Schule in BayernLehrerverband fordert Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten

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Schon wieder alles anders im Gymnasium? Gerade erst hat Bayern das verunglückte G 8 überwunden, da liegen schon die nächsten Reformideen auf dem Tisch. (Symbolbild)
Schon wieder alles anders im Gymnasium? Gerade erst hat Bayern das verunglückte G 8 überwunden, da liegen schon die nächsten Reformideen auf dem Tisch. (Symbolbild) IMAGO/MASKOT
  • Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) fordert eine Reform des Gymnasiums mit modularem Lernen, bei dem Schüler einzelne Fächer wiederholen können, ohne die gesamte Jahrgangsstufe erneut zu durchlaufen.
  • Das neue System würde bedeuten, dass begabte Schüler ihr Abitur nach acht Jahren absolvieren könnten, während andere neun Jahre Zeit hätten.
  • Kultusministerin Anna Stolz lehnt den Reformvorschlag ab und sieht keinen Anlass für eine erneute Strukturdebatte, da das neue G9 auf breite Akzeptanz stoße.
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Der BLLV will das Gymnasium neu denken: kein Durchfallen mehr, Lehrer als „Coaches“ und modulares Lernen. Was dahintersteckt und warum Kultusministerin Anna Stolz nicht begeistert ist.

Von Thomas Balbierer

An diesem Mittwoch ist die konfliktreiche Ära des achtjährigen Gymnasiums (G 8) in Bayern endgültig überwunden. Der Start der Abiturprüfungen für rund 29 000 Schülerinnen und Schüler ist der letzte Schritt auf der Rückkehr zum G 9. Erstmals seit 2011 findet das Abitur wieder im rein neunjährigen Schulmodus statt, im vergangenen Jahr hatte es quasi keinen Abiturjahrgang gegeben. „Endlich ist es wie immer“, sagt Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) am Montag. „Alles ist wieder gut.“

Das war freilich ironisch gemeint. Sonst hätte der BLLV an diesem Vormittag wohl kaum zu einer XXL-Pressekonferenz mit gleich sechs Rednerinnen und Rednern geladen, die im Grunde schon die nächste Reform des Gymnasiums fordern. Ausgerechnet jetzt, da die fast 25-jährige Karussellfahrt zwischen G 9 und G 8 in Bayern endlich vorbei ist?

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Ja, ausgerechnet jetzt, sagt Fleischmann fast schon trotzig. Das Gymnasium sei den Anforderungen einer vielfältigen Schülerschaft mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen nicht mehr gewachsen. Es sei organisatorisch und strukturell „auf ein Lernen im Gleichschritt“ ausgelegt, vernachlässige dabei Aspekte wie Inklusion oder Integration. Oder wie der Direktor des Ingolstädter Katharinen-Gymnasiums, Matthias Schickel, sagt: Der Staat gebe immer noch eine „Rasenmäher-Pädagogik“ vor, „wie wir sie seit 200 Jahren haben“. Wer nicht ins Raster passe, falle durch und werde irgendwann ausgesiebt.

Am Ende, kritisiert Fleischmann, blieben oft Kinder aus sozial benachteiligten Familien auf der Strecke. Dadurch werde das Gymnasium „zu einer Schule der Herkunft“. Schulleiter Schickel berichtet nach der Pressekonferenz, dass in der fünften Klasse knapp 20 Prozent seiner Schüler Migrationshintergrund hätten, die Quote bis zum Abitur jedoch auf fünf Prozent sinke. „Wir spüren den Veränderungsdruck“, sagt Fleischmann.

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Der BLLV schlägt deshalb ein neues Modulsystem für die Gymnasien vor, das individuelles Lernen und Fördern ins Zentrum stellt. Von der siebten Klasse an sollen Schüler die Möglichkeit haben, einzelne Fächer, deretwegen sie durchfallen würden, im nächsten Schuljahr zu wiederholen – ohne dass sie die gesamte Jahrgangsstufe noch einmal durchlaufen müssten. In den anderen Fächern würden sie wie gewohnt vorrücken und könnten weiterhin mit ihren Freunden am Unterricht teilnehmen.

Auswirkungen hätte das unter anderem auf die Anzahl der Schuljahre, womit man den G-8-G-9-Kreisel doch wieder drehen würde. Schüler, die ohne größere Probleme durchs Gymnasium kommen, würden ihr Abitur nach acht Jahren absolvieren. Wer Fächer wiederholt, hätte dazu neun Jahre Zeit.

Roland Kirschner, Gymnasiallehrer und Schulpsychologe, sieht darin einen Paradigmenwechsel im Umgang mit versetzungsgefährdeten Schülern. Denn die seien oft „todtraurig, wenn sie erfahren, dass sie das Klassenziel nicht erreichen“, sagt er. „Sie fühlen sich als Versager.“ Durch die flexibleren Lernmodule würde sich das ändern. Auch private Einschnitte, etwa Krankheiten oder die Scheidung der Eltern, könnten besser abgefedert werden.

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Von der Modullösung sollen laut BLLV auch begabte Kinder profitieren, da diese ebenfalls mehr Raum zum Lernen und Möglichkeiten zur Förderung hätten. Denn zum Konzept gehört auch die Idee, jedem Kind statt eines Klassenleiters einen Lehrer als „Coach“ zuzuordnen. Das soll eine „enge und dauerhafte persönliche Bindung“ ermöglichen. Diese sei für den Lernerfolg von Kindern wichtig, sagt die Münchner Gymnasiallehrerin Tamara Thum.

Für Schulen und das Lehrpersonal dürfte eine solche Umstellung einen organisatorischen Kraftakt bedeuten, daraus machen die BLLV-Experten kein Geheimnis. Dass der Verband ausdauernd Lehrermangel und rückläufige Zahlen von Lehramtsstudierenden beklagt und nun noch mehr Einsatz aller Beteiligten fordert, ist ein Widerspruch, den auch BLLV-Präsidentin Fleischmann nicht völlig von der Hand weisen kann.

Für Kultusministerin Anna Stolz besteht „nicht der geringste Anlass für eine erneute Strukturdebatte“

Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) hält vom Reformvorstoß des BLLV jedenfalls wenig. Die letztlich gescheiterte Einführung von G 8 habe deutlich gemacht, „dass unsere Schulen verlässliche Strukturen schätzen und auch brauchen“, teilt sie auf SZ-Anfrage mit. „Das neue neunstufige Gymnasium, das in dieser Woche erstmals in die wichtige Phase der Abiturprüfungen tritt, ist in breitem Konsens mit der gymnasialen Schulfamilie entstanden.“ Das G 9 stoße auf „breite Akzeptanz“ bei Personal und den Familien.  „Es ist ein gutes System und daher besteht auch nicht der geringste Anlass für eine erneute Strukturdebatte.“

Auch die BLLV-Konkurrenz konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. Der bayerische Philologenverband verschickte vor dem Presseauftritt der Kollegen eine Mitteilung mit der Überschrift: „Was die Gymnasien diese Woche wirklich bewegt: Abitur-Auftakt für den ersten G-9-Jahrgang.“ Dies zu erreichen, sei ein „langer Prozess“ gewesen, die Umsetzung sei „in hervorragender Weise“ gelungen. Nach großer Lust auf neue Reformen klingt das nicht.

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