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Flurnamenforschung:Die Retter des Galgenbichel

Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein, 2013

Dem Namensforscher Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein - hier vor einigen Jahren in seinem Haus - ist die Festschrift zum Jubiläum des Verbands für Orts- und Flurnamenforschung gewidmet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Verband für Orts- und Flurnamenforschung bewahrt seit 100 Jahren einen kostbaren Schatz. Die alten Bezeichnungen wären sonst wohl längst vergessen

Von Hans Kratzer

Aller Zersiedelung zum Trotz ist das Land Bayern immer noch üppig gesprenkelt mit Äckern, Wiesen und Wäldern, und die meisten davon tragen seit Jahrhunderten einen Namen. Leider sind viele dieser alten Orts- und Flurnamen in Vergessenheit geraten, obwohl sie überaus exotisch klingen wie etwa Fourieracker, Teufelsgraben und Galgenbichel. Besäßen die Gemeinde- und Stadträte ein ausgeprägteres historisches Bewusstsein, würden sie ihre Siedlungen und Ortsstraßen gewiss mit diesen alten Namen adeln und sie nicht mit Allerweltsnamen wie Arberstraße und Osserweg benennen, die nur Langeweile verströmen.

"Flurnamen tauchen heute fast nicht mehr auf", bestätigt auch Michael Henker, der Vorsitzende des Verbands für Orts- und Flurnamenforschung in Bayern. Diesem Verein ist es zu verdanken, dass die alten Bezeichnungen wenigstens noch gesammelt und inventarisiert werden. Seit hundert Jahren schon setzt er sich für deren Dokumentation ein, unterstützt von namhaften Wissenschaftlern und engagierten Ehrenamtlichen. Andernfalls wäre schon jetzt von der kostbaren Tradition so gut wie nichts mehr übrig.

Am Mittwoch wurde das 100-jährige Bestehen dieser Institution gefeiert, wobei als Höhepunkt eine Festschrift vorgestellt wurde, die zugleich dem Ortsnamenforscher Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein zu dessen 80. Geburtstag gewidmet und bemüht ist, auch die entlegensten Winkel dieses Faches auszuleuchten - etwa die silben- und wortsprachlichen Phänomene bei Varianten von Ortsnamen auf -ing. Reitzenstein hat sich ähnlich wie seine namensforschenden Kollegen Richard Bauer und Michael Henker, um nur einige zu nennen, um die Orts- und Flurnamenforschung über Jahrzehnte hinweg verdient gemacht.

In Zeiten ohne Ortungssysteme und Navigationsgeräte steckten Flurnamen den Besitz ab und dienten der Orientierung im Gelände. "Unmittelbar aus dem Volk hervorgegangen, sind sie eine einzigartige Quelle für die Erfahrungswelt und Geisteshaltung unserer Vorfahren", sagt Reinhard Bauer.

Zudem ist ihr Informationsgehalt über frühere Besitzverhältnisse und historische Ereignisse fast unerschöpflich. In Feldmoching, einem der ältesten bayerischen Dörfer, sind gut 800 Flurnamen überliefert. Auf älteren Karten findet sich in jenem Gelände, das 1938 für den Rangierbahnhof aufgeschüttet wurde, der Steingraben und der Steinweg. Die Bezeichnungen zeigen laut Bauer, "dass hier die sonst in diesem Bereich nicht genau nachweisbare alte Römerstraße nach Augsburg führte".

Die Ursachen für die Misere der Flurnamen sind leicht zu finden, sie heißen Zersiedelung, moderne Agrarstruktur, sterbende Mundart. Auch die Liegenschaftskataster werden mittlerweile elektronisch verwaltet, und die Verwaltungsbeamten kennen oft nur noch die Nummern der Grundstücke. Andererseits zeigen die Flurnamen in der "Würzburger Marktbeschreibung" aus dem Jahr 779, dass die meisten der heute noch gebräuchlichen Namen bereits vor 1200 Jahren verwendet wurden.

Die Flurnamenforschung profitiert seit hundert Jahren davon, dass sie stets von höchst engagierten Unterstützern gefördert wurde. Zu ihnen zählte etwa der Oberlehrer Remigius Vollmann (1861-1928), der zusammen mit Kollegen am 1. September 1920 den Verband für Flurnamensammlung gründete. Damals taten sich vor allem die Lehrer als begeisterte Heimatforscher und Lokalgeschichtsexperten hervor. Mit ihrer Hilfe gelang es den Verantwortlichen des Verbandes bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs in allen Regierungsbezirken Flurnamensammlungen anzulegen. Vollmann begeisterte als mitreißender Redner das Publikum in ganz Bayern für die Erforschung der alten Namen. Nützlich war gewiss auch ein Ministerialerlass aus dem Jahr 1926, der die Flurnamensammlung zur Aufgabe der Schulen machte.

Auch an der Münchner Universität wurde alsbald das Fach Namenkunde gelehrt, etwa von Professor Joseph Schnetz (1873-1952), der das bis heute nützliche Standardwerk "Flurnamenkunde" verfasste. Auf Initiative des Verbandes wurde auch das Forschungsprojekt "Erfassung der Flurnamen in Bayern" angestoßen, mit dessen Durchführung das Haus der Bayerischen Geschichte betraut wurde.

Wegen der "Erforschung und Dokumentation von Flur- und Hausnamen in Bayern" wurde der Verband 2017 in das Bayerische und 2018 in das Deutsche Register des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ungeachtet dessen tragen die meisten Siedlungsstraßen und -wege mittlerweile Namen von Bergen, der Rest wird mit Bäumen, Tieren, Komponisten und Dichtern belegt. Und das, obwohl ein Riesenschatz an altehrwürdigen Namen bloß darauf wartet, wieder gehoben zu werden.

© SZ vom 24.09.2020

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