Vor der Türe des Turnraumes der Kita Campus Nest in Landshut hört man schon aufgeregte Kinderstimmen. Sie warten, bis sie endlich reinkommen dürfen. Dort wird jetzt aber nicht geturnt. In der Mitte des Raumes ist ein Stuhlkreis aufgebaut. Darin sitzt Marcelo Costa e Silva auf einem Drehstuhl und hält laminierte Karten in der Hand. Er begrüßt die Jungen und Mädchen auf Portugiesisch. Heute wird er ihnen von seinem Heimatland erzählen: Brasilien.
Organisiert ist das Ganze von der Freiwilligen Agentur Landshut (FALA). Die FALA ist eine Anlaufstelle für ehrenamtliches Engagement. Sie unterstützt Menschen, die sich freiwillig engagieren möchten, und bringt sie mit passenden gemeinnützigen Tätigkeiten und Organisationen zusammen. Es gibt auch eigene Projekte wie das „Café Deutsch“. Und die interkulturellen Erzählstunden, weswegen Costa e Silva heute in der Kita Campus Nest ist. 2020 wurden die Erzählstunden mit dem Bayerischen Integrationspreis ausgezeichnet.

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Costa e Silva fragt die Kinder, ob sie schon mal verreist seien. „In den Oman“, antwortet ein Junge, „nach München“, antwortet ein Mädchen. Dann zeigt Costa e Silva die ersten Bilder: die Christus-Statue in Rio de Janeiro, die brasilianische Flagge.
Costa e Silva erklärt den Kindern, wie unsere Welt aufgebaut ist. In Städte, Länder, Kontinente. Und dass es ganz schön lange braucht, um bis nach Brasilien zu fliegen. Ein Mädchen weiß das schon. Sie hat selbst brasilianische Wurzeln und war über Weihnachten dort bei ihren Großeltern zu Besuch. Jessica Földy-Rammelsberger, Leiterin der Kita Campus Nest, erzählt, dass Kinder, deren Heimatland in einer Erzählstunde vorgestellt wird, auch im Nachklang stolz noch mehr von ihrem Land erzählen. „Kinder, die aus anderen Kulturen stammen, merken, wie besonders und wie wertvoll das eigentlich ist“, sagt Földy-Rammelsberger.
Die Jungen und Mädchen fragen bei allem, was ihnen neu ist, bei Costa e Silva nach. Kinder hätten keine Vorurteile und eine natürliche Neugierde, so Costa e Silva. Davon könnten sich Erwachsene eine Scheibe abschneiden. Bei einem Bild, das indigene Menschen zeigt, ist ein Mädchen mit Katze auf dem Pullover besonders erstaunt, warum „die denn nackt sind“. „Weil es warm ist. Und sie sich immer wieder im Wasser abkühlen. Und bevor sie sich viele Klamotten anziehen, dann bleiben sie einfach so nackig“, erklärt Costa e Silva. Er erklärt aber nicht nur die Unterschiede zwischen Brasilien und Deutschland, sondern auch, was beide Länder gemeinsam haben. Die Begeisterung für Fußball zum Beispiel. Und in beiden Ländern wird Karneval gefeiert.
Die Kinder hören sehr aufmerksam zu. Wenn Costa e Silva Bilder zeigt, lehnen sich alle vor, um sich alles ganz genau anschauen zu können: die verschiedenen Tiere im Amazonas, den Strand, die Figuren brasilianischer Kindergeschichten.
Er zeigt auf ein Hochhaus nahe dem Stadion in Rio de Janeiro. „Hier habe ich gewohnt“, erzählt er den Kindern. Mit 27 Jahren ist Costa e Silva für sein Studium nach Deutschland gekommen. „Brasilien ist mein Land. So wie Deutschland auch. Ich brauche beides.“ Heute ist er 62 Jahre alt und Dozent an der Hochschule Landshut im Bereich „Interkulturelle Kommunikation“. Seit circa drei Jahren beteiligt er sich an den interkulturellen Erzählstunden. „Ich lerne auch sehr viel von den Kindern“, sagt er. Sie brächten ihm im Gegenzug Wörter aus ihrer Muttersprache bei.

Der Brasilianer ist einer von 17 Erzählern, die bei den interkulturellen Erzählstunden schon mitgemacht haben. Kurdistan, Syrien, Kasachstan und die Philippinen waren nur einige der Herkunftsländer. Fast 70 Stunden in 20 verschiedenen Einsatzstellen sind so schon zustande gekommen. Oft dürfen die Kinder dabei auch Essen aus dem jeweiligen Land probieren oder traditionelle Kleidung anziehen. Die FALA hat die Erzählstunden selbst entwickelt, nachmachen dürften das aber natürlich auch andere Freiwilligenagenturen.
Földy-Rammelsberger hat sich entschieden, mit ihrer Kita beim Projekt teilzunehmen, „weil wir in Vielfalt leben“. Und sozial sensibler würden die Kinder mit den Erzählstunden werden. Die Hälfte der Kinder in ihrer Kita habe einen Migrationshintergrund. „Wir sind bunt“, sagt sie. Michaela Leicht, die bei der FALA arbeitet und die Erzählstunden organisiert, sagt: „Es ist positiv, den Kindern die Vielfalt von Kulturen zu zeigen. Und zu zeigen: Es ist nicht nur Deutschland wichtig, sondern auch das eigene Heimatland“, sagt auch Leicht. Kindern sollten von Anfang an lernen, dass es ganz normal ist, dass Menschen aus verschiedenen Ländern kommen und „alle bloß Menschen sind“.

Costa e Silva und Leicht machen sich aber auch Sorgen um die Finanzierung des Projekts und ehrenamtlicher Arbeit im Generellen. „Je rechter die Regierung ist, desto weniger wichtig ist ihr die Integration und das Ehrenamt“, sagt Leicht. „Da besteht dann die Gefahr, dass keine Gelder mehr für das ganze Engagement da sind. Also das ist schon eine große Sorge.“ Seit 2019 gibt es die interkulturellen Erzählstunden – finanziert vom bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Es braucht zum einen Geld für Leichts Arbeitsstunden, die gelernte Ingenieurin ist, und zum anderen für Material wie Flaggen, das in den Stunden benutzt wird. „Wir machen das größtenteils aus Idealismus“, sagt sie über ihren Job bei der FALA. Die Erzähler arbeiten ehrenamtlich und werden nicht entlohnt.
Die interkulturellen Erzählstunden werden von diesem Jahr an nicht mehr finanziell gefördert. Stattdessen wird die FALA in einem neuen Projekt unterstützt. Die Erzählstunden werden trotzdem weiterlaufen, man sei dann auf Spenden angewiesen.
Zum Abschluss spielen die Kinder auf einer Trommel und einem Tamburin. Erst zögerlich, dann werden die Schläge immer lauter. Brasilien wird in der Kita wohl auch noch am nächsten Tag im Morgenkreis Thema sein. Dann werden die Erzieherinnen noch mal Fragen der Kinder beantworten. Und nachfragen: Wie sieht die Flagge Brasiliens aus? Und wie sieht deine aus?

