Geschichte:Wie Süleymans Feldpalast nach Bayern gelangte

Geschichte: Das Zelt des türkischen Großwesirs.

Das Zelt des türkischen Großwesirs.

(Foto: Bayerisches Armeemuseum)

Im Ingolstädter Armeemuseum zeugt ein prachtvolles Beutestück von den Türkenkriegen im 17. Jahrhundert: In dem Zelt schlief der Heerführer der Osmanen, bevor seine Armee geschlagen wurde - und Kurfürst Max Emanuel es erbeutete.

Von Hans Kratzer, Ingolstadt

Als die Münchner vor mehr als 200 Jahren die Hochzeit des Kronprinzen Ludwig und der Prinzessin Therese feierten, fand vor lauter Freude draußen vor der Stadt ein Pferderennen statt, das dann quasi die Tradition des Oktoberfests begründete. Wer die auf Gemälden festgehaltene Szenerie genau betrachtet, dem fällt mitten auf dem Rennplatz vielleicht eine Besonderheit auf. Der Abhang des Sendlinger Berges diente an jenem Oktobertag des Jahres 1810 gut 50 000 Besuchern als Tribüne.

Für die königliche Familie aber war ein eigener Pavillon aufgebaut worden, dessen Geschichte überaus spannend ist. Um die Zusammenhänge herzustellen, muss man in die Ära des sogenannten Blauen Kurfürsten Max Emanuel (1662-1726) zurückgehen, der seinerzeit in viele Kriegshändel mit den Osmanen verwickelt war und davon nicht schlecht profitierte.

Im Jahr 1683 hatte das Osmanische Reich Wien angegriffen, die Residenzstadt des deutsch-römischen Kaisers befand sich in höchster Not. Der Angriff wurde abgewehrt, aber der daraus resultierende Krieg wurde erst 16 Jahre später beendet. So kam es am 12. August 1687 in der Schlacht am Berge Harsány nahe Mohács im heutigen Süden von Ungarn zu einer Feldschlacht. Auf beiden Seiten kämpften je 60 000 Soldaten. Die Oberbefehlshaber waren der Großwesir Sari Süleyman Pasa und Herzog Karl V. von Lothringen.

Der bayerische Kurfürst Max Emanuel führte ein eigenes Kommando. Die furchtbar blutige Schlacht endete mit der Flucht des osmanischen Heeres, das sein gesamtes Lager mit allen Gerätschaften zurückließ. Die Kriegskassen sowie viele Fahnen und Geschütze fielen in die Hände der Europäer. Max Emanuel erbeutete unter anderem das Zelt des türkischen Großwesirs, das zu den spektakulärsten Stücken in der umfangreichen "Türkenbeute" des Kurfürsten gehört.

Objekte, die man einem geschlagenen Gegner im Krieg abgenommen hatte, wurden in der Barockzeit als ruhmvolle Zeichen des Sieges zur Schau gestellt. Türkische Beutestücke spielten dabei wegen ihrer Exotik und ihrer kunstvollen Gestaltung eine herausragende Rolle. Natürlich benutzte auch Max Emanuel diese Pracht, um sich als Kriegsheld zu profilieren.

Geschichte: In Europa galten die Beutestücke als Sensation.

In Europa galten die Beutestücke als Sensation.

(Foto: Bayerisches Armeemuseum)

Die Zelte wurden dann später als Dekoration für Festlichkeiten, Kostümbälle und Theater genutzt. Was wiederum bedingte, dass gerade Textilien, Zelte und Teppiche häufig verbraucht und zerstört wurden. Nur wenige Stücke sind erhalten geblieben, darunter das Schlafzelt des Großwesirs. Generationen von Wittelsbachern demonstrierten damit fortan ihren ererbten Ruhm und Glanz, nicht zuletzt beim ersten Oktoberfest im Jahr 1810, in dem Teile des großen Zeltes als Pavillon der königlichen Tribüne dienten.

Zwei dieser Objekte werden im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt aufbewahrt. "Nur wenige osmanische Zelte haben in Mitteleuropa die Zeiten überdauert", bestätigt Ansgar Reiß, der Direktor des Armeemuseums. Die repräsentativen Zelte wurden von den Osmanen als Audienzzelte genutzt. Das Zelt aber, das jetzt im Armeemuseum restauriert und seit Kurzem in einem eigenen Raum opulent präsentiert wird, "ist einzigartig, weil es sich um ein Wohn- und Schlafzelt handelt", wie Reiß anmerkt, der im Lockdown viel Zeit darauf verwendet hat, die Geschichte der Zelte zu erforschen.

Geschichte: Darstellung einer Festlichkeit am osmanischen Hof.

Darstellung einer Festlichkeit am osmanischen Hof.

