Chipmangel:Ein Bündnis gegen die Not

Bosch-Halbleiterfabrik

Der Bau einer neuen Chipfabrik wie der von Bosch in Dresden ist immens teuer und aufwendig. Allein die Einrichtung der Reinräume dauert zwei Jahre und länger.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Wirtschaftsminister Aiwanger möchte ein "Halbleiter-Bündnis" gründen und so neue Synergien in der Chipbranche schaffen. Die Idee stößt auf ein geteiltes Echo.

Von Maximilian Gerl, München

Dem Konzern vor den Toren Münchens reißen die Kunden "die Chips aus der Hand", wie ein Vorstandsmitglied neulich feststellte. Infineon, Sitz in Neubiberg, ist Bayerns größter Hersteller von Halbleitern, die seit Monaten weltweit eines sind: Mangelware. Die Infineon-Werke liefen bereits auf Hochtouren, bestätigt Unternehmenssprecher Gregor Rodehüser, zusätzlich investiere man in weitere Kapazitäten. Und trotzdem: Die Nachfrage sei weiter "extrem hoch und übersteigt das Angebot". Dieses Ungleichgewicht werde noch "einige Quartale bestehen bleiben".

Was für Infineon umsatzstarke Zeiten verheißt, bedeutet für andere schwierige. Ohne Halbleiter geht heute wenig: Dank ihnen kommunizieren Haushaltsgeräte im Internet of Things oder halten Autos die Spur. Doch weil sie aktuell kaum zu bekommen sind, klagen Wirtschaftsvertreter über gestörte Lieferketten, lange Lieferzeiten, Umsatzverluste. Dem Chipmangel möchte Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) nun mit einem "Halbleiter-Bündnis" begegnen. Die Idee stößt auf geteiltes Echo - auch weil sich schwer sagen lässt, ob und wie weit sie überhaupt helfen kann.

Sicher ist, dass der Bedarf an Chips in der bayerischen Wirtschaft immens ist, vor allem im Autobau. Zu groß war gewissermaßen der Schwung, mit der die Weltwirtschaft aus dem Corona-Tal startete. Selbst im BMW-Werk Dingolfing, Bayerns größter Autofabrik, gibt es "mitunter kurzfristig Engpässe in der Teileversorgung", wie ein Sprecher mitteilt. Am vergangenen Samstag habe man sogar eine zusätzliche Frühschicht vereinbart, um Stückzahlen aufzuholen. Für die nächsten Tage "gehen wir ebenfalls davon aus, dass wir regulär zweischichtig produzieren werden". Langfristige Prognosen? Schwierig, die Lage sei volatil. Auch beim Lkw-Hersteller MAN fielen an den Standorten München und Nürnberg einzelne Schichten aus, bei Audi standen im Sommer schon mal die Bänder still.

"Viele Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel"

Chips müssen also her. Vergangene Woche traf sich Aiwanger deshalb zweimal mit Vertretern der bayerischen Halbleiterbranche, mit Herstellern und Zulieferern. "Die Situation ist sehr ernst", gab er hinterher zu Protokoll, "viele Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel." Zumindest mittelfristig Linderung verschaffen soll daher das "Halbleiter-Bündnis": eine Art Netzwerk, das unter seinen Mitgliedern Synergien schaffen soll. Er wolle "alle Marktteilnehmer" an einen Tisch bringen, sagte Aiwanger in einer Videobotschaft seines Ministeriums: "Damit sie eventuell Einkaufsgemeinschaften gründen, mit mehr Marktmacht auftreten können". Denn aktuell kämpfe in der Branche noch jeder für sich, "ist noch zu wenig gemeinsames Gedankengut da".

"Ich dachte, ich falle vom Stuhl", sagt dazu der FDP-Landtagsabgeordnete Albert Duin. Konkurrenten, die gemeinsam auf dem Markt einkauften und ihre Preise miteinander teilten: "Das ist ein Kartell" - und Kartelle seien aus gutem Grund verboten. Wenn er, Duin, seinen Unternehmerkollegen so etwas vorschlage, "sitzen wir alle im Knast". Was Aiwanger stattdessen gegen den Chipmangel unternehmen solle? "Er soll als Politiker aufhören und einen Handel mit Halbleitern aufmachen", sagt Duin. "Es wird Zeit, dass er zurücktritt." Auch von den Firmen, die zu den Gesprächsrunden mit Aiwanger eingeladen waren, scheinen bislang nicht alle von den Plänen überzeugt zu sein. Ein Unternehmensvertreter berichtet am Telefon, man zweifle noch, ob die Ankündigungen "substanziell" seien oder "eine PR-Nummer".

Allerdings ist auch noch unklar, welche Aufgaben das potenzielle "Halbleiter-Bündnis" tatsächlich übernehmen wird - und ob Einkaufspolitik da am Ende überhaupt dazugehören wird. An den offenen Fragen arbeitet man im Ministerium dem Vernehmen nach bereits. Als Vorbild soll das "Wasserstoff-Bündnis" dienen: ein Zusammenschluss bayerischer Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, um Wasserstofflösungen voranzutreiben. Das Ganze kann man sich als Mix aus Netzwerk und Branchenverband vorstellen, als gemeinsames Forum agierte es zuletzt durchaus erfolgreich. Daneben regt Aiwanger in einer Ministeriumsmitteilung "besser angepasste, langfristig orientierte Beschaffungspläne" an: "Die Autohersteller tragen dabei eine Verantwortung auch für die bayerischen Zulieferer, die nicht auf den Risiken und Schäden sitzen bleiben dürfen."

Von den Grünen kommt Lob

Lob für Aiwanger kommt deshalb aus der Grünen-Fraktion im Landtag. Es sei richtig, die Akteure unterschiedlicher Ebenen einmal an einen Tisch zu holen, sagt die wirtschaftspolitische Sprecherin Barbara Fuchs. Allerdings gehe Aiwanger nicht weit genug: Der Autobau müsse schlicht seine Fertigung umstellen, weg von Just-in-time, hin zu größeren Lagerkapazitäten, um Materialengpässe überbrücken zu können. Das sei zwar teurer, komme aber auch den kleinen Zulieferern als "Soforthilfe" zugute, sagt Fuchs.

Das Grundproblem bleibt so oder so vorerst bestehen: Um ausreichend Chips zu bekommen, muss sich Bayerns Wirtschaft irgendwie auf dem Weltmarkt durchschlagen. Denn erstens kommt das Gros der Produkte aus Asien und den USA, zweitens ist Halbleiter nicht gleich Halbleiter - ein Kühlschrank benötigt andere Elektronik als ein Auto. Große Hoffnungen ruhen daher auf Intel. Der Chiphersteller will ein Werk in Europa errichten, als möglicher Standort ist der ehemalige Fliegerhorst Penzing (Landkreis Landsberg am Lech) im Gespräch. Doch der Bau neuer Anlagen ist teuer und aufwendig. Infineon hat erst im September ein neues Werk im österreichischen Villach in Betrieb genommen und dafür 1,6 Milliarden Euro über sechs Jahre investiert. Allein der Bau von Reinräumen kann laut Unternehmenssprecher Rodehüser "zwei Jahre und mehr dauern".

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