Ein hellrosa Blütenmeer ist in Japan das Zeichen für den Frühlingsbeginn und zieht zugleich Touristen aus aller Welt an. Schon Monate zuvor buchen Schaulustige ihre Flüge: Die Vorfreude auf die farbenfrohe Pracht ist enorm, doch eine Enttäuschung nie ganz ausgeschlossen. Denn die genaue Blütezeit lässt sich nur schwer vorhersagen und auch die eigentliche Pracht ist von kurzer Dauer.
Doch was macht eine solche Vorhersage so komplex? „Mit einer exakten Wettervorhersage könnten wir den Termin genau bestimmen“, sagt Annette Menzel von der Technischen Universität München. Das Problem: Saisonale Prognosen sind oftmals mit Unsicherheiten behaftet. Dadurch sei alles, was die Zehn-Tage-Marke überschreite, kaum verlässlich kalkulierbar. Während der Erfolg bei einer langen Reise nach Japan also ungewiss bleibt, lässt sich auch in Bayern die zartrosa Pracht in vollen Zügen genießen.
Augsburg: Einflüsse aus der Partnerstadt
In Augsburg sind die japanischen Einflüsse tief im Stadtbild verwurzelt. Wer auf die Straßenschilder achtet, liest dort Namen wie Nagahama- oder Amagasaki-Allee. Ein Spaziergang im Wittelsbacher Park führt zum Rudolf-Diesel-Gedächtnishain, einem Denkmal in Gestalt eines öffentlich zugänglichen japanischen Gartens. Als erste deutsche Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg ging Augsburg eine Partnerschaft mit gleich zwei japanischen Städten ein: Amagasaki und Nagahama. Zurückzuführen ist die Initiative vor allem auf den japanischen Unternehmer Magokichi Yamaoka. Er war Firmenchef der Yanmar-Diesel-Werke in Amagasaki und Nagahama und zugleich ein großer Bewunderer des Augsburger Ingenieurs und Erfinders Rudolf Diesel.
Ein Kirschblütenfest findet in Augsburg am letzten Aprilwochenende im Stadtteil Oberhausen statt. Drei Tage lang verwandelt sich der Helmut-Haller-Platz in einen Festplatz. Trotz der japanischen Zierblüten steht das Fest nicht in einem direkten Bezug zur Partnerschaft, sodass sich die kulturelle Verbindung auch nicht im Programm widerspiegelt. Stattdessen treten verschiedene Bands aus Augsburg und Umgebung auf. „Es sind Musiker aus dem Rockbereich ebenso wie Hip-Hop und andere Genres dabei“, erklärt Quartiersmanager Werner Hartmann. Ergänzt werde das Angebot für Kinder durch Spielstationen, Kinderschminken und Luftballonfiguren.
Am 10. Mai folgt das Frühlingsfest im Botanischen Garten. Obwohl die Kirschblüten je nach Wetterlage schon verblüht sein könnten, kommt die Faszination der japanischen Kultur nicht zu kurz. In Erinnerung an die Partnerschaft entstand 1985 die Gartenanlage unter Federführung des japanischen Landschaftsarchitekten Yoshikuni Araki, der auf traditionelle Weise die Elemente Wasser, Stein und Pflanze verband. Doch beim Frühlingsfest strahlt nicht nur der Japanische Garten, sondern die gesamte Anlage des Botanischen Gartens wird zum Veranstaltungsort. Auf dem Programm stehen verschiedene Vorführungen, darunter japanische Kampfkünste, Taiko-Trommeln sowie Papiertheater. Auch Bonsai-Präsentationen sowie Origami-Workshops bereichern das Fest. An weiteren Verkaufsständen können Produkte japanischer Handwerkskunst sowie kulinarische Spezialitäten entdeckt und erworben werden.

Berchtesgaden: Frühlingsfest vor der Bergkulisse
Zartrosa Blüten in ihrer vollen Pracht vor dem Hintergrund einer spektakulären Bergkulisse. Eines ist sicher: Das Panorama des Frühlingsfests in Berchtesgaden ist einzigartig. Der Termin für dieses Jahr steht bereits fest: Am 18. April soll von 14 Uhr an im Kurgarten zwischen den Kirschbäumen gefeiert werden. Doch was machen diese japanischen Zierbäume inmitten des Alpenpanoramas?