(Foto: Bayerisches Armeemuseum)

Nun steht fest, dass dieses Zelt dem Großwesir Sari Süleyman Pasa als privater Rückzugsort im Kriegsgewirr diente, quasi als Teil seines mobilen Feldpalastes. Die Zeltkultur war bei den osmanischen Türken auch deshalb weit fortgeschritten, weil ihre Vorfahren nomadisierende Steppenreiter waren. Die Zelte hoher Würdenträger glichen textilen Palästen, die zum Symbol osmanischer Macht wurden und auf ihre Gegner wohl bedrohlich und faszinierend zugleich wirkten.

Das restaurierte Wohnzelt hat eine zwölfeckige Form, besticht aber auch durch seine äußere Hülle aus Wollfilz. Der rote Innenstoff ist aus Leinen, die Applikationen sind aus Seide. "Die wasserabweisende und isolierende Wolle macht das Zelt wetterfest", sagt Reiß. Das Äußere ist eher schlicht, die Innendekoration aufwendig. Die Wandflächen haben eine maurische Anmutung. Zwischen den Säulen schweben Sonnenmedaillons mit Blumenbouquets. Das Schlafzelt besitzt neben der Eingangstüre vier mit Wollschnüren vergitterte Fenster, die verschlossen werden können. Zudem lassen sich sechs Wände ganz nach oben raffen, sodass sich das Zelt in einen offenen Pavillon verwandelt. Es war eine echte Sensation.

Geschichte: Am 16. August 1685 belagerten die Osmanen die Festung Gran (Esztergom). Eine kaiserliche Armee besiegte sie und zwang sie zum Abzug. Das kurz danach angefertigte Gemälde zeigt den Moment, als der Angriff der Osmanen zusammenbricht.

Am 16. August 1685 belagerten die Osmanen die Festung Gran (Esztergom). Eine kaiserliche Armee besiegte sie und zwang sie zum Abzug. Das kurz danach angefertigte Gemälde zeigt den Moment, als der Angriff der Osmanen zusammenbricht.

(Foto: Bayerisches Armeemuseum)

Schon 1688 ließ Max Emanuel die Zelte bei einem Gartenfest im Fasanengarten bei München aufstellen. 1701 sind sie auf der Darstellung eines Feuerwerks am Ufer der Isar zu erkennen, und hundert Jahre später entführte sie Napoleon nach Paris, bevor eines 1810 auf der Münchner Theresienwiese zum Einsatz kam. 1838 hielt das bayerische Heer nahe Augsburg ein Feldlager ab. Um darin Gäste zu empfangen, ließ Prinz Karl von Bayern das Zelt des Großwesirs aus dem Münchner Zeughaus heranschaffen. Auf einer Darstellung des Heerlagers ist das zwölfeckige Zelt gut zu erkennen. Damals wurde es zum letzten Mal genutzt, dann setzte sich die Einsicht durch, dass man diese Schätze konservieren müsse. In der Sammlung des 1879 gegründeten Armeemuseums bekamen die Zelte einen zentralen Platz.

Während sie anfänglich als Zeugnis des Sieges gegen das Osmanische Reich herhalten mussten, rücke heute die Geschichte der Objekte in den Vordergrund, sagt Reiß. Die Forschung interessiert sich jetzt für die Kunstfertigkeit, für den Gebrauch der Zelte im Feldlager und für die Rolle, die sie in den europäischen Monarchien spielten, die sie als Trophäen feierten.

Als der krieg 1699 endete, geriet Ungarn unter die Herrschaft der Habsburger

Frappierend ist die Landkarte, die Reiß erstellt hat. Sie zeigt die unglaubliche Größe des Osmanischen Reiches im Vergleich zum Heiligen Römischen Reich, man erahnt daraus die Wucht der Expansionsgelüste. Mit seinem Amtsantritt als Großwesir im Dezember 1685 übernahm Sari Süleyman Pasa ein kompliziertes Erbe. Nach dem Scheitern des Angriffs auf Wien und einer weiteren schweren Niederlage für das osmanische Heer in der Schlacht von 1687 sah sich der Großwesir mit einem Aufstand im eigenen Heer konfrontiert. Bald wurde er entmachtet und hingerichtet. Als der Große Krieg 1699 mit dem Frieden von Karlowitz beendet wurde, war Ungarn für das Osmanische Reich verloren. Es geriet unter die Herrschaft der Habsburger.

In einem ehemaligen herzoglichen Privatraum im Turm des Ingolstädter Schlosses hat das Zelt des Großwesirs jetzt einen dauerhaften Platz gefunden. Die Schau wird trefflich ergänzt durch Karten, Bilder und Texttafeln, die eine Zeit in Erinnerung rufen, die zwar auf ihre Weise faszinierend wirkt und wunderschöne kulturelle Dinge hervorgebracht hat, in der man aber keinesfalls hätte leben mögen. Schon wegen der vielen sinnlosen Schlachten, welche die Welt nicht besser gemacht haben.

Das Zelt des Großwesirs, Bayerisches Armeemuseum im Neuen Schloss Ingolstadt, Paradeplatz 4. Di.-Fr. 9-17.30 Uhr, Sa./So. 10-17.30 Uhr

© SZ vom 02.06.2021/van, wean
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