Nur alle sechs Jahre wird auf kommunaler Ebene gewählt. Entsprechend groß ist der Anteil der Erstwähler: Von rund zehn Millionen Stimmberechtigten in Bayern dürfen etwa 700 000 junge Menschen erstmals ihre Stimme abgeben und damit über die Zusammensetzung der Kommunalparlamente entscheiden. Der Blick von vier jungen Menschen auf die Kommunalwahl.
Nina Vogel, 24, wurde mit 18 Jahren und 52 Tagen Stadträtin in Neuburg an der Donau und möchte das auch bleiben. Gemeinsam mit ihrem Freund kandidiert sie für die Grünen auf guten Listenplätzen. Durch ihr Studium lebte sie an zwei Orten. In Eichstätt studiert sie Politikwissenschaft und Philosophie. Familie und Amt sind in Neuburg. Regelmäßig sind das 50 Minuten mit dem Bus, mit etwas Glück 30 Minuten per Anhalter.

„Mir ist Generationengerechtigkeit wichtig, deshalb will ich, dass Rufbusse installiert und Fahrradwege gebaut werden. Als Stadträtin habe ich mich dafür eingesetzt, dass eine zusätzliche Fahrradbrücke über die Donau gebaut und eine Schule umbenannt wird, die nach einem NS-Generalleutnant benannt war. Ich glaube, dass Kommunalpolitik unterschätzt wird. Sie betrifft das Leben von jedem in der Stadt unmittelbar. Man kann als Bürger die Stadtratsmitglieder, sei es auf dem Markt oder eben im Kino oder beim Einkaufen, jederzeit ansprechen und Anregungen formulieren. Man selbst kann sehr, sehr viel Einfluss haben und sich unmittelbar einbringen.
Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und bei uns war Politik nicht wirklich Thema zu Hause. Politisch geprägt hat mich meine Deutschlehrerin. Mit ‚Fridays for Future’ bin ich groß geworden und habe auch einen guten Draht zum Jugendparlament. Andererseits habe ich mit meinem Freund einen Tandem-Partner in der Politik. Wir inspirieren einander und unterstützen uns. Für die Zukunft möchte ich gerne Studium und Politik unter einen Hut bekommen. Jetzt erst mal den Bachelor fertig machen, dann den Master. Ich kann mir auch vorstellen, danach an der Uni zu bleiben. Durch Praktika habe ich auch einen Einblick in Bundestag und Landtag bekommen. Die Kontakte pflege ich.“
Lucas Papenfuß, 21, nimmt in Augsburg erstmals an der Kommunalwahl teil. Für das Sozialwissenschaftsstudium ist er 2024 aus dem Münchner Speckgürtel nach Augsburg gezogen. Er arbeitet nebenher in einem Café und geht gerne ins Kino. Dass er in Augsburg alles zu Fuß erreichen kann, gefällt ihm so gut, dass er langfristig dort bleiben will.

„Ich wünsche mir, dass der Stadtrat mehr kulturelle Angebote schafft. Damit meine ich nicht unbedingt nur Museen, sondern auch Kinos oder im weiteren Sinne Gastronomieangebote. Schöne Kinos gibt es kaum noch in der Stadt, nur noch diese riesigen Ketten. Genauso bei den Cafés. In München läuft man an so vielen interessanten Cafés vorbei. Hier in Augsburg fallen mir vielleicht zwei ein, wo der Kaffee dann auch schmeckt. Es musste viel schließen, weil die Mietkosten rasant anstiegen. Da sollte sich der Stadtrat einmischen.
Für mich ist gute Kommunalpolitik sehr bürgernah und geht Themen an, die für die Menschen von Relevanz sind. In Augsburg habe ich jedoch nicht das Gefühl, dass das passiert. Ich informiere mich wenig über Kommunalpolitik, weil ich nicht das Gefühl habe, dass ich etwas aktiv mitgestalten kann. Auch die Wahl interessiert mich an sich recht wenig. Ich glaube nicht, dass wir mit den Kandidaten hier viel erreichen können, gerade, weil sich die Parteien sehr ähnlich sind. Auch die Wahlplakate sind denkbar dumm. Ich studiere Politik, aber verstehe die trotzdem nicht. Das ist schade, weil ich glaube, dass Kommunalpolitik wichtig ist. Ich kenne Menschen, die super engagiert sind, aber ich finde, dass die Art und Weise, wie die Kommunalpolitik hier betrieben wird, nicht sinnvoll ist.“
Laura Wimmer, 18, wählt das erste Mal den Gemeinderat bei sich daheim in Markt Kraiburg am Inn. In Waldkraiburg macht sie gerade ihr Abitur, danach will sie an der Technischen Uni in München Architektur studieren. Wegziehen will sie aber nicht. In Kraiburg ist ihr Freundeskreis und die Blaskapelle, in der sie spielt.

