Kommunalwahl ohne KandidatenWas passiert, wenn niemand Bürgermeister werden will

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Es gibt Rathäuser in Bayern, deren Chefsessel zu verwaisen drohen. (Symbolbild)
Es gibt Rathäuser in Bayern, deren Chefsessel zu verwaisen drohen. (Symbolbild) (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wenige Wochen vor den Kommunalwahlen gibt es manche Gemeinde in Bayern, die noch nach Kandidaten für den Chefsessel sucht. Gänzlich unregiert wird aber keine Kommune bleiben.

Von Matthias Köpf, Tüßling

Dieses „Du“ wird gut zu tun haben: Eng „mit Bürger*innen, Vereinen, Verwaltung und Gemeinderat“ zusammenarbeiten zum Beispiel. Außerdem Ideen einbringen, Projekte umsetzen, das Leben vor Ort aktiv gestalten und Tüßling „mit Leidenschaft und Bodenständigkeit“ repräsentieren. „Du bist das Gesicht unserer Gemeinde“, hieß es auf der Gemeinde-Homepage.

Aber so vertraut, wie es die Anrede nahelegt, waren und sind die gut 3300 Tüßlinger gar nicht mit diesem Du. Keiner kannte das künftige Gesicht der Gemeinde, ganz im Gegenteil: „Wir freuen uns darauf, Dich kennenzulernen!“ Denn zu den bevorstehenden bayerischen Kommunalwahlen am 8. März wollte sich schlicht niemand bewerben um das Amt des Bürgermeisters oder der Bürgermeisterin von Tüßling. Und die kleine Gemeinde im Landkreis Altötting blieb mit dem Problem nicht allein.

Eine halbe Autostunde entfernt in Unterreit mangelt es zum Beispiel ebenfalls an Kandidaten. In der 1800-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Mühldorf haben alle vier bisher relevanten Gruppen im Gemeinderat ihre Aufstellungsversammlungen für die anstehenden Kommunalwahlen schon hinter sich, und keine von ihnen konnte mit einer Kandidatin oder einem Kandidaten für das höchste Amt im Ort aufwarten. Man sei da „nach wie vor in der Findungsphase“, sagt Liselotte Oberbauer, die im Rathaus der Verwaltungsgemeinschaft im nahen Gars am Inn auch die Geschäfte für Unterreit mitführt.

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Sie hat sich beim Bayerischen Gemeindetag sicherheitshalber schon mal im Detail informiert, wie das alles weitergehen könnte so ganz ohne Bürgermeister-Kandidaten.

Findet sich bis zum bayernweiten Bewerbungsschluss am 8. Januar um 18 Uhr wirklich niemand mehr, so kann die Gemeinde demnach die Frist einmalig um eine Woche verlängern. Bewirbt sich dann immer noch keiner, werden die wahlberechtigten Unterreiter eben einen amtlichen Stimmzettel ohne vorgedruckten Namen erhalten.

Dann kann jede Wählerin und jeder Wähler selbst einen Namen draufschreiben. Wer auf diese Weise mehr als die Hälfte der Stimmen erhält, gilt als gewählt. Ansonsten kommt es zwei Wochen später zur Stichwahl zwischen den beiden Meistgenannten.

Allerdings muss die so gewählte Person, die ja offensichtlich vorher schon nicht kandidieren wollte, die Wahl dann auch noch annehmen. Tut sie das nicht, geht innerhalb von drei Monaten bei einer Neuwahl alles von vorne los.

Gänzlich unregiert bliebe Unterreit so lange freilich nicht, heißt es ergänzend vom Gemeindetag. Denn erstens gibt es ja noch Liselotte Oberbauer und die Verwaltungsleute im Rathaus. Und außerdem muss der am 8. März ebenfalls neu zu wählende Gemeinderat aus seinen Reihen einen Zweiten Bürgermeister bestimmen – und dieser könnte dann die Amtsgeschäfte führen, bis es endlich einen von den Bürgern gewählten Ersten Bürgermeister gibt. Findet sich im Rat auch kein Zweiter Bürgermeister, kann die Rechtsaufsicht im zuständigen Landratsamt vorübergehend ein Ratsmitglied als Interims-Bürgermeister bestimmen, der dann aber nur die laufenden und unaufschiebbaren Geschäfte erledigen darf.

So etwas mag bei anfangs rund 7000 und inzwischen immer noch 2056 Gemeinden schon mal vorgekommen sein in der langen bayerischen Nachkriegsgeschichte, heißt es beim Gemeindetag – etwa wenn ein Bürgermeister im Amt gestorben sei und der Stellvertreter die Verantwortung nicht übernehmen wollte.  Allerdings erinnerten sich die erfahrenen Kollegen im Gemeindetag demnach viel eher daran, dass sich eigentlich noch vor jeden Kommunalwahlen im Herbst die Sorgen und Anfragen aus den Rathäusern gehäuft hätten, weil es womöglich keinen Bürgermeister-Kandidaten gebe. Und genauso häuften sich diese Anfragen auch jetzt vor der Wahl im März 2026.

Wie eben Liselotte Oberbauers Anfrage für Unterreit. Ein paar Tage sind aber auch dort noch Zeit, um eine Aufstellungsversammlung abzuhalten und sich bei dieser wenigstens schon mal zum Kandidaten wählen zu lassen. Zu diesem Zweck könnte sich auch eine ganz neue politische Gruppierung gründen, die dann aber noch eine bestimmte Zahl an Unterschriften von Wahlberechtigten sammeln müsste.

So geschieht es gerade in Tüßling. Dort haben sich auf die gemeindliche Stellenanzeige bis zum Bewerbungsschluss am 1. Dezember zwar auch keine Kandidaten gemeldet. Kurz darauf hat der Gemeinderat aber festgelegt, für den Bürgermeisterposten beim Ehrenamt zu bleiben und auf einen hauptberuflichen Bürgermeister zu verzichten – gerade noch rechtzeitig, denn diese Frage muss mindestens 90 Tage vor der Wahl entschieden sein.

Zuletzt haben zwar immer mehr kleine Gemeinden wie das winzige Unterreit auf hauptamtliche Bürgermeister gesetzt, weil die Aufgaben im Rathaus nebenberuflich kaum mehr zu bewältigen seien. Außerdem wollen manche Gemeinden auf diese Weise attraktiver für Kandidaten werden. In Tüßling aber könnte das Gegenteil der Fall sein. Gleich nach dem jüngsten Ratsbeschluss hat sich dort jedenfalls eine neue „Tüßlinger Liste“ gegründet und zur allgemeinen Erleichterung einen Bürgermeister-Kandidaten nominiert. Nach den Eindrücken, die man im Rathaus gewonnen hat, wird nun auch in anderen Gruppen über mögliche weitere Kandidaturen gesprochen.

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