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Ingolstadt:Die Angst der Bayern vor dem Scheintod

Ausstellung Scheintot Ingolstadt

Es ist eine Urangst des Menschen, lebendig begraben zu werden.

Eine Ausstellung im Medizinhistorischen Museum zeigt anschaulich, wie groß die Angst des Menschen war und ist, lebendig begraben zu werden.

Von Hans Kratzer, Ingolstadt

Vor gut 200 Jahren hat eine schauerliche Geschichte aus Ingolstadt bei den Zeitungslesern Unbehagen ausgelöst. Dem Bericht zufolge war ein junger Arzneigelehrter in eine völlige Körperstarre verfallen, weshalb er allgemein für tot gehalten wurde. Wie der Bursche später erzählte, habe er auf dem Totenbett zwar alles wahrgenommen, aber keine Regung von sich geben können. Ganz furchtbar sei ihm in seiner Todesangst zumute gewesen. Erst das eiskalte Weihwasser, mit dem man sein Gesicht besprengte, habe ihn zurück ins Leben geholt.

Diese Art von Hilflosigkeit fürchtet der Mensch seit jeher, kann sie doch dazu führen, rettungslos in ein Grab gesenkt zu werden. Es ist eine der schlimmsten Urängste, lebendig begraben zu werden. Und so manchem scheintoten Menschen war dieses Schicksal wohl auch beschieden. Mit diesem weitgefassten Thema befasst sich zurzeit eine Ausstellung im Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt, die naturgemäß den Namen "scheintot" trägt. Ein Schwerpunkt liegt auf der bis heute nachhallenden Scheintod-Debatte um 1800 und ihrem literarischen Niederschlag. Speziell werden hier die Verhältnisse im Königreich Bayern (1806-1918) in den Blick genommen. Das Spektrum reicht aber bis in die Gegenwart mit ihrer modernen Rettungsmedizin und ihrer wissenschaftlich basierten Hirntod-Definition.

In der Aufbruchszeit der Aufklärung wurde die Eindeutigkeit des Todes zunehmend in Zweifel gezogen. Ganz allgemein wuchs die Angst, lebendig begraben zu werden, ja es entwickelte sich eine regelrechte Hysterie um den "Scheintod". Findige Tüftler begannen damals, mechanische Rettungsapparate für Gräber und Särge zu bauen. Der einflussreiche Arzt Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) war überzeugt, allein die Zeit könne den Unterschied zwischen Leben und Tod sichtbar machen. Dementsprechend forcierte er den Bau von Leichenhäusern, in denen die Verwesung von Leichen abgewartet wurde.

Diese Einrichtungen sind aber nicht identisch mit heutigen Leichenschauhäusern, sie hatten eine ganz andere Funktion. Eines der ersten Leichenhäuser entstand in München, wo bereits 1791 auf dem Friedhof vor dem Sendlinger Tor ein Beinhaus umfunktioniert wurde. 30 Jahre später bekam die Stadt ein neues Leichenhaus, das von einem Mesner beaufsichtigt wurde. Mit seinen Gehilfen bewachte er die Leichen Tag und Nacht, kein Lebenszeichen durfte übersehen werden. Der Baedeker-Reiseführer ließ es sich 1863 nicht nehmen, diese Stätte als Reiseziel zu empfehlen. Auch in Ingolstadt ist im 19. Jahrhundert ein Leichenhaus errichtet worden.

Die Atmosphäre in diesen Leichenhäusern hat der amerikanische Schriftsteller Mark Twain einfühlsam geschildert. Er weilte im Herbst 1878 einige Zeit in München und besuchte als neugieriger Mensch auch diese Lokalität. "Ein grausiger Ort", schrieb er. "Jede dieser fünfzig regungslosen Gestalten, ob groß, ob klein, hatte an einem Finger einen Ring, und von diesem Ring führte ein Draht hoch zur Decke und von dort zu einer Klingel in der Wärterloge, wo Tag und Nacht ein Wärter sitzt, ständig auf dem Sprung, jedem aus dieser bleichen Gesellschaft zu Hilfe zu eilen ..."

In der Literatur des 19. Jahrhunderts war der Scheintod quasi omnipräsent. Nicht nur Edgar Allan Poe nutzte das Motiv des lebendig Begrabenen in vielen Schauerromanen und Erzählungen. Auch die Dichterfürsten Goethe und Schiller beschrieben Scheintodfälle und Wiederbelebungen. Wegen der Horrorberichte in Zeitungen und Romanen wuchs die Angst, zu früh begraben zu werden. Selbst Sicherheitssärge kamen in Mode, die sich - ganz Hightech - durch Klingel- oder Belüftungssysteme auszeichneten. Die Besucher können sich in der Ausstellung zwar an solchen Modellen ergötzen, sie werden aber gerade hier die Nöte und Ängste der Vorfahren erahnen. Getriebene setzten sogar auf einen testamentarisch verfügten Herzstich, um nach dem Ableben ganz sicher zu gehen. Auch mit solchen Herzstichgeräten kann die Ausstellung aufwarten.

Vom Grab ins Leben zurück: „Beystand der Mechanik“, entwickelt 1789 vom Pastor Benjamin Georg Peßler.

(Foto: Staatsbibliothek zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz)

Es dauerte lange, bis sich die Hysterie endlich legte. Der Münchner Magistrat ließ 1898 die sogenannten Weckapparate aus den Leichenhäusern entfernen. In der Ausstellung heißt es, Belege über wiedererwachte Menschen seien weder in Bayern noch andernorts bekannt. Dass in manchem Sarg Klopfgeräusche zu hören waren, hat man dennoch schon gelesen. Peu à peu wurden jedenfalls die Leichenhäuser in moderne Leichenhallen umgewandelt. Die Angst vor dem Scheintod war jetzt staatlicherseits überwunden. Überlebt haben aber jene Vorschriften, die sicherstellen sollen, dass niemand lebendig begraben wird. So ist im Bayerischen Bestattungsgesetz eine Leichenschau, die Ausstellung eines Totenscheines und eine Bestattungsfrist von 48 Stunden verankert.

Sollte jemand trotzdem eines Tages in einem Leichenkühlhaus aufwachen, dann bietet eine Notentriegelung einen Ausweg. Ein solches Türschloss ist das erste Objekt, das der Besucher zu Gesicht bekommt. Etwas Beruhigendes am Anfang - das schadet in dieser Ausstellung gewiss nicht.

Scheintot. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden. Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt, Anatomiestraße 18-20, bis 13. September 2020.

© SZ vom 24.10.2019/vewo

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