Knabenchöre in der Corona-Krise:Stille Spatzen

Regensburger Domspatzen

Viel Raum im Haus des Herrn: Die Regensburger Domspatzen bei Fernsehaufzeichnungen und mit Abstand im Regensburger Dom.

(Foto: Sebastian Beck)

Jungen bleibt zum Singen auf Spitzenniveau nur ein winziges Zeitfenster, Knabenchöre können derzeit kaum proben. Und nun bricht auch noch die weihnacht­liche Hauptsaison weg.

Von Rita Argauer und Sarah Maderer

Zeit ist relativ. So ist etwa für Chorknaben eine Pause von neun Monaten eine ganz andere Zeitspanne als für einen Erwachsenen. Jungs, die im Chor singen, opfern einen großen Teil ihrer Buben-Kindheitszeit für Stimmbildung und Gesangsunterricht. Dafür entlohnt werden sie durch Auftritte, durch tolle Partien und den Reiz der Bühne. Eine schöne Verabredung, die ein Kind, wenn es denn genug Talent hat, gut eingehen kann, wenn es das denn möchte. Die Chorknaben jetzt aber werden nicht entlohnt, sie dürfen nicht auftreten. Die Hauptsaison der Knabenchöre ist die Vorweihnachtszeit. Dann singen die berühmten Ensembles in Kirchen und Konzerten, an der Oper oder in Gottesdiensten.

Jetzt singt niemand mehr zusammen. Und auch schon vor dem jetzigen Lockdown, unterbanden die notwendigen Hygienekonzepte ein wirkliches Gemeinschaftsgefühl. In einem großen Chor singen, fühlt sich anders als im kleinen Ensemble. "Wie sollen die lernen, zusammen zu singen, wenn sie nicht beieinander stehen und nur sich selbst hören?", fragt etwa Barbara Schmidt-Gaden. Sie ist Geschäftsführerin im Tölzer Knabenchor und gleichzeitig auch selbst Sängerin im BR-Chor. Die Zeit gerade nennt sie "heftig".

Normalerweise hat der große Chor im Dezember 40 Auftritte, die kleinen Nachwuchschöre treten zusätzlich in Altenheimen und Krankenhäusern auf. Die Kinder proben seit September dafür. Jetzt gibt es zum vierten Advent ein Streaming-Konzert aus der Tölzer Stadtpfarrkirche; und davor einen digitalen Adventskranz: Es wurden Videos aufgenommen und auf den einschlägigen Kanälen veröffentlicht. Ein Trostpflaster fürs viele Üben und für die Eltern, die ihre Söhne dann doch auch mal singen hören.

Stimmlich geht es ihnen gut. Doch die Motivation speist sich aus der Vorfreude auf den Auftritt

Ein ganz ähnliches Programm bietet auch der Windsbacher Knabenchor. Für Eltern und Mitarbeiter habe man einen internen digitalen Adventskalender eingerichtet, der nach dem selben Prinzip funktioniert. Der Probenalltag hat sich auch in Windsbach geändert, man probe in Gruppen mit 16 Sängern und drei Metern Abstand, erklärt Chorleiter Martin Lehmann. "Dem Chor geht es gut", sagt er. Doch auch er betont: "Die Motivation speist sich aus der Auftrittsperspektive."

Auch der Münchner Knabenchor hatte sich ein Hygienekonzept zurechtgelegt, das bis zu Beginn des harten Lockdowns aufging: Proben in kleinen Gruppen, vermehrt Einzel- und Theorieunterricht, große Abstände, regelmäßiges Lüften. Eltern wie Kinder hätten sich sehr pflichtbewusst und kooperativ gezeigt, sagt der Geschäftsführer und künstlerische Leiter Ralf Ludewig, der den Chor 2014 gründete.

Die Regensburger Domspatzen gehören hingegen mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte zu den ältesten Knabenchören der Welt. Auch hier gehe es dem Chor zwar stimmlich erstaunlich gut, wie Sprecher Marcus Weigl berichtet. Doch die Situation für Chöre sei insgesamt eher "traurig und schwierig". Von Januar an scheiden etwa die nächstjährigen Abiturienten aus. Die hätten dann unter Umständen "keine Karwoche und kein Weihnachten als Männerstimme im Regensburger Dom gesungen, von Konzerten ganz zu schweigen". Außerdem lernen die jüngeren Knaben von den älteren. Da der Stimmbruch aber immer früher einsetzt und jüngere Knaben nicht in gewohnter Stärke nachrücken, fehlen erfahrene Sänger, das wichtige Lernen voneinander kommt zu kurz. Was wieder einmal drastisch zeigt, wie knapp das Zeitfenster für Chorknaben ist.

Das bestätigt auch Stefan Steinemann, Domkapellmeister in Augsburg: Er mag nicht ausschließen, dass es in den kommenden Jahren zu einem Einbruch beim Nachwuchs kommen kann. Steinemann aber empfindet die neuen Formationen in reduzierter Sängerzahl sogar als Chance: Die räumlichen Abstände fördern die Aufmerksamkeit der Knaben, sie suchen mehr Kontakt nach vorne, was musikalisch gesehen ein gutes Training mit großem Lerneffekt bedeuten kann. Zwar sind die Konzerte abgesagt, das liturgische Singen während der Weihnachtsfeiertage dürfe aber mit vier Sängern bestritten werden. Der Konzert-Stream von Bachs Weihnachtsoratorium am kommenden Sonntag wurde aber bereits im vergangenen Jahr aufgezeichnet.

Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, auch weil etwa die Vertreter der Chöre derzeit nicht mehr in die Schulen gehen können, um für ihren Chor zu werben, haben sich die Windsbacher, die Tölzer, die Regensburger und die Augsburger zu der Initiative "Kulturgut Knabenchor" zusammengetan. Mehr als 40 Chöre aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich bereits angeschlossen. Trotzdem hatten die Tölzer in diesem Jahr nur ein Drittel Neuinteressenten.

In Windsbach waren nur acht Sänger beim Vorsingen, in normalen Jahren nimmt der Chor 20 neue Sänger auf. Aber sowohl in Windsbach als auch in Tölz seien die wenigen neuen Sänger alle erstaunlich gut gewesen. Und Ludewig betont, dass der Münchner Knabenchor einer der wenigen sei, der seinen Nachwuchs seit Jahren nicht durch Werbung, sondern durch reine Mundpropaganda gewinnen kann. Das hat sich bis jetzt auch durch Corona nicht geändert.

© SZ vom 18.12.2020/kafe
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