Jubiläum:Bildung für alle

FHWS historischer Rückblick

Polytechnikum Hörsaal 1963

(Foto: FHWS-Archiv)

Zehn Hochschulen im Freistaat feiern in dieser Woche ihren 50. Geburtstag. Sie alle wurden 1971 gegründet. Eine bayerische Aufstiegsgeschichte.

Von Viktoria Spinrad, München/Rosenheim

Als sich Heinrich Köster Anfang der Siebziger mit seinem Fiat 500 aufmachte, an der bayerischen Studienrevolution mitzumischen, erklärten ihn seine Mitschüler erst einmal für verrückt. Ein Münsteraner in Rosenheim? Vom prosperierenden Nordrhein-Westfalen ins bayerische Niemandsland? Um an der kleinsten Fachholschule des Freistaats was zu studieren - Holztechnik? "Das verstand damals keiner", sagt Köster. Ein halbes Jahrhundert später blickt der 69-jährige Westfale auf eine internationale Karriere zurück: Bahrein, Ägypten, Kanada.

Seit zwölf Jahren ist er nun zurück in Rosenheim, als mittlerweile ältester bayerischer Hochschulpräsident. In dieser Woche gibt es Anlass zum Feiern. Die Technische Hochschule Rosenheim ist eine von zehn Hochschulen im Freistaat, die in dieser Woche auf ihre 50-jährige Geschichte zurückblicken. Zum Jubiläum gibt es am Mittwoch einen großen Festakt an der Flugwerft Schleißheim. Dabei sind Vertreter der Hochschulen aus Augsburg, Regensburg, Coburg, München, Nürnberg, Weihenstephan und Würzburg. Sie alle sind das Ergebnis eines Bildungsversprechens, sie alle wurden im Jahr 1971 gegründet. Wie kam diese Gründungswelle zustande? Und wo stehen die bayerischen Hochschulen heute?

Rosenheim galt als das "Mekka der Hölzernen"

Um zu verstehen, wieso Heinrich Köster Anfang der Siebziger mit seinem Fiat 500 einmal durch die Republik fuhr, um in Rosenheim Holz zu schleifen, hilft ein Sprung in die Sechzigerjahre. Die Haushaltskasse war voll, Willy Brandt versprach Bildung für alle. Doch der Hochschulapparat kam kaum hinterher. In den Universitäten saßen die Studenten - es waren fast ausschließlich junge Männer - schnell auf den Treppen. Da fassten die Ministerpräsidenten einen Beschluss: Die Hochschullandschaft sollte um sogenannte Fachhochschulen erweitert werden.

Der Westfale Köster machte damals seine Tischlerlehre. Das war naheliegend, kam er doch aus einer Holzfamilie, die Tischlerei der Eltern gibt es noch heute. Doch NRW war praktisch abgeholzt. Während einer Europarundreise machte er Station in Rosenheim. Im Wirtshaus setzte sich jemand zu ihm an den Tisch und offenbarte ihm etwas, das sein Leben verändern sollte: dass man hier in Rosenheim Holztechnik studieren kann. "Die Stadt galt als Mekka der Hölzernen", erzählt Köster - und war wie viele ihrer Art gerade von einer Ingenieurschule zu einer Fachhochschule befördert worden.

Finanziert wurde das aus dem Tafelsilber des Freistaats, unter anderem aus den Privatisierungserlösen vom Verkauf der Isaramperwerke. Mit Erfolg. Die Zahlen an den neuen bayerischen Hochschulen stiegen stark an. Mittendrin: Heinrich Köster. Für 50 Mark im Monat kam er bei einer Kriegswitwe unter, gründete die Asta-Kneipe mit. Und er schliff. Bretter, Möbel, Parkett, Spanplatten. Am Ende durfte er den traditionellen braunen Semesterhut aufsetzen und trug sein Wissen ins Ausland.

Wissenschaftsminister Sibler schwärmt von der "anwendungsbezogenen Lehre"

Derweil setzte sich der Boom an den Hochschulen fort. Aus zunächst 17 000 Studierenden wurden in den Siebzigern schnell mehr als 30 000, bis zu den Neunzigern verdoppelte sich die Zahl nochmals. An der Hochschule kamen immer mehr Studiengänge hinzu. Innenarchitektur, Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik. Aus dem einen sind mittlerweile knapp 40 Studiengänge geworden, aus 600 Schülern mehr als 6000 Studierende, aus einem Holztechnikum eine Forschungsstätte mit zweisprachiger Website und angelsächsischer Duzkultur bis hin zum Präsidenten Köster.

Historischer Rückblick

Arbeiten im Asphalttechnologielabor der Fakultät Bauingenieurwesen der heutigen Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg.

(Foto: Archiv der OTH Regensburg)

Studenten heißen mittlerweile Studierende, und jeder Dritte in Bayern ist inzwischen an einer Hochschule statt an einer Universität eingeschrieben. Jeder Zehnte der etwa 120 000 kommt aus dem Ausland. Auch die Politik ist gut erprobt darin, die praktisch orientierte Arbeit an den mittlerweile 19 Hochschulen im Freistaat zu loben. Fragt man Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU), schwärmt er von der "anwendungsbezogenen Forschung und Lehre", von den "Innovationsmotoren" und dem "vorbildlichen Wissenstransfer."

Für manche Studierende nur zweite Wahl

Die Hochschulleiter wissen natürlich, dass sie für manche Studierende nur zweite Wahl sind. Das Prestige eilt der Ludwigs-Maximilians-Universität immer noch mehr voraus als etwa der Ostbayerischen Technischen Hochschule. Letztere hat es auch schwerer, Professoren an sich zu binden. Weniger Bezahlung und Reputation für mehr Unterrichtsstunden, da muss man erst einmal Überzeugungsarbeit leisten. Und das, obwohl der Exportschlager deutscher Ingenieurskunst von den Hochschulen kommt: Hier wird der Großteil von ihnen ausgebildet.

Auf dem Weg zu mehr Selbstbewusstsein wirkt die bayerische Hochschulreform wie Schmierseife. Einfacher promovieren, schneller bauen, selbst entscheiden: Die Hoffnung ist groß, dass mit dem Bürokratie-Abbau auch das teils verstaubte Bild der Hochschulen einen neuen Anstrich bekommt. Doch die politische Stärkung geht auch mit Druck einher. Dass sich das lohnt, "müssen wir nun mit Forschungserfolgen belegen", sagt Walter Schober, Präsident der Hochschule Ingolstadt und Vorsitzender von Hochschule Bayern. Dafür, betont Heinrich Köster, müssten sich die Hochschulen auch noch mehr in der Region vernetzen.

Aus seinem damaligen Studienfach ist mittlerweile eine Palette an Spezialisierungen und Zukunftsfragen geworden. Wie vertäfele ich eine Yacht? Lässt sich Holz in einem Flughafen verbauen? Könnten Nespresso-Kapseln eines Tages aus Holzfasern produziert werden? Und vielleicht sogar Klamotten? Es wäre ein Durchbruch "made in Rosenheim", der dem Westfalen bestimmt gefallen würde.

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