Süddeutsche Zeitung

Umweltministerium:Wissenschaftler kritiseren Glaubers Klima-Report

Die Forscher werfen Bayerns Umweltminister vor, die Klimakrise in seinem jüngsten Bericht massiv zu unterschätzen. Der Politiker der Freien Wähler weist die Kritik zurück.

Von Christian Sebald

Als Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) vor sechs Wochen den Klima-Report Bayern 2021 vorgestellt hat, hat er denkbar markige Worte gewählt. "Der Klima-Report zeigt klar: Wir müssen handeln", sagte Glauber. Ohne konsequenten Klimaschutz könnte nämlich die mittlere Temperatur im Freistaat bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 4,8 Grad Celsius ansteigen. Die Zahl der Hitzetage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius würde sich dann um 36 auf 40 pro Jahr erhöhen, die Zahl der Tropennächte, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad sinkt, auf 18 im Jahr ansteigen. Glauber kündigte deshalb neue Klimaschutzmaßnahmen an. "Unser Klima-Paket II soll ein Turbo für unsere Klimaschutzoffensive werden", sagte er.

Jetzt werfen drei Wissenschaftler Glauber vor, in seinem neuen Klima-Report die Auswirkungen der Klimakrise auf Bayern massiv zu unterschätzen. Das Ausmaß des in den letzten 40 Jahren verstärkten Klimawandels bleibe "verschleiert", heißt es in einem Brief, den Professor Thomas Foken, Professorin Almut Arneth und Eberhard Faust dieser Tage an Glauber geschrieben haben. Die drei Wissenschaftler arbeiten seit vielen Jahren über die Klimakrise.

Der Meteorologe Foken hat lange Jahre an der Universität Bayreuth gelehrt und war 2008 einer der Herausgeber von "Klimaanpassung Bayern 2020", einer der ersten Studien überhaupt über die Auswirkungen der Klimakrise auf den Freistaat. Arneth ist Ökosystemforscherin am Karlsruher Institut für Technologie und hat an dem Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme des Weltklimarates IPCC mitgearbeitet. Faust war viele Jahre leitender Experte für Klimarisiken und Naturgefahren der Rückversicherungsgesellschaft Munich Re.

Die drei Fachleute stützen ihre Kritik an Glaubers Klima-Report zum Beispiel darauf, dass die aktuelle Erwärmung der Durchschnittstemperatur in Bayern gegenüber 1950 bereits 1,9 Grad beträgt. Damit liege sie schon heute deutlich über der globalen Erderwärmung von etwa 1,1 Grad und zugleich am oberen Rand des Szenarios in Glaubers Klima-Report für die Klimaerwärmung in Bayern. Ähnlich problematisch sehen die Wissenschaftler die Aussagen des Klima-Reports zu den Hitzetagen und Tropennächten. Sie sind aus ihrer Sicht zumindest nicht für die großen Städte im Freistaat repräsentativ. Denn in ihnen herrschten schon heute Wärmebelastungen für die Bevölkerung, die dort laut Klima-Report erst in einigen Jahrzehnten typisch sein könnten.

Glauber weist die Kritik zurück. "Es gibt keinen Grund, am Klima-Report zu rütteln", sagt er. "Klimaschutz ist eines der großen Themen unserer Zeit, es ist eine entscheidende Aufgabe, den Klimawandel mit einer Vielzahl konkreter Maßnahmen zu stoppen." Deshalb habe die Staatsregierung das "klare Ziel, dass Bayern bis 2050 klimaneutral sind soll". Ein Sprecher verwies darauf, dass der Klima-Report auf einem breiten wissenschaftlichen Fundament basiere. Das fast 200 Seiten starke Werk lege alle verwendeten Daten und Zahlen offen und transparent dar.

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SZ vom 09.04.2021/vewo
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