zu teuer und die Bürokratie als zu viel. Investitionen bleiben aus, der Optimismus auch. Hinzu kommen mancherorts Umsetzungsschwierigkeiten bei der digitalen und ökologischen Transformation oder rächen sich Managementfehler: In guten Zeiten können Unternehmen Fehlentscheidungen abfedern, in schlechten fehlt dafür das Polster.

Die Folgen überraschen nicht. Schon 2024 warnte der Bayerische Industrie- und Handelskammertag davor, dass sich zu viele Probleme zu addieren drohten: „Jahrelang ist nix passiert, jetzt haben wir den Salat.“ Ein Überblick über Insolvenzen, Geschäftsaufgaben und Stellenstreichungen aus der jüngsten Zeit, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Kelheim Fibres

Im März dieses Jahres wird bei Kelheim Fibres der Betrieb eingestellt.
Im März dieses Jahres wird bei Kelheim Fibres der Betrieb eingestellt. Imago

Eigentlich gelten Produkte wie Hygienetücher oder Tampons als krisensicher: Sie werden immer gebraucht. Die dazu nötigen Viskose-Fasern entstehen bei Kelheim Fibres aus Holz, in einem Gewirr aus Röhren und unter Anwendung von viel Energie – noch, denn am 31. März 2026 wird der Betrieb eingestellt. 2025 hatte die Firma aus Kelheim Insolvenz in Eigenverantwortung anmelden müssen. Vor allem die gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise machten den Niederbayern zu schaffen.

Dazu blieb der Großauftrag eines Kunden aus und nahm ein Investor laut dem Unternehmen „kurzfristig von einem Einstieg Abstand“. Die rund 350 Beschäftigten wurden Ende Januar 2026 über das Aus informiert. Eine Transfergesellschaft soll ihnen helfen, neue Jobs zu finden. Der Fokus liege nun „auf einer geordneten Abwicklung“ und „bestmöglichen Unterstützung“ der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, teilte die Geschäftsführung mit.

RW Silicium

Das Rottwerk in Pocking.
Das Rottwerk in Pocking. Patrick Wehner

Drei Jahre lang hat RW Silicium aus Pocking (Landkreis Passau), auch bekannt als Rottwerk, ums Überleben gekämpft, die Produktion erst gedrosselt, Kurzarbeit angemeldet. Doch am Ende wurde dem letzten deutschen Hersteller von Silizium der dauerhaft hohe Strompreis zum Verhängnis. Auch subventioniertes Silizium aus China hat dazu geführt, dass das deutsche Produkt nicht mehr wettbewerbsfähig war. Kurz vor Weihnachten bekamen die rund 110 Mitarbeiter des Rottwerks die Nachricht, dass der Standort zum Jahresende geschlossen wird.

Seit den 1940er-Jahren wurde in dem Betrieb zunächst Aluminium produziert. Später stellte das Unternehmen auf die Herstellung von metallurgischem Silizium um. Dieses Rohsilizium wurde aus Quarzsand aus dem Bayerischen Wald gewonnen und diente als wichtiger Grundstoff für die Industrie im Chemiedreieck. Das Silizium wurde dort unter anderem für Silikone, Kabel, Alufelgen, Computerchips und Photovoltaik-Anlagen verwendet.

Wacker Chemie

Das Werksgelände des Chemiekonzerns Wacker in Burghausen.
Das Werksgelände des Chemiekonzerns Wacker in Burghausen. Wacker Chemie

Dass die neuesten Zahlen aus der Münchner Zentrale schlecht sind, hat am größten Standort des Chemieriesen Wacker in Burghausen (Landkreis Altötting) nicht mehr viele Mitarbeiter überrascht. Rund 8000 Menschen arbeiten derzeit im Wacker-Stammwerk – und dass es weniger werden sollen, hatte der Konzern schon im vergangenen Jahr verkündet. Nun aber hat er für 2025 sogar einen Rekordverlust von 800 Millionen Euro gemeldet, nach mehr als 260 Millionen Euro Gewinn im Jahr 2024. Weltweit ist die Nachfrage nach seinen Produkten zurückgegangen, doch etwa drei Viertel der jüngsten Verluste führt Wacker darauf zurück, dass die Beteiligungen an anderen Unternehmen im Wert gesunken sind.

Außerdem hat man aktuell 100 Millionen Euro für eine Umstrukturierung zurückgestellt, um die eigenen Kosten langfristig um 300 Millionen Euro zu senken. Im Zuge dessen sollen 1500 Stellen wegfallen, also fast jeder zehnte der weltweit zuletzt rund 16 600 Jobs. Besonders für seine deutschen Standorte Burghausen und Nünchritz in Sachsen beklagt Wacker die hohen Energiepreise. Der Konzern verbraucht allein fast ein Prozent des Stroms in Deutschland.

Eterna

Das Traditionsunternehmen Eterna ist insolvent.
Das Traditionsunternehmen Eterna ist insolvent. Carsten Hoefer/dpa

Die Hemden und Blusen von Eterna hängen in vielen Kleiderschränken. Ihre Wurzeln führt die Modemarke aus Passau bis ins Jahr 1863 zurück. Die Zukunft begleitet dagegen ein großes Fragezeichen. Denn im Dezember 2025 meldete Eterna Insolvenz in Eigenverwaltung an. Als verantwortlich gilt eine Mischung aus Ursachen, allen voran die wirtschaftliche Lage. Auch andere Handelsunternehmen haben bemerkt, dass sich die Menschen beim Einkaufen eher zurück- und ihr Geld beisammenhalten – ein in Krisenzeiten häufig zu beobachtender Reflex.

