Bedrohte ArtenWie der Donaulachs vielleicht noch zu retten ist

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Fischwirt Mario Pfaudler mit einem ausgewachsenen Huchen.
Fischwirt Mario Pfaudler mit einem ausgewachsenen Huchen. Johannes Simon

Einst bevölkerte der Huchen die Donau und ihre Nebenflüsse, heute gibt es nur noch wenige Exemplare in Bayern. Der Lebensraum der Fische wurde von Menschen zerstört – nun brauchen sie menschliche Hilfe zum Überleben.

Von Lena Hamel, Salgen

Um die 30 Fische tummeln sich in dem Bach im Schatten eines Baumes. Huchen sind es, streng geschützte sogenannte Donaulachse, die früher weit verbreitet waren. Heute sind sie selten geworden, diese Exemplare schwimmen im Fischereihof des Bezirks Schwaben in Salgen im Unterallgäu. Dort werden sie gezüchtet, um die Art zu erhalten. „Der Huchen würde aussterben, wenn er nicht besetzt würde“, sagt Stefan Offyssek, Gewässerökologe beim bayerischen Landesfischereiverband.

Es gibt mehrere Aufzuchtstationen in Bayern, eine ist der Fischereihof Salgen. Maximilian Dietrichs Elterntiere, auch Zukunftslaicher genannt, wiegen noch um die zwei Kilo, Huchen können aber mehr als 30 Kilogramm Gewicht erreichen. In der Zucht werden die Laichfische alle sieben bis acht Jahre ausgetauscht, erklärt Dietrich, um die genetische Vielfalt zu erhalten.

Die Tiere sind auf menschliche Unterstützung angewiesen. Der Huchen (lateinisch Hucho hucho) war ursprünglich in der Donau und ihren Zubringern weit verbreitet und kam in mehr als 120 Fließgewässern vor. Heute gibt es nur noch in Bayern wenige Populationen in der Donau und ihren Nebenflüssen. Das ließ kürzlich auch Agrarministerin Michaela Kaniber aufmerken. „Der Huchen ist ein außergewöhnlicher Fisch. Er kommt in Deutschland ausschließlich im Freistaat Bayern vor – und das macht uns für seinen Schutz besonders verantwortlich“, teilte sie mit. In diesem Jahr ist der Huchen Bayerns Fisch des Jahres.

Der Schwund des Huchen freilich auch menschengemacht. Die Fische brauchen rasch fließende, kühle Gewässer mit kiesigem Grund. Diese Lebensräume werden weniger, wenn Flüsse ausgebaut und Wasserkraftwerke errichtet werden. Auch steigende Wassertemperaturen infolge des Klimawandels verschlechtern die Lebensbedingungen. Dazu kommt die Gefahr durch Kormorane, Gänsesäger und Fischotter. Auch den Fischereihof Salgen umzäunt neuerdings ein fast zwei Meter hoher Otterzaun zum Schutz der mühsam gezüchteten Huchen.

Fischwirt Mario Pfaudler (links) und Maximilian Dietrich vom Fischereihof Salgen.
Fischwirt Mario Pfaudler (links) und Maximilian Dietrich vom Fischereihof Salgen. Johannes Simon

Maximilian Dietrich erforscht die Huchen, Fischwirt Mario Pfaudler kümmert sich um sie. Er streift die Eier mit dem Finger aus der Bauchhöhle der Weibchen. Ist der Bauch weich, sind die Eier reif. Alle zwei bis drei Tage holen sie die Fische aus dem Huchenteich, um sie zu untersuchen und den richtigen Moment für die Eientnahme abzupassen. Für die Befruchtung gibt Pfaudler die Milch der männlichen Huchen über die Eier und mischt Wasser dazu. Dann muss Pfaudler schnell sein, denn Fischeier könnten nur die ersten 32 Stunden nach der Befruchtung bewegt und umgesetzt werden, sagt er, später seien sie zu empfindlich bei Erschütterungen.

Bei zehn Grad Wassertemperatur dauert es 42 Tage bis die Larven schlüpfen. Dafür nimmt Mario Pfaudler Unterstromkästen aus Kunststoff zu Hilfe. Das sind geschlossene Brutbehälter, bei denen das Wasser von unten nach oben durch den Kasten strömt und die Verhältnisse in kiesigen natürlich Laichplätzen simuliert. Sind sie groß genug, kommen die Jungfische in die größeren grünen Wasserbehälter – hier tummeln sich 50 000 bis 60 000  von ihnen unter der gelben Kunststoffplatte, die ihnen Schatten spendet. Mit etwa 30 Gramm Körpergewicht siedelt Mario Pfaudler sie in die Naturteiche im Außengelände um.

Kleine Huchen in der Aufzuchtstation. Sie tummeln sich gerne in schattigen Bereichen.
Kleine Huchen in der Aufzuchtstation. Sie tummeln sich gerne in schattigen Bereichen. Johannes Simon

Der Huchen einfach aussterben zu lassen, ist keine Option, sagt Maximilian Dietrich. Er hat die ökologische Funktion, Bestände anderer Fischarten zu reduzieren, vor allem kranke Fische frisst er aus den Gewässern heraus. Das Ziel müsse sein, die Gewässer wieder so zu renaturieren, dass sich die Fische allein reproduzieren könnten.

Dazu gehören, wie es der bayerische Landesfischereiverband formuliert, „die Wiederanbindung von Seitengewässern, die Schaffung großflächiger Kiesbänke, der Erhalt von Entwässern als Wintereinstände und die Verbesserung der Durchgängigkeit, stromauf wie stromab“. So kommt der Huchen etwa wieder vermehrt in der Iller vor, seit dort vor 15 Jahren renaturiert wurde. Und auch der naturnahe Rückbau der Isar in München hat den Fischen Lebensräume zurückgegeben.

Das reicht allerdings nicht aus. Huchen legen Strecken von bis zu 100 Kilometern zurück, kleine einzelne renaturierte Gebiete sind da nicht genug. Der Fischbestand können nur fortbestehen, sagt Dietrich, wenn die Lebensräume vernetzt seien, die Wege nicht verbaut, der Kies nicht verschlammt.

Damit sich die Huchen nicht zu sehr an die guten Lebensbedingungen in der Zuchtstation gewöhnen, setzen Dietrich und sein Team die Tiere so jung wie möglich in die freie Wildbahn. Wenn sie groß genug sind, zwischen einem bis zweieinhalb Kilo, beginnt für die Huchen der neue Lebensabschnitt in den Gewässern der Donauzuläufe: der Iller, dem Lech, der Ammer, der Isar, dem Regen und vereinzelt in der Salzach. Dann müssen sie Jägern wie Fischotter und Kormoran entkommen, bis eine neue Gefahr droht: Angler dürfen die Huchen fangen, wenn sie ein Schonmaß von 90 Zentimetern erreicht haben.

Das ist für die Art jedoch nicht existenzbedrohend, die schwindenden Lebensräume sind es. Ohne Besatzprogramme wäre der Huchen längst ausgestorben. Eine Besserung ist dennoch nicht in Sicht, die Tiere stehen auf der Roten Liste. Mario Pfaudler und sein Team machen dennoch weiter. Alleine schafft es der Huchen nicht.

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