„Mir ist es wichtig, dass die Vereine unterstützt werden, weil die einfach zu wenig Geld haben. Neben der Blaskapelle habe ich auch lange in der Garde getanzt. Da hat die Gemeinde einen Proberaum zur Verfügung gestellt. Ein Bürgermeister oder Gemeinderat muss präsent sein und man muss sich auch gut auf menschlicher Ebene unterhalten können. Mir ist wichtig, dass man, wenn man wirklich etwas einbringen möchte, das so auch offen anbringen kann.
Auch in meinem Freundeskreis sehen die Leute, dass die Kommunalwahl wichtig ist. Ich glaube, das liegt daran, dass es in kleineren Orten eher noch üblich ist, dass man in Vereinen ist. Dann interessiert es einen eher, was mit dem Ort passiert. Mein Vater hat bei der letzten Wahl kandidiert und jetzt tritt der Vater meiner besten Freundin für die Gemeinderatswahl an. Ich kenne auch jüngere Leute aus dem Ort, die antreten. Da ist mir dann eingefallen, dass es eigentlich gar nicht so uncool wäre, da auch ein bisschen was zu machen. Jetzt mit dem Abi ist mir das zu stressig, aber ich kann mir schon vorstellen, mal als Gemeinderätin zu kandidieren. Bauflächen, Wohnungen und Denkmalschutz könnte ich mir vorstellen. Aber auch Politik speziell für Jugendliche oder Familien.“
Nick Bätz, 22, tritt in Coburg bei der Stadtratswahl für die Junge Union an. Als Teenager hat er fast seine gesamte Freizeit in Coburg verbracht, obwohl er eigentlich im thüringischen Sonneberg lebt. Mit 20 Jahren ist er dann umgezogen und hat bei der Stadt Coburg eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter gemacht. Jetzt arbeitet er im Landratsamt.

„Mit 16 hätte ich mir nie vorstellen können, mich selbst politisch zu engagieren. Das kam über meine Arbeit in der Stadtverwaltung. Da sind mir Dinge aufgefallen, die mich stören und die man besser machen kann. Zum Beispiel, dass zu wenig auf junge Leute geschaut wird. Deshalb will ich ein Jugendparlament in Coburg, weil ich in meiner Generation gemerkt habe, dass die Jugend immer politikverdrossener wird. Ein Budget von 10 000 Euro im Jahr würde für so etwas reichen. Es gibt viele Städte, wo so was wirklich gut klappt.
Ein anderer Punkt ist, dass Coburg zwar nicht sehr groß ist, es wäre aber trotzdem schön, wenn die Leute in einer Studentenstadt auch nach 20 Uhr mit dem Bus nach Hause kommen könnten. So eine Lösung könnte man als Pilotprojekt zumindest mal ein Vierteljahr ausprobieren. Ich komme aus einem relativ politischen Elternhaus. Meine Mutter ist in Sonneberg in der Kommunalpolitik. Sie hat mein Interesse für die Politik natürlich sehr erhöht. Fürs Erste bleibe ich in Coburg, aber wer wirklich aktiv und engagiert in der Jugendpolitik ist, hat schon irgendwann mal Lust oder sogar das Ziel, politisch ein bisschen mehr zu machen. Aber das ist jetzt nichts, was man so zu 100 Prozent planen kann.“

