Umwelt in Bayern:"Stattdessen sollen wir verschmutztes Grundwasser aufbereiten und als Trinkwasser anbieten"

Umwelt in Bayern: Die intensive Landwirtschaft mit ihren Unmengen an Gülle ist der wichtigste Grund dafür, dass vielerorts das Grundwasser mit Nitrat belastet ist.

Die intensive Landwirtschaft mit ihren Unmengen an Gülle ist der wichtigste Grund dafür, dass vielerorts das Grundwasser mit Nitrat belastet ist.

(Foto: Christian Endt)

Bayerns Grundwasser ist vielerorts mit Schadstoffen aus der Landwirtschaft belastet. Es muss gereinigt werden - oder von weiter unten gefördert. Das aber soll nun erschwert werden. Wasserversorger sind besorgt.

Von Christian Sebald

Hans Weinzierl kämpft seit Jahren um sauberes Grundwasser. Denn Weinzierl kennt die schlimmen Folgen nur zu gut, wenn immer mehr Nitrat und andere Schadstoffe aus der Landwirtschaft das Grundwasser belasten. Weinzierl ist Chef der Rottenburger Gruppe. Der kleine Wasserzweckverband beliefert 40 000 Menschen in der Region Landshut mit Trinkwasser. Vier Trinkwasserbrunnen hat er schon schließen müssen, weil das Grundwasser die Belastungsgrenze überschritten hat, zwei weitere muss er demnächst dicht machen. Jetzt befürchtet Weinzierl, dass die Rottenburger Gruppe kein unbelastetes Grundwasser mehr fördern darf. "Stattdessen sollen wir künftig verschmutztes Grundwasser aufbereiten und als Trinkwasser anbieten", sagt Weinzierl. "Das kann's aber nicht sein."

Der Grund für Weinzierls Verärgerung ist das neue Merkblatt Nr.1.4/6 des Landesamts für Umwelt (LfU), beziehungsweise dessen Entwurf. Das Papier mit dem Titel "Schutz und Bewirtschaftung langsam regenerierender Grundwassersysteme - Tiefengrundwasser", das vom LfU als Verschlusssache behandelt wird, ist so sperrig wie die Materie, um die es geht. Dazu muss man wissen, dass die LfU-Leute beim Grundwasser sogenannte Stockwerke unterscheiden. Damit meinen sie die verschiedenen Grundwasserschichten im Erdreich, die durch wasserundurchlässiges Gestein voneinander getrennt sind.

Für die Trinkwasserversorgung entscheidend ist bisher das oberflächennahe Grundwasser, das allermeiste Trinkwasser wird daraus gewonnen. Es reicht bis zur ersten wasserundurchlässigen Schicht. Wie tief sie liegt, unterscheidet sich von Gebiet zu Gebiet, deshalb kann man keine genaueren Angaben machen. Das Tiefengrundwasser in den unteren Stockwerken, das sich sehr langsam erneuert und meist viele Jahrhunderte alt ist, soll dagegen geschont werden - als Vorrat für künftige Generationen. Nicht nur in der Region Landshut, sondern auch anderswo in Niederbayern, Nordschwaben und Franken ist das oberflächennahe Grundwasser inzwischen aber so mit Rückständen aus der Landwirtschaft belastet, dass die Versorger immer tiefer bohren müssen, um auf Grundwasser mit Trinkwasserqualität zu stoßen.

Das soll nach dem neuen Merkblatt in Zukunft nur noch möglich sein, wenn es keine Alternativen dazu gibt. Eine Alternative ist ausdrücklich die Aufbereitung von belastetem Grundwasser mit Filteranlagen. "Das stellt die Trinkwassererschließung der letzten 50 Jahre auf den Kopf", schimpft Weinzierl. "Damit ist der unausweichliche Weg in die Grundwasseraufbereitung vorgezeichnet."

Grünen-Politikerin wirft Staatsregierung "Totalversagen beim Grundwasserschutz" vor

Die Folgen aus seiner Sicht: Die vielen Millionen Euro, die Versorger wie der seine für neue Brunnen ausgegeben haben, waren Fehlinvestitionen, die Wasseraufbereitung, die nun vielerorts nötig werde, führe zu neuen, "deutlich höheren Kosten", die Qualität des Trinkwassers sinke, "weil mit der Aufbereitung viele Mineralstoffe aus ihm entfernt werden", und über kurz oder lang sei die Zukunft gerade von kleineren Versorgern gefährdet. Tatsächlich sind laut Umweltministerium etwa 30 Prozent der Grundwasserkörper im Freistaat bereits so mit Rückständen aus der Landwirtschaft belastet, dass sie die Reinheitsvorgaben verfehlen.

Deshalb alarmiert das neue Merkblatt nicht nur Weinzierl. Sondern auch den Präsidenten des Bayerischen Gemeindetags, den Abensberger Bürgermeister Uwe Brandl (CSU), und die Grünen-Politikerin und Chefin des Umweltausschusses im Landtag, Rosi Steinberger. "Wenn der Freistaat Trinkwasser aus dem oberflächennahen Grundwasser haben will, dann muss er endlich dafür sorgen, dass es richtig geschützt wird", sagt Brandl. "Und dafür muss er bei der Landwirtschaft ansetzen. Sie ist der Hauptverursacher der Verunreinigungen."

Die Grünen-Politikerin Steinberger wirft der Staatsregierung sogar "Totalversagen beim Grundwasserschutz" vor. Aus ihrer Sicht sollen "die kommunalen Wasserversorger ausbaden, was die CSU-Regierung in den letzten 30 Jahren verbockt hat". Die Staatsregierung wisse schon lange, dass beim Grundwasserschutz dringend gehandelt werden müsse. "Aber sie traut sich offensichtlich nicht, den Hauptverursacher der Belastungen in die Pflicht zu nehmen", sagt Steinberger. "Das ist die intensive Landwirtschaft."

Tatsächlich sollte das Problem seit gut einem Jahr geregelt sein. Nach jahrelangem Streit hatten sich Bund und Länder auf sogenannte rote Gebiete, in denen die Grundwasserbelastung durch die Landwirtschaft zu hoch ist, und eine neue Düngeverordnung geeinigt. Nach ihr müssen die Bauern in den roten Gebieten deutliche Abstriche beim Düngen machen, sie müssen schärfere Sperrfristen beachten und anderes mehr. In Bayern summieren sich die roten Gebiete auf zehn Prozent der Agrarfläche. Experten zufolge sind die neuen Vorschriften aber zu lax, als dass sie eine echte Wirkung entfalten können. Die EU-Kommission, die Deutschland wegen des Streits um sauberes Grundwasser s bereits erfolgreich verklagt hatte, hat unlängst ein neues Verfahren eingeleitet, weil Bund und Länder aus ihrer Sicht weiter zu wenig tun für das Grundwasser.

Umweltminister Thorsten Glauber (FW) hält derweil den Ball möglichst flach. "Das Tiefengrundwasser ist eine eiserne Reserve", sagt er. "Sie darf nur im Ausnahmefall und unter engen Voraussetzungen genutzt werden. Das war immer die klare Linie und wird so bleiben." Er betont auch, dass der Rechtsrahmen für den Schutz des Tiefengrundwassers nicht geändert werde. Ebenso wenig werde am Vorrang der öffentlichen Wasserversorgung gerüttelt. Steinberger kündigt gleichwohl an, dass sich der Landtag mit der Sache befassen wird.

© SZ vom 21.09.2021/kafe
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