Süddeutsche Zeitung

Bayerische Geschichte:Der verkannte Regent

Ludwig II. haftet das Image eines unfähigen Herrschers und bauwütigen Kunstliebhabers an. Völlig zu Unrecht: Experten bescheinigen dem bayerischen König politische Durchsetzungskraft und modern anmutende Ideen.

Von Hans Kratzer

Beim Betrachten von alten Archivfilmen kommt man oft aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Im Jahr 1964 hat zum Beispiel der Fernsehjournalist Werner Widmann den damals 98-jährigen Fritz Schwegler interviewt. Schwegler kannte König Ludwig II. noch persönlich, jahrelang hat er ihn bei seinen Ausfahrten als Vorreiter begleitet. Das Gespräch ist ungemein berührend, weil Schwegler den König ganz anders schildert, als es heute üblich ist. Über eine mögliche Geisteskrankheit Ludwigs II. verliert er kein Wort, ganz im Gegenteil. "Ja, ja, gmiatlich war er", sagte Schwegler. Und er sei "guat im Kopf" gewesen, "gescheit, freundlich und gebildet." Der Dienst unter Ludwig II. sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen.

Das gängige Bild Ludwigs II. zeigt ihn als regierungsunfähigen Herrscher, vom Wahnsinn gezeichnet und von krankhafter Bausucht befallen. Dass er ein politischer Kopf und ein sein Amt sehr gewissenhaft ausübender König war, davon ist eher selten die Rede. Warum das so ist, wurde vor Kurzem bei einem Salongespräch im Münchner Café Luitpold erörtert, das gewinnbringend war, weil dort drei kundige Ludwig II.-Experten (Martha Schad, Christof Botzenhart und Peter Gauweiler) souverän und unterhaltsam so manche "Wahrheit" über den König entzauberten.

Dass Ludwig II. als "eine der schillerndsten Gestalten der deutschen Geschichte", wie ihn Moderator Christian Gohlke rühmte, letztlich einem Politskandal zum Opfer fiel, daran ließen die Diskutanten keinen Zweifel. Schon deshalb zogen ihn alle drei sofort raus aus der Kitschecke, in die man ihn ansonsten zu gerne steckt. "Ich bin kein großer Verehrer von Ludwig II., aber es kann nicht sein, dass er von 1864 bis 1886 nichts Politisches gemacht hat", sagte Botzenhart, der in seiner Dissertation das Bild des weltabgewandten Märchenkönigs glasklar korrigierte. "Er verstand sich als Staatsmann", sagte er, er hat bis zum Schluss Akten und Signate schnell erledigt. "Andernfalls wäre ja der Staatsapparat zum Stillstand gekommen."

Botzenhart vermutet, dass der Monarch unter der wachsenden Beschränkung seiner Möglichkeiten - bedingt durch den Konflikt mit Preußen und die Kämpfe mit dem eigenen Landtag - sehr litt und sich auch deshalb aus der Öffentlichkeit zurückzog. Gauweiler, der sich selbst als "Ludwig-Aficionado" bezeichnet, sagte als Jurist und Politiker, Ludwig II. sei zweimal politisch gebrochen worden, einmal beim erzwungenen Kriegseintritt von 1866, und dann 1870/71, als Bayern in das Deutsche Reich eintreten musste und seine Souveränität verlor. Mit modern anmutenden Ideen habe er versucht, das Schicksal doch noch zu Bayerns Gunsten zu drehen. So habe er vorgeschlagen, das deutsche Kaisertum wechselnd zu vergeben, ähnlich wie heute die EU-Ratspräsidentschaft.

Die psychologische Seite seiner Existenz erhellte die Historikerin Martha Schad, die sich dem König von den Frauen her annäherte und manches Vorurteil entkräftete, etwa dass sich die Mutter nicht um ihre Söhne gekümmert habe. Sie führte bezeichnende Fälle auf, in denen die politische Durchsetzungskraft des Königs deutlich wurde. Wie er den gescheiterten Komponisten Richard Wagner nach München geholt und seine Kunst zum Erblühen gebracht habe, wie er mit den Staatsgewalten jongliert habe, indem er stets Liberale regieren ließ, obwohl die Konservativen die Mehrheit innehatten.

Was auch immer seinen Tod im Starnberger See herbeiführte, sei spekulativ, aber so wie es offiziell dargestellt wurde, könne es sich nicht zugetragen haben, sagte Gauweiler. Es sei unvorstellbar, dass niemand etwas von dem Drama mitbekommen habe, das sich dort, wo der See am flachsten sei, völlig lautlos ereignet haben soll. In Starnberg sei das gesamte diplomatische Korps vertreten, in Berg seien in jedem Bauernhof Soldaten einquartiert gewesen, Polizisten hätten am Ufer patrouilliert. "Und niemand hat vom Todeskampf zweier Männer was gehört. Das widerspricht jeder Logik."

Man darf bei der Bewertung dieses Ereignisses die Vorgeschichte nicht ausklammern, sagte Gauweiler. Die Minister, die, um ihre eigene Stellung zu retten, die Entmündigung des Königs inszenierten, hätten bei ihrer Aktion alles missachtet und gebrochen, was im Deutschen Reich und im Königreich Bayern gültiges Recht gewesen sei. "Es war ein schweres Staatsverbrechen." Gauweiler stellte klar, dass das Einschalten des staatlichen Machtapparats für illegale Handlungen auf jeden Fall die juristische Schuld nach sich ziehe, wenn das Opfer dabei zu Tode komme. Zuletzt stellte Gauweiler die These in den Raum, Bayern wäre viel erspart geblieben, wenn Ludwig nicht gescheitert wäre.

Den Einwand aus dem Auditorium, Ludwig II. habe als Staatsmann seine Rolle verfehlt, konterte Gauweiler mit einem Wort von Golo Mann, wonach das, was einer taugt, letztlich danach beurteilt werde, was von einem bleibt. Für ihn war Ludwig II. ein Realist, der verstanden habe, dass man den Menschen Träume liefern muss, wie es dem Untertan Schwegler geschehen ist. Natürlich sei er mit seiner Politik chancenlos gewesen, aber: "Ludwig ist besser gescheitert als alle anderen zusammen."

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SZ vom 06.10.2020/kafe
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