Jagen in Bayern:Nur noch bleifrei auf die Pirsch

Bartgeier Wally in der Luft

Experten schätzen, dass pro Jahr EU-weit mindestens eine Million Vögel an Bleivergiftungen sterben. Betroffen sind vor allem Aasfresser wie die hier abgebildete Bartgeierdame Wally, die seit Anfang Juni wieder in Berchtesgarden durch die Luft segelt.

(Foto: Michael Wittmann/Landesbund für Vogelschutz/dpa/handout)

Die Bayerischen Staatsforsten verzichten ab April 2022 auf umweltbelastende Munition. Der Grund: Wenn Geier, Adler und andere Vögel Blei aufnehmen, führt das oft zu tödlichen Vergiftungen.

Von Christian Sebald, Hilpoltstein

Die Bayerischen Staatsforsten (BaySF) verwenden ab 1. April 2022 ausschließlich bleifreie Jagdmunition. Das gilt für alle Beschäftigten, Jagdgäste und anderen Jäger im Staatswald. "Die komplette Umstellung auf bleifreie Munition ist ein wichtiges Signal für den Umwelt- und Gesundheitsschutz", sagt Forstministerin und BaySF-Aufsichtsratschefin Michaela Kaniber. "Die BaySF werden so ihrer Vorbildfunktion gerecht. Das hilft nicht nur den Greifvögeln, sondern der ganzen Natur."

Die BaySF bewirtschaften 756 000 Hektar Wald, das sind 30 Prozent der Wälder im Freistaat. Zuvor hatte der Landesbund für Vogelschutz (LBV) eine Kampagne gegen bleihaltige Jagdmunition gestartet. Der Grund: "Bleimunition führt immer wieder zu tödlichen Vergiftungen bei Geiern, Adlern und anderen Vögeln", sagt LBV-Chef Norbert Schäffer. "Die Jäger müssen endlich auf bleifreie Munition umsteigen."

Experten schätzen, dass pro Jahr EU-weit wenigstens eine Million Vögel an Bleivergiftungen sterben, weitere drei Millionen erleiden nicht tödliche Vergiftungen. Betroffen sind vor allem Aasfresser. Anlass der LBV-Kampagne ist denn auch die Wiederansiedlung von Bartgeiern in Bayern und die Auswilderung der beiden Bartgeier-Weibchen Wally und Bavaria im Nationalpark Berchtesgaden. Bartgeier ernähren sich von Aas und Knochen. Kadaver von Wildtieren, die mit bleihaltiger Munition erlegt worden sind, stellen eine große Gefahr für sie dar. Betroffen sind aber auch andere Arten, Rebhühner etwa, Fasane, Ringeltauben sowie Wasservögel.

Blei ist hochgiftig, die Aufnahme kleinster Mengen kann für Mensch und Tier gravierende Folgen haben. Blei wird im Körper angereichert, es führt zu immer stärkeren Vergiftungen. Bei Vögeln schädigt es unter anderem das Nervensystem, die Blutbildung und die Sauerstoffzufuhr, wie der LBV-Experte David Schuhwerk sagt. Vergiftete Vögel bekommen Probleme mit der Körperkoordination und können immer schlechter fliegen. Weitere Folgen sind Erblindung sowie Lähmungen des Magen-Darm-Traktes und des Atemzentrums, so dass die Vögel qualvoll verenden.

Greifvögel nehmen Blei meist auf, wenn sie die Innereien von Wildtieren fressen, die mit Bleimunition erlegt worden sind. Der sogenannte Aufbruch wird von den Jägern in der Regel im Wald zurückgelassen. Außerdem passiert es bei der Jagd immer mal wieder, dass ein Wildtier nicht tödlich getroffen wird, flüchtet und trotz aller Bemühungen nicht gefunden wird. Wenn so ein angeschossenes Tier verendet und sich Aasfresser darüber hermachen, nehmen sie ebenfalls Blei auf.

Zwar gibt es längst bleifreie Jagdmunition. In Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg ist bleihaltige Jagdmunition sogar generell verboten. Aber viele Jäger wollen nicht auf sie verzichten. Sei es, weil bleifreie Munition etwas teuerer ist, weil man sich an sie gewöhnen muss, oder weil man bisweilen die Büchsen anpassen muss, wie Schuhwerk sagt. Beim Jagdverband reagiert man zurückhaltend auf die LBV-Kampagne. "Wir sind froh um jede Entwicklung, die bleifreie Munition tierschutzgerecht einsetzbar macht", sagt der Jägerpräsident und CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch. Zugleich begrüße man den freiwilligen Verzicht der Berchtesgadener Jäger auf Bleimunition, mit der sie das Bartgeier-Projekt unterstützen.

© SZ vom 06.08.2021/kafe
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