Wer Joachim Hess erreichen will, ruft am besten im Büro an. 100 Jahre ist der Ingolstädter alt – und immer noch Unternehmer und Entwickler: Gemeinsam mit seinem Sohn Martin Hess, 69, führt er die Firma Intertec-Hess in Neustadt an der Donau, wo gut 220 Menschen Schutzeinrichtungen für Elektrotechnik konstruieren und herstellen. Wenn Joachim Hess wollte, könnte er sich also längst in den Ruhestand verabschieden. Aber er will nicht. Ein Anruf.
SZ: Herr Hess, nachträglich herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag! Wie haben Sie gefeiert?
Joachim Hess: Das war ein schönes Fest, von morgens elf Uhr bis halb vier in einer Gaststätte. Weil ich Jäger war, kamen die Jagdhornbläser vorbei und haben ein paar Signale geblasen. Abends haben meine Söhne und Schwiegertöchter zu Hause ein Büfett aufgebaut. Auch beim Rotary Club und in der Firma gab es Empfänge.
Ihr Geburtstag fiel auf einen Samstag. Da mussten Sie sich zum Feiern ja nicht mal freinehmen ...
Das stimmt, aber ich habe es auch so nicht weit ins Büro. Von der Hintertür meines Hauses gehe ich durch den Garten, vielleicht 40 Meter. Das mache ich jeden Tag, fünf Tage die Woche. Die Arbeit ist für mich keine Belastung, sondern ein Vergnügen.
Viele Menschen dürften sich sagen: Wenn ich mal 100 werden sollte, dann liege ich bestenfalls im Liegestuhl. Sie aber gehen weiter arbeiten.
Wissen Sie, ich bin mit der Firma verheiratet. Intertec habe ich vor 60 Jahren aufgebaut. Das war nicht einfach.
Ihre Firma stellt Schutzsysteme für Elektrotechnik her. Ich fürchte, das müssen Sie genauer erklären.
Bevor das mit Intertec losging, habe ich die Raffinerie in Ingolstadt mitaufgebaut. Solche Raffinerien werden hochautomatisiert gesteuert: über Transmitter, die Druck, Temperatur und andere Messwerte in Signale übersetzen und an die Zentrale schicken. Diese Geräte sind hochempfindlich – aber ihre Sicherheit und Zuverlässigkeit hängt von den Betriebsbedingungen ab. Damals haben die Elektrogehäuse die Technik oft unzureichend vor Wetter oder extremen Temperaturen geschützt. Also habe ich überlegt, wie es besser ginge. Das Ergebnis war ein spezieller Schutzkasten, den wir bis heute verkaufen.
Wie haben Sie damals angefangen?
Als Ein-Mann-Betrieb in der Garage. Dort habe ich die ersten Kästen zusammengeschraubt und bin damit zu Kunden aus der Chemieindustrie gefahren. Die konnten sich darunter natürlich erst mal nichts weiter vorstellen. Unser erster Lieferwagen war ein VW Käfer mit ausgebauten Sitzen. Nach und nach hat sich das Ganze dann aber zum Guten gewendet. Später sind wir mit der Firma nach Neustadt umgezogen. Heute leben wir davon, dass wir Problemlösungen und Schutzvorrichtungen aller Art und Größe verkaufen.
Und was machen Sie heute in der Arbeit?
Im Büro beantworte ich E-Mails und Anrufe zu Konstruktionsfragen. Ungelöste Fragen nehme ich mit ins Bett: Auf meinem Nachttisch liegt ein Block, da habe ich kürzlich im Halbschlaf etwas notiert, das mir durch den Kopf gegangen ist. Am nächsten Morgen schaut man dann drauf, manchmal ist es Mist, manchmal nicht. Einmal in der Woche holt mich mein ältester Sohn Martin ab und nimmt mich mit in den Betrieb. Dort unterhalte ich mich mit den Leuten, frage nach, warum etwas so oder so gemacht wird. Eigentlich schmeißt Martin den Laden seit 35 Jahren. Ich bin auch Geschäftsführer, aber ich nicke alles ab, was er entscheidet.

Dass der Senior weiter in der Firma mitschwatzt, käme nicht bei jedem Junior gut an.
Da gibt es genügend Beispiele. Bei uns funktioniert es. Dazu gehört auch, dass ich akzeptiere, dass er manche Sachen anders macht.
Zum Beispiel?
Er hat damals als Erstes auf Computer umgestellt. Da habe ich gesagt, so einen Kasten brauche ich nicht, ich habe meinen Kopf zum Denken. Das war ein Fehler. Ohne Software und Hardware kann man heute keine Firma mit vielen Standorten leiten. Was ich aber wirklich beklage, das ist der wahnsinnige Papierkram. Und er wird immer mehr. Für alles brauchen Sie heute Zertifikate, Dokumentationen.
Es gibt noch andere neumodische Dinge, die Ihnen seltsam vorkommen könnten. Was halten Sie etwa von dieser Work-Life-Balance?
Mein Ansatz ist, dass man jeden Tag etwas dazulernen sollte. Das gilt auch für mich. Zum Beispiel: Meine Söhne und Enkel erklären mir regelmäßig neue Funktionen von meinem Smartphone. Trotzdem nutze ich vielleicht fünf Prozent der Fähigkeiten, die dieses Gerät hat.
Sie klingen am Telefon, wenn man das sagen darf, sehr zufrieden.
Ich bin auch mit mir zufrieden. Ich bin positiv eingestellt, ein Sanguiniker, ich lache gerne. Als junger Mann war ich im Krieg, Kameraden sind in meinen Armen gestorben. Ich habe oft genug Situationen erfahren, die ausweglos erschienen. Aber es gibt immer einen Lichtblick.
Den Ruhestand hätten Sie sich jedenfalls längst verdient. Wann hören Sie mit der Arbeit auf?
Wenn es mir irgendwann nicht mehr Lust macht oder ich nicht mehr kann, dann höre ich auf. So weit denke ich aber nicht: Für mich ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer.


