Natur in Bayern:Jägerpräsident unter Druck

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Natur in Bayern: Jägerpräsident Ernst Weidenbusch auf dem diesjährigen Landesjägertag in Augsburg, auf dem er wiedergewählt wurde.

Jägerpräsident Ernst Weidenbusch auf dem diesjährigen Landesjägertag in Augsburg, auf dem er wiedergewählt wurde.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Kritiker werfen Ernst Weidenbusch Bedrohung und Beleidigung vor. Ein Kreisvorsitzender im Jagdverband hat ihn deshalb sogar angezeigt. Der 59-jährige CSU-Abgeordnete selbst spricht von einer "widerlichen konzertierten Aktion einer kleinen Gruppe von Personen".

Von Johann Osel und Christian Sebald, Neuburg an der Donau

Es ist jetzt ein gutes halbes Jahr her, dass die Jäger im Bayerischen Jagdverband (BJV) den CSU-Landtagsabgeordneten Ernst Weidenbusch als ihren Präsidenten im Amt bestätigt haben. Das Wahlergebnis war denkbar knapp. Von den 622 Delegierten stimmten mit 318 nur etwas mehr als die Hälfte für Weidenbusch, 59. Zugleich erzielte sein Herausforderer Ernst-Ulrich Wittmann mit 273 Stimmen deutlich mehr als einen Achtungserfolg. Zumal Wittmann, Patentanwalt und Vorsitzender des BJV im Landkreis Dachau, seine Kandidatur erst zwei Tage vor der Wahlversammlung erklärt hatte. Beobachter sprachen damals von einem Riss quer durch den Jagdverband. Weidenbusch, der die Organisation seit 2020 führt, habe es weder geschafft, die notorisch zerstrittenen Jäger zu befrieden, noch habe er den BJV wirklich modernisiert und aus der Isolation gegenüber Waldbesitzern, Förstern und Naturschützern geführt.

Dieser Tage wird deutlich, dass der BJV nicht zur Ruhe kommt: Die internen Streitereien und Zerwürfnisse eskalieren erneut. Wittmann hat Weidenbusch und den BJV-Generalsekretär Robert Pollmer bei der Polizei angezeigt. Die Vorwürfe lauten Bedrohung und Beleidigung. Sie beziehen sich auf angebliche verbale Ausfälle von Weidenbusch und Pollmer bei einer Jagdmesse Mitte Oktober auf Schloss Grünau in Neuburg an der Donau. In einem Podcast einer norddeutschen Jagdzeitschrift sprechen Wittmann und andere Jäger von lautstarken Brüllattacken, offenen Drohungen und dergleichen mehr. Wittmann beschuldigt Weidenbusch außerdem, "die über Jahre gewachsenen Netzwerke unseres Verbands" in alle möglichen gesellschaftlichen Bereiche hinein und "seine Reputation zu zerstören".

Außerdem kursiert ein "offener Brief" mit harten Anschuldigungen von früheren hauptamtlichen BJV-Mitarbeitern, die anonym bleiben. Sie werfen Weidenbusch und Pollmer "Beschimpfungen, respektlosen Umgang und Wutausbrüche" vor. Mitarbeiter seien in Einzelgesprächen gegeneinander ausgespielt worden, über andere sei in deren Abwesenheit gerichtet worden, Aufgaben und Funktionen seien "über Nacht" verändert worden, ohne dass dies an die Betroffenen kommuniziert worden sei. Etliche Mitarbeiter seien krank geworden, andere hätten gekündigt, um sich zu schützen. Insgesamt hätten inzwischen an die 30 Mitarbeiter den BJV und angegliederte Organisationen verlassen.

Auch auf regionalen Jäger-Treffen, zum Beispiel im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg, werden massive Vorwürfe gegen die BJV-Spitze laut. Der dortige Kreischef Stefan Frank wird in der Lokalpresse mit den Worten zitiert, dass zuletzt "bei Austritten meist der Landesverband als Grund genannt" worden sei und sich "die Kommunikation unter dem neuen Präsidium sehr verschlechtert" habe. In Oberfranken gibt es ebenfalls Austrittsdrohungen. "Einem Verband mit einem so unflätigen Präsidium möchte ich nicht angehören", lässt sich ein BJV-Mitglied aus Stadtsteinach in der örtlichen Presse zitieren. "So ein Auftreten ist durch nichts zu rechtfertigen", sagt der Tierarzt bezogen auf die angeblichen Vorfälle auf der Jagdmesse.

