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Klimakrise in Bayern:Das ewige Eis wird bald weg sein

Sonne auf der Zugspitze

Ausflügler wandern auf der Zugspitze über den Gletscher. Bereits Anfang der 2030er-Jahre wird davon laut Wissenschaftlern nichts mehr übrig sein.

(Foto: dpa)

Weil die Temperaturen in den Alpen rasch steigen, korrigieren die Wissenschaftler ihre Prognosen: Bereits Anfang der 2030er-Jahre werden die fünf bayerischen Gletscher geschmolzen sein.

Von Christian Sebald

Es ist gerade mal neun Jahre her, da haben die Glaziologen an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) prophezeit, dass die fünf Gletscher in den bayerischen Alpen Mitte des Jahrhunderts verschwunden sein werden. Nun haben sich die Wissenschaftler korrigieren müssen. Es wird nur noch bis Anfang der 2030er-Jahre dauern, bis von den fünf Gletschern nichts mehr übrig ist. Der Grund ist die ungeheure Dynamik der Klimakrise auch in Bayern. "Unsere Gletscher sind Fieberthermometer des Klimawandels", sagt Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler). "Das ewige Eis blutet immer schneller aus. Binnen zehn Jahren haben die bayerischen Gletscher zwei Drittel ihres Volumens verloren. Und ihre Fläche ist um ein Drittel geschrumpft."

Der Nördliche Schneeferner, der Südliche Schneeferner, der Höllentalferner, der Watzmanngletscher und das Blaueis: Das sind die fünf Gletscher in Bayern. Die ersten drei liegen an der Zugspitze, die mit 2962 Metern Deutschlands höchster Berg ist, die beiden anderen im Nationalpark Berchtesgaden am Watzmann und nördlich des Hochkalter.

Der Grund für ihr Sterben ist der rasante Anstieg der Durchschnittstemperatur in den Alpen. Mit ungefähr zwei Grad Celsius in den vergangenen 120 Jahren fällt er doppelt so stark aus wie im übrigen Bayern. Das bedeutet, dass sich die Höhenlage, in der Gletscher bestehen können, weit nach oben verschoben hat.

Bis in die 1950er-Jahre galten als Untergrenze für einen Alpengletscher etwa 3000 Höhenmeter. Inzwischen setzen sie die Glaziologen bei 3500 Metern Höhe an. Die bayerischen Gletscher liegen alle deutlich darunter: die drei Zugspitzferner auf 2400 bis 2700 Höhenmeter, das Blaueis auf 2400 und der Watzmanngletscher sogar nur auf gut 2100 Höhenmeter. "Unseren Gletschern geht schlicht der Platz aus", sagt der BAdW-Glaziologe Christoph Mayer. "Sie können sich nicht in höhere Höhen zurückziehen, wie die Gletscher in den Westalpen mit ihren 4000ern. Dafür sind unsere Gipfel zu niedrig."

Allerdings schreitet der Schwund unterschiedlich voran. Der Nördliche Schneeferner war bis wenigen Jahren der größte Gletscher Bayerns. Nun ist er mit 16,1 Hektar Fläche auf Rang zwei zurückgefallen. Mit 16,7 Hektar Fläche ist jetzt der Höllentalferner der größte. Der Grund für den Rangwechsel ist, dass der Nördliche Schneeferner sehr viel ungünstiger liegt als der Höllentalferner. Er erstreckt sich oben auf dem Zugspitzplatt, wo überall die Sonne hinkommt. Statistisch gesehen fließen aus ihm jede Minute 500 Liter Wasser ab. Im Jahr summiert sich das auf 263 Millionen Liter. Wobei laut dem Glaziologen Mayer das Maximum bereits überschritten ist. Wie die anderen Gletscher ist auch der Nördliche Schneeferner so stark geschrumpft, dass inzwischen aus ihm weniger Wasser abfließt als früher.

Der Höllentalferner dagegen erstreckt sich in einer tiefen Senke nördlich des Zugspitzgipfels. Auch nach Westen und Nordwesten ist er von hohen Felswänden umgeben. Deshalb liegt er die meiste Zeit des Jahres im Schatten. Aber nicht nur das lässt ihn besser dastehen als die anderen bayerischen Gletscher. Zumindest zeitweise fällt in seinem oberen Bereich mehr Schnee als dort abschmilzt. Außerdem stürzen aus den Felswänden um ihn herum oft Lawinen auf ihn herab und liefern ihm zusätzlichen Schnee. Der Höllentalferner ist denn auch der einzige bayerische Gletscher, der noch eine Gletscherzunge hat. Aber auch das wird ihn nicht retten.

Allerdings wird sich das Ende des Höllentalferners länger hinziehen als das des Südlichen Schneeferners. Die Reste des dritten Zugspitz-Gletschers sind längst so kümmerlich, dass sie schon demnächst ganz verschwunden sein dürften. Dabei war der Südliche Schneeferner um das Jahr 1900 herum Bayerns größter Gletscher.

© SZ vom 30.04.2021/kafe, van
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