Das lässt sich historisch erklären: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Hofgarten in einen öffentlichen Park verwandelt, für dessen Gestaltung der Landschaftsarchitekt Alwin Seifert die Verantwortung übernahm. Er entschied sich für die Zierkirschen aufgrund gestalterischer Aspekte, welche entlang der Wasserbecken und Wege gepflanzt werden sollten.
Alfred Spiegel-Schmidt kennt sich als ehemaliger Vorsitzender des Heimatkundevereins Berchtesgaden mit der Historie des Kurgartens genau aus. Ihm zufolge wurden bereits Anfang der 1950er-Jahre die ersten Kirschbäume gepflanzt. „Sie hatten die Funktion, die Sichtachse zwischen Schloss, Hofgarten, Franziskanerkloster und Watzmann zu verstärken“, erklärt er. Seitdem seien die Kirschbäume zum Herzstück des Gartens geworden.
Obwohl Berchtesgaden in der Zeit der Kirschblüten zum „Hanami“ einlädt, bleiben überwiegend die Kirschbäume selbst das japanische Element der Veranstaltung. Bei dem Fest im Kurgarten stehen nämlich kulinarische Angebote wie Burger, Crêpes und Eis auf der Karte; Gäste können zudem ihre eigenen Picknickdecken und Liegestühle mitbringen.
Nürnberg: Ein Baum für jedes Fest
Auf dem Sportgelände wird in diesem Jahr bereits der vierte neue Kirschblütenbaum gepflanzt. Ein jeder für ein weiteres Fest. „Eine schöne Tradition“, freut sich Dino Gheri. Er ist der Gründer des Sakura Matsuri in Nürnberg – so die japanische Bezeichnung für das Kirschblütenfest. Schon seit 1988 betreibt Gheri japanische Kampfkunst und hat dafür zahlreiche Trainingseinheiten in Japan absolviert. Mittlerweile gibt er selbst Unterricht im Bujinkan Budo Taijutsu in Nürnberg.
„Die japanische Kultur ist Teil meines Lebensgefühls, ebenso wie bei meiner Frau“, erklärt er. Dies führte ihn auch in Deutschland stets auf die Suche nach japanischen Einflüssen oder Veranstaltungen – unter anderem zum Japanischen Kirschblütenfest in der Grünen Halle in Fürth. Dieses findet seit 2017 nicht mehr statt – für Gheri unverständlich, denn der Anklang war damals groß. „Ganz offensichtlich gab es recht viele Menschen in der Metropolregion Nürnberg mit einer großen Japanaffinität“, sagt der Kampfkunstlehrer. Deswegen entstand die Idee, auf dem Areal eines Sportvereins ein eigenes Kirschblütenfest zu veranstalten.

Sowohl im Innenbereich als auch auf dem weitläufigen Freiareal findet die Veranstaltung statt. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Kampfkunstdarbietungen, die von dynamischem Schwertkampf bis hin zum traditionellen japanischen Bogenschießen reichen. Wer sich für das feine Kunsthandwerk interessiert, findet unterdessen spannende Einblicke in die Welt der Kinzoku-Kogei, des japanischen Metallkunsthandwerks, sowie des Sashimono, der traditionellen Fertigung japanischer Holzmöbel. Ergänzt wird das kulturelle Angebot durch Ausstellungen historischer japanischer Klingen, authentischer Rüstungen der Samurai und Ninja sowie kunstvoll geformter Bonsai-Bäume.
Darüber hinaus gibt es zahlreiche Möglichkeiten, selbst aktiv in die fernöstliche Welt einzutauchen: Beim Shodo können die Gäste mit Pinsel und Tusche japanische Kanji-Schriftzeichen auf Papier bringen, während sie bei der Teezeremonie Chado die meditative Ruhe dieses jahrhundertealten Rituals erleben. Im Japangarten lädt zudem das traditionelle Hanami, das gemeinsame Betrachten der Kirschblüten unter den Bäumen, zum Verweilen und Genießen ein.