Der Schaden ist immens

Weidenbusch bestreitet die Vorwürfe vehement. Er spricht stattdessen von einer "widerlichen, konzertierten Aktion einer kleinen Gruppe von Personen, die den Jagdverband nicht zur Ruhe kommen lassen wollen." Schon zuvor hatte er via Presserklärung mitgeteilt: "Ein Mitglied des Präsidiums in die Nähe eines körperlichen Angriffs zu rücken, weil man auf eigenes Fehlverhalten hingewiesen wurde, das ist starker Tobak und überschreitet eine Grenze." Was die Vorwürfe in dem offenen Brief der ehemaligen BJV-Mitarbeiter anbelangt, sagt Weidenbusch: "Ich habe bereits eine Anwaltskanzlei mit der Einrichtung einer Whistleblowing-Stelle beauftragt, um solche Vorwürfe zu falsifizieren oder zu verifizieren." Dies sei bei "unspezifizierten, anonymen Vorwürfen die einzige Möglichkeit Klarheit zu schaffen". Zu der hohen Personalfluktuation beim BJV sagt er: "Wir haben die Geschäftsstelle zu einer mitgliederorientierten Zentrale mit hochqualifizierten Fachleuten umgebaut. Diesen Weg wollten nicht alle ehemaligen Mitarbeiter mit uns gehen."

Wie auch immer der Streit ausgeht, der Schaden für den BJV ist immens. Die Organisation ist nicht irgendeine Hobby-Truppe. Die Jäger und damit der BJV, der nach eigenen Angaben etwa 50 000 der 70 000 Jagdscheininhaber im Freistaat vertritt, sind auf dem Land hoch angesehen. Und sie haben in der CSU und bei den Freien Wählern traditionell starken Rückhalt. Umgekehrt sind die meisten BJV-Mitglieder konservativ. Prominente Landespolitiker wie Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sind Jäger.

Gleichwohl hat der BJV ein Imageproblem. Das hat nicht nur damit zu tun, dass Jäger Wildtiere töten und das bei vielen nicht gut ankommt. Sondern es liegt daran, dass es schon vor Weidenbusch jahrelange interne Konflikte um den Führungsstil und das Finanzgebaren von dessen Vorgänger Jürgen Vocke gab. Unter anderem ging es um hohe Aufwandsentschädigungen. Und wie jetzt Weidenbusch wurde seinerzeit Vocke von einem Kontrahenten angezeigt - wegen des Verdachts der Untreue und Unterschlagung. Wenig später legte Vocke, der die Vorwürfe stets bestritt, das Amt nieder. Das Strafverfahren gegen ihn wurde später gegen Geldauflage eingestellt.

Unter Naturschützern, Waldbesitzern, bei Förstern und im Bauernverband ist der BJV ebenfalls höchst umstritten. Der Grund: Der BJV pflegt ein betont traditionalistisches Verständnis von Jagd. Unter Experten herrscht Einigkeit, dass es in Bayern wohl noch nie so viel Wild gab wie derzeit - gleich ob Rehe, Rotwild, Gämsen oder Wildschweine. Sie richten in den Wäldern und auf Feldern große Schäden an. Kritiker werfen dem BJV vor, sich modernen Jagdmethoden zu verweigern. Unter Weidenbusch hat sich an diesen Vorbehalten nichts verbessert, sie sind eher noch ärger geworden.

Einflussreicher Haushaltspolitiker

Weidenbusch ist seit 2003 Abgeordneter im Landtag, direkt gewählt im Stimmkreis München-Nord. Er ist Jurist und ein einflussreicher Haushaltspolitiker, war auch Beauftragter der Staatsregierung für alle Beteiligungen des Freistaates. Zudem gilt er als Verhandlungsprofi und Schlitzohr in heiklen Streitigkeiten. Mehrmals schon geriet Weidenbusch in die Kritik der Opposition, die eine Verquickung seiner umtriebigen Anwaltstätigkeit mit den politischen Ämtern wähnte. Zum Beispiel, als 2021 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, dass Weidenbusch als Anwalt in Diensten der Landesbank 2016 und 2018 knapp 430 000 Euro verdient hatte.

Außerdem gilt Weidenbusch als sehr selbstbewusst. So sparte er vergangene Woche bei seiner Aussage vor dem Untersuchungsausschuss Maske, der über die Pandemie-Ankäufe hinaus mutmaßlich heikle Nebentätigkeiten von Abgeordneten prüft, nicht an Eigenlob. Da ging es um zwei verzwickte Bauangelegenheiten und die Frage, ob Weidenbusch als Problemlöser im Auftrag des Freistaats oder als privater Rechtsanwalt unterwegs war. In beiden Fällen soll es tatsächlich kein aktuelles Anwaltsmandat gegeben haben. Es habe sich bei der CSU im Haushaltsausschuss über die Jahre "so herauskristallisiert, dass diese Fälle bei mir landen", sagte Weidenbusch im U-Ausschuss. Er sei "gespannt, wer das für uns in Zukunft macht." Denn mit der Landtagswahl 2023 zieht sich Weidenbusch aus der Landespolitik zurück.

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