Man hat ja schon einiges erlebt auf Bahnfahrten, das Störungsbingo vielfach durchgespielt: Probleme an der Weiche, Verspätung aus vorheriger Fahrt, unbefugte Personen im Gleis, klar, die Klassiker. Selbst in fremder Leute Notdurft stand man einst, weil die Toilette überlief. Aber das? Ist einem noch nicht widerfahren.
RE10 aus Würzburg nach Nürnberg, Einstieg in Kitzingen, hinterer Zugteil, dritte Reihe neben der Tür, Fensterplatz. Es ist einer der ersten dauerregnerischen Tage seit Langem, die Luftfeuchtigkeit hoch, man hat eine Weile draußen am Gleis auf den Zug gewartet, die Wahrnehmung ist deshalb getrübt. Aber wenn man sich nicht täuscht – dann ist die Feuchtigkeit auch im Zug recht hoch, auf dem Sitz. Im Sitz. Aber vielleicht ist auch einfach die Hose klamm, vom Warten, draußen. Wahrscheinlich ist es so.
Kurz vor Emskirchen dann Fahrkartenkontrolle. Ein Endfünfziger mit kurz geschorenem Haar und bauchspannendem T-Shirt in knallrot – Aufschrift „Gangsta Lions“ – zeigt der Schaffnerin sein Ticket. Und sich dann entwaffnend ehrlich, fein sächselnd: „Mein Hintern ist nass.“
Man blickt vom Handy auf. Hat er das gerade wirklich gesagt? Erst jetzt sieht man, dass er auf einem Stoffbeutel sitzt. „Es sind alle Sitze nass“, bekräftigt er. Unglaube bei der Schaffnerin, Zustimmung aus den anderen Sitzreihen. Bis jetzt habe sich nur keiner getraut, etwas zu sagen, erklärt ein älterer Mann in Trekkingtracht, Socken und Sandalen, der auf einer Plastiktüte sitzt. Nicht, dass die anderen noch auf die Idee kämen, man selbst habe das Wasser gelassen, so meint er das.
„Es wurde definitiv gereinigt. Da hat es jemand gut gemeint“
Die Schaffnerin beginnt langsam zu glauben, stützt sich mit der Faust auf einen Sitz: „Ist nass“, sagt sie, „richtig nass. Wahrscheinlich vom Reinigen.“ Sie läuft jetzt durch den Regionalexpress, Fahrgastbefragung: „Ist Ihr Sitz auch nass?“ Nach ein paar Minuten kommt sie zurück mit der Bestätigung: alle Sitze nass. „Es wurde definitiv gereinigt. Da hat es jemand gut gemeint.“
Die Stimmung im Waggon trübt die Sitzpolsternässe gleichwohl nicht, ausnahmsweise herrscht kein Deutsche-Bahn-Frust. Der Endfünfziger mit dem roten T-Shirt sucht sogar bei sich die Verantwortung. „Ich bin selbst schuld“, sagt er voller Einsicht. „Ich bin zu schwer. Da sacke ich zu tief ein.“ Und zwischen zwei Frauen entspinnt sich kurz vor ihrem Ausstieg in Fürth dieser Wortwechsel: „Zu Hause erstmal waschen, die Hose“, sagt die eine. Und die andere: „Ist doch gereinigt!“


