Umwelt in Bayern:Zu viele Schadstoffe im Grundwasser

Landwirt beim Odeln, 2017

Die Nitrat-Belastung im Grundwasser kommt unter anderem daher, dass Landwirte übermäßig Gülle und Kunstdünger ausbringen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Experten kritisieren, dass nicht genug für den Schutz des Grundwassers getan wird. Sie kennen auch den Hauptverursacher der Belastung.

Von Christian Sebald

Kein Zweifel, das Trinkwasser in Bayern, das überwiegend aus dem Grundwasser hier stammt, ist ausgezeichnet. Das heißt aber nicht, dass die kommunalen Versorger keine Probleme mit dem Grundwasser haben. Die Rottenburger Gruppe etwa. Der kleine Wasserzweckverband beliefert etwa 40 000 Menschen in den Regionen Landshut, Kelheim und Regensburg mit Trinkwasser. Er kämpft seit Jahren damit, dass das Grundwasser dort stark mit Schadstoffen aus der Landwirtschaft belastet ist. Deshalb hat er schon vier Brunnen schließen müssen, bei zwei weiteren steht die Schließung bevor. Die Ersatzbrunnen haben zwölf Millionen Euro gekostet - richtig viel Geld für so einen kleinen Versorger. Wenig verwunderlich, dass Marlene Gruber von der Rottenburger Gruppe vom Freistaat fordert, dass er sehr viel mehr tut als bisher für den Schutz des Grundwassers. Zumal die Klimakrise die Lage für die Versorger verschärfen wird.

Gruber kann sich bei ihrer Forderung auf die Expertise der Fachwelt stützen. Das hat Donnerstag eine Anhörung über das Grundwasser in Bayern im Landtag gezeigt. Alle Experten - gleich ob von Fachorganisationen, Universitäten oder Forschungsinstituten - waren sich einig, dass der bisherige Schutz des Grundwassers nicht ausreicht und deutlich verbessert werden muss. Das betrifft in allererster Linie die Schadstoffe aus der Landwirtschaft - die Nitrat-Belastung, die vom übermäßigen Ausbringen von Gülle und Kunstdünger herrührt, aber auch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. In zwei Brunnen der Rottenburger Gruppe etwa reißen die Messwerte für Atrazin den Grenzwert. Dabei ist das einst weit verbreitete Herbizid seit 30 Jahren verboten. "Aber Grundwasser hat ein langes Gedächtnis", sagte Berthold Niehues vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches vor den Abgeordneten. "Obwohl seine Ausbringung seit 1991 untersagt ist, ist es nach wie vor eine Hauptbelastung des Grundwassers."

Ähnlich ist das beim Nitrat. Der Schadstoff belastet vielerorts das Grundwasser - vor allem in Niederbayern, Nordschwaben und Franken. Nitrat ist wichtig für das Gedeihen der Pflanzen auf den Äckern und Weiden. Aber in hohen Konzentrationen ist es eine Gefahr für Flora und Fauna. Und für Menschen. Nitrat steht im Verdacht, Krebs auszulösen. Für Trinkwasser gilt deshalb seit Jahren EU-weit ein Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat je Liter. Er wird inzwischen an vielen Grundwasser-Messstellen in Bayern gerissen. Ebenso der Vorsorgewert von 37,5 Milligramm je Liter, ab dem die Wasserversorger etwas gegen die Nitrat-Belastung des Grundwassers tun müssen. Das Umweltministerium geht davon aus, dass etwa 30 Prozent des Grundwassers in Bayern so mit Nitrat belastet sind, dass es die EU-Vorgabe verfehlt. Der Grund ist immer der gleiche - auch darin waren sich die Experten in der Anhörung einig: Die Bauern bringen viel zu viel Gülle und Kunstdünger und damit Nitrat aus. Von Natur enthält Grundwasser nur bis zu zehn Milligramm Nitrat je Liter.

Dabei sollte das Problem seit 2020 geregelt sein. Vor gut einem Jahr haben sich Bund und Länder auf die Ausweisung sogenannter roter Gebiete, wo die Nitratkonzentration im Grundwasser zu hoch ist, und eine neue Düngeverordnung geeinigt. So müssen die Bauern nun in den roten Gebieten ein Fünftel weniger düngen als bisher, in der kalten Jahreszeit schärfere Sperrfristen beachten und dergleichen mehr. Die roten Gebiete summieren sich auf 330 000 Hektar oder zehn Prozent der Agrarfläche Bayerns. Die Bauern haben sich massiv gegen die roten Gebiete gewehrt. Aber auch vonseiten der Wasserversorger gab es von Anfang an massive Kritik. Die roten Gebiete sind aus ihrer Sicht viel zu klein bemessen, als dass sie eine Wirkung für den Grundwasserschutz entfalten könnten. Und die neuen Düngevorgaben sind ihnen zu lax. Inzwischen dürfen sich Versorger bestätigt fühlen. Die EU-Kommission hat unlängst ein neues förmliches Verfahren gegen Deutschland eingeleitet, weil Bund und Länder aus ihrer Sicht weiter viel zu wenig tun für den Grundwasserschutz.

Die allermeisten Experten in der Anhörung teilten diese Einschätzung. Selbst Maximilian Zinnbauer vom Thünen-Institut gab sich eher skeptisch, dass die roten Gebiete und die