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Missbrauch:Quälereien statt Erholung in Kinderheimen

Pressekonferenz zu Missbrauchsfällen in Kinderheim

Die Opfer des Missbrauchs leiden bis heute unter dem, was sie als Kinder erlebt haben.

(Foto: dpa)

Die SPD fordert eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung von Vorfällen zwischen 1950 und 1980. Das Leid der Kinder von damals müsse anerkannt werden.

Die oppositionelle SPD will eine Untersuchung der Vorgänge in bayerischen Kinderholungsheimen zwischen 1950 und 1980 auf den Weg bringen. Ein entsprechender Antrag solle am Donnerstag im Sozialausschuss des Landtags behandelt werden, sagte die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion und Ausschussvorsitzende, Doris Rauscher, am Montag in München. Manche litten bis heute unter ihren Erfahrungen bei den ursprünglich zur Erholung gedachten Aufenthalten.

Berichten zufolge wurden Kinder teils zum Essen gezwungen, mussten manchmal sogar Erbrochenes wieder essen; sie wurden teils geschlagen oder gedemütigt. Es soll sogar Todesfälle gegeben haben. Manche Kinder seien erst zwei Jahre alt gewesen.

Obwohl sich in Bayern ein Viertel der Kurheime befunden habe, sei wenig darüber bekannt, wie viele Kinder dort waren und wer für mögliche Misshandlungen verantwortlich war, sagte Rauscher. Die Staatsregierung solle deshalb eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung beauftragen. Das Leid von damals müsse anerkannt werden.

Die "Verschickung" sei als eine Art Urlaub gepriesen worden, doch die Realität sei teils eine andere gewesen, berichten Betroffene. "Wir waren immer in einer Atmosphäre der Angst", sagte Hilde Haushofer, die als Elfjährige ins Berchtesgadener Land geschickt wurde. Man habe nachts nicht zur Toilette gehen dürfen. Briefe an die Eltern seien zensiert worden. "Es war verboten, das Wort Heimweh zu benutzten." Ingrid Runde, Mitglied der Initiative Verschickungskinder Bayern, die 1960 als Zehnjährige für sechs Wochen von Hamburg nach Bayern kam, weil sie angeblich zu dünn war und deshalb essen musste, berichtete, am Ende der Kur sei sie krank geworden und habe nur noch erbrochen.

Die Kuren wurden von Ärzten verschrieben und von der Kranken- oder Rentenversicherung finanziert. Einer Erhebung zufolge waren 1964 in Bayern rund 13 500 Kinder in etwa 215 Heimen untergebracht, bundesweit waren etwa 71 500 Kinder in 850 Heimen. Nach Schätzungen waren insgesamt drei bis zwölf Millionen Kinder bundesweit betroffen.

© SZ vom 23.02.2021/dpa/vewo
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