Davon profitieren in der Mode vor allem Billiganbieter. Inzwischen scheint die Marke Eterna zum Verkauf zu stehen: Eine neue Eigentümer-Konstellation soll bis Anfang März gefunden werden, schreibt das Branchenblatt Textilwirtschaft. Auch andere Hersteller plagen Probleme: Im Januar 2026 meldete Sympatex aus Unterföhring bei München Insolvenz an. Das Unternehmen produziert wasserdichte Membranen für Funktionsbekleidung.

MAN

Mitarbeiter von MAN Truck & Bus arbeiten in einer Produktionsstraße.
Mitarbeiter von MAN Truck & Bus arbeiten in einer Produktionsstraße. Sven Hoppe/dpa

In Bayern steht die Fahrzeugindustrie noch mehr als anderswo im Zentrum der Wirtschaftskrise: Sie hat den Standort über Jahrzehnte definiert. Entsprechend groß war die Verunsicherung, als der Lkw-Bauer MAN ankündigte, Produktion nach Osteuropa zu verlagern. Seit Kurzem herrscht für die deutschen Standorte Gewissheit: „Nach teils sehr kontroversen Gesprächen, die mehrfach vor dem Scheitern standen, konnten wir mit dem Unternehmen eine belastbare Beschäftigungssicherung für zehn Jahre vereinbaren“, teilte die Gewerkschaft IG Metall mit.

Dennoch wird das Unternehmen bis zu 2300 Stellen abbauen, „durch Nutzung der demografischen Kurve“. Für die Zukunft setzt MAN auf E-Mobilität, mit der Brennstoffzelle als Ergänzung. Ein Förderprogramm für Wasserstoff-Nutzfahrzeuge stellte Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) bei einem Besuch Ende Januar vor.

Bosch, ZF & Co.

Der Automobilzulieferer ZF plant einen massiven Stellenabbau.
Der Automobilzulieferer ZF plant einen massiven Stellenabbau. Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Krise der Autobauer trifft auch ihre Zulieferer. Am Bosch-Doppelstandort Blaichach-Immenstadt könnten sich deshalb die Auftragsbücher im Laufe des Jahres leeren. Dabei produziert der weltgrößte Zulieferer dort Dinge, die für E-Autos wie Verbrenner gleichermaßen interessant sind, zum Beispiel Bremsverstärker. Doch die Stückzahlen sind momentan zu gering, sagt sogar der Betriebsratsvorsitzende. Eine Folge: Der Stellenabbau, den Bosch weltweit vorhat, wird im Allgäu wohl 650 Beschäftigte treffen.

Auch andere Zulieferer haben zuletzt Sparprogramme verkündet. ZF will laut Medienberichten unter anderem in Nürnberg und Regensburg Personal abbauen. Ähnliches plant Aumovio – ein Spin-of von Continental – demnach für Lindau und Ingolstadt. Plastic Manufacturing wird im Rahmen einer Restrukturierung wohl Jobs am Stammsitz in Diepersdorf (Leinburg, Nürnberger Land) streichen. Und Webasto aus Stockdorf (Landkreis Starnberg) rettete im Herbst 2025 ein Deal mit den Gläubigern: Kredite in Höhe von 1,2 Milliarden Euro werden verlängert, allerdings muss voraussichtlich ein Viertel der rund 3700 in Deutschland Beschäftigten gehen.

Die guten Nachrichten

Ursprünglich hatte der Coburger Mechatronik-Spezialist Brose einen Stellenabbau angekündigt, der wohl auch das Werk in Würzburg und die 1400 Beschäftigen dort getroffen hätte. Der Standort gilt aber inzwischen als gerettet: Im Dezember 2025 unterzeichneten das Unternehmen und die IG Metall eine Vereinbarung, das Werk bis mindestens 2030 zu erhalten. Zudem will Brose in die Raumfahrttechnik einsteigen. Am Main sollen künftig Komponenten und Systeme für Kleinsatelliten entstehen. „Der Betriebsrat begrüßte die neue strategische Ausrichtung ausdrücklich“, heißt es in einer Mitteilung der örtlichen IG Metall.

Vielleicht noch mehr als die Raumfahrt boomt die Rüstung – auch wenn das speziell vor dem weltweiten Hintergrund von Krieg und Krisen nicht für alle Menschen eine gute Nachricht sein mag. Doch in Bayern schafft der Sektor Jobs. So will der Lenkwaffenhersteller MBDA seine Belegschaft im oberbayerischen Schrobenhausen von 1400 auf 2000 Mitarbeiter ausbauen. An Bewerbern mangelt es nicht, allerdings hat das Unternehmen zuletzt über einen Engpass wegen der nötigen Sicherheitsüberprüfungen geklagt.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) steht vor dem Marschflugkörper Taurus in der Schrobenhausener Zentral von MBDA.
Ministerpräsident Markus Söder (CSU) steht vor dem Marschflugkörper Taurus in der Schrobenhausener Zentral von MBDA. Leonhard Simon/Getty Images

Auch in anderen Branchen wird eingestellt, vor allem im sozialen und Gesundheitsbereich. Insgesamt führten die bayerischen Arbeitsagenturen und Jobcentern Ende 2025 mehr als 100 000 offene Stellen im Bestand. Im Vergleich zu 2024 ist die Personalnachfrage damit um ein Zehntel gesunken – und trotzdem noch so hoch, dass vielerorts weiter vom Fachkräftemangel die Rede ist.

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