Folge des KlimawandelsWeil der Wald immer zeitiger Deckung bietet: Rehjagd soll früher beginnen

Lesezeit: 4 Min.

Zwei Rehe stehen in einer von Raureif überzogenen Wiese an einem Waldrand.
Zwei Rehe stehen in einer von Raureif überzogenen Wiese an einem Waldrand. Thomas Warnack/dpa
  • Die Rehjagd in Bayern soll ab dem Jagdjahr 2026/2027 bereits am 16. April statt am 1. Mai beginnen, weil der Klimawandel frühere Vegetation und mehr Deckung für Rehe bewirkt.
  • Die behördliche Abschussplanung für Rehwild soll abgeschafft werden können, wenn Jagdrevierbesitzer und Jagdgenossenschaften sich dafür aussprechen und bestimmte Verpflichtungen eingehen.
  • Experten kritisieren die Reform als unzureichend, da Rehe durch Verbiss junge Bäume zerstören und stabile Mischwälder in der Klimakrise verhindern.
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Seit Jahren beklagen Waldbesitzer in Bayern immense Wildschäden und fordern ein modernes Wildtiermanagement. Nun hat die Staatsregierung ein neues Jagdgesetz ins Verfahren gebracht. Experten geht es nicht weit genug.

Von Christian Sebald

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Die Jäger in Bayern haben im Jagdjahr 2024/2025 gut 300 000 Rehböcke und Rehe geschossen. Weitere knapp 53 000 Rehe sind auf andere Art zu Tode gekommen, die meisten dürften bei Wildunfällen verendet sein. Die Zahlen hat Wirtschafts- und Jagdminister Hubert Aiwanger (FW) kurz vor Weihnachten bekanntgegeben.

Damit sind Rehe die Wildart in Bayern mit der mit Abstand größten jagdlichen Bedeutung. Im Vergleich zu den Vorjahren wurde freilich etwas weniger Rehwild erlegt, insgesamt belief sich die Zahl aber auf dem Niveau der zurückliegenden Jahre. Die Zahl erlegter Wildschweine dagegen belief sich 2024/2025 auf nur etwas mehr als 69 000 Tiere.

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Vom Jagdjahr 2026/2027 an, das am 1. April beginnt, soll es bei der Rehjagd zwei Neuerungen geben. Sie waren bis zuletzt heftig umstritten – bis in die Mitte der Staatsregierung hinein. Die eine ist, dass die Jagd auf einjährige Rehe und Rehböcke künftig am 16. April starten wird statt wie bisher am 1. Mai. Der Grund: Infolge der Klimakrise beginnt die Vegetationszeit immer früher, die Wälder vor allem in Franken tragen Anfang Mai schon viel Laub.

Die Rehe haben deshalb immer mehr Deckung, für die Jäger wird die Jagd immer schwieriger. Mit dem Vorverlegen der Jagdzeit um zwei Wochen will die Staatsregierung die Rehjagd zumindest etwas erleichtern. Schließlich messen ihr beinahe alle Experten eine entscheidende Funktion für die Zukunft der Wälder in Bayern zu.

Der Hintergrund: Rehe ernähren sich vorzugsweise von den Trieben junger Buchen, Eichen und Tannen. Wenn man sie lässt, fressen sie die kleinen Bäumchen so zusammen, dass diese massenhaft absterben. Stabile Mischwälder, wie sie in der Klimakrise dringend notwendig sind, haben keine Chance, solange nicht ausreichend Rehe gejagt werden. Das sagen Fachleute wie Alfons Leitenbacher. Der pensionierte Forstwissenschaftler hat lange Jahre Forstämter in Oberbayern geleitet, zuletzt in Traunstein, er gilt als exzellenter Kenner der Wälder und der Jagdszene in Bayern. Mit vielen Waldbesitzern und Bauern fordert er seit Langem, dass die Jagdzeit für Rehe am 1. April beginnen sollte. Sogar der Oberste Rechnungshof hat vor gar nicht langer Zeit kritisiert, dass in Bayern zu wenig effektiv gejagt wird.

Die Jäger lehnen einen früheren Start der Rehjagd mehrheitlich ab. Vor allem in konservativen Jagdkreisen hält sich die Überzeugung, die Rehe seien im April noch vom Winter geschwächt, sie bräuchten gerade in diesem Monat Ruhe. Aiwanger, der sich einen leidenschaftlichen Jäger nennt, hat sich einem früheren Start der Jagd auf Rehe lange kategorisch widersetzt. Zur jetzigen Fixierung des 16. Aprils äußert er sich nicht. Auch der bayerische Jagdverband lässt eine Anfrage ohne Antwort. Dessen Präsident, der CSU-Politiker Ernst Weidenbusch, lehnte bislang einen Beginn der Rehjagd im April ebenso heftig ab wie Aiwanger. Die Vorverlegung soll erst auf Intervention von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zustande gekommen sein. Hintergrund war demnach der immense Druck aus Reihen der Bauern und Waldbesitzer im Verbund mit Forstministerin Michaela Kaniber (CSU).

Vize-Ministerpräsident und FW-Chef Hubert Aiwanger nennt sich selbst einen leidenschaftlichen Jäger. Das Bild zeigt ihn bei einem Termin in Oberaudorf im April 2023.
Vize-Ministerpräsident und FW-Chef Hubert Aiwanger nennt sich selbst einen leidenschaftlichen Jäger. Das Bild zeigt ihn bei einem Termin in Oberaudorf im April 2023. Peter Kneffel/dpa

Die zweite Neuerung beschäftigt Jäger, Waldbesitzer, Bauern, Behörden und den einen oder anderen Naturschützer ebenfalls sehr. Wie in der Debatte über die Jagdzeiten liefern sie sich auch in dem Punkt heftige Dauerfehden. Den meisten Menschen freilich dürfte sie ziemlich gleichgültig sein – zumal sie in den Details schwer nachvollziehbar ist. Es geht um die sogenannte behördliche Abschussplanung für Rehwild. Dabei legen die Jagdbehörden an den Landratsämtern im Drei-Jahres-Turnus fest, wie viele Rehe in jedem der ungefähr 12 700 Jagdreviere in Bayern abgeschossen werden müssen. Maßstab ist der jeweilige Wildverbiss an den nachwachsenden Bäumen.

Die Abschussplanung ist ein immenser bürokratischer Akt, von dem ziemlich unklar ist, ob er sich lohnt. Denn die Jäger mussten bis zuletzt nicht nachweisen, dass sie die Abschussvorgabe für ihr Revier erfüllen, etwa durch Vorlage der erlegten Rehe oder Fotos davon. Es genügte die Meldung, dass sie das getan haben. Experten wie Leitenbacher hegen schon lange den Verdacht, dass die gemeldeten und tatsächlichen Abschüsse beim Rehwild nicht übereinstimmen. Ihrer Einschätzung nach melden die Jäger – aus welchen Gründen auch immer – vielfach Abschüsse, die nicht passiert sind. Das Wort für diese Praxis lautet „Postkartenabschuss“.

Der Grund für den Verdacht sind die immensen Verbissschäden in den Wäldern. Sie sind in ungefähr der Hälfte der Hegegemeinschaften – das sind die 750 größeren Einheiten über den 12 700 Jagdrevieren – so gravierend, dass dort dringend schärfer gejagt werden müsste, wenn der Wald dort nachwachsen können soll. Gleichwohl will die Staatsregierung nun auch dort von der Abschussplanung lassen. Vorausgesetzt, der Besitzer des Jagdreviers oder die jeweilige Jagdgenossenschaft sprechen sich in einer Abstimmung dafür aus und melden das ihrer Jagdbehörde. Außerdem müssen sie und die Jäger sich zu Waldbegängen verpflichten, sich auf ein Jagdkonzept einigen, sich über die Jagderfolge informieren und dergleichen mehr.

Forstministerin Michaela Kaniber bei einem Gespräch mit Waldbesitzern, Förstern und Lokalpolitikern in den Wäldern am Taubenberg.
Forstministerin Michaela Kaniber bei einem Gespräch mit Waldbesitzern, Förstern und Lokalpolitikern in den Wäldern am Taubenberg. Florian Peljak

Die sogenannte Abschussplan-Freiheit ist Aiwangers zentraler Punkt bei der Reform des Jagdgesetzes. Der Minister erwartet sich davon nicht nur mehr Freiheiten für Jäger, Waldbesitzer und Bauern. Sondern überdies einen großen Schritt beim Bürokratieabbau.  „Im Kern geht es darum, das an Grund und Boden gebundene Jagdrecht zu stärken durch mehr Eigenverantwortung vor Ort statt mehr behördlicher Einflussnahme“, lässt er seinen Sprecher ausrichten. Ziel sei ein „ausgewogenes Wald-Wild-Verhältnis“. Forstministerin Kaniber, von der man sagt, sie sei Aiwanger in inniger Abneigung verbunden, spricht ebenfalls von „größeren Freiheiten“, „mehr Eigenverantwortung“ und „weniger Bürokratie“.

Skeptiker wie Leitenbacher nennen die Reform einen Fortschritt. Zumindest einen „gewissen“, wie er sagt. Und vor allem mit Blick darauf, dass die bisherige Abschussplanung nicht den überfälligen Erfolg für die Wälder gebracht hat und er deshalb das bisherige System leid ist. „Mit der Abschussplanung hatten wir Jahrzehnte langen Stillstand“, sagt Leitenbacher und man hört ihm sogar am Telefon den Frust an, der sich deshalb bei ihm aufgestaut hat. „Jetzt haben wir zumindest die Chance, dass sich etwas zum Besseren wendet. Vorausgesetzt die Jagdgenossenschaften setzen sich dafür ein und machen Druck auf die Jäger.“ Insgesamt gehen Leitenbacher die Neuerungen aber nicht weit genug. „Es gibt beispielsweise keinen Grund, warum die Rehjagd in Bayern nicht am 1. April starten sollte“, sagt er.

Der Bund Naturschutz (BN) lässt derweil kein gutes Haar an Aiwangers Reform der Rehjagd. Aus BN-Sicht ist und bleibt die behördliche Abschussplanung ein wichtiges Instrument für eine gute Zukunft der Wälder in Bayern. Bisher habe es einzig an der Überwachung gefehlt, ob die Jäger sie erfüllen. „Der Wald braucht mehr statt weniger Kontrolle“, sagt der Ehrenvorsitzende des BN, Hubert Weiger, der ebenfalls Forstwissenschaftler ist. „Der Gesetzesentwurf ist, als würde Aiwanger an einer unfallträchtigen Straßenkreuzung die Ampel abbauen.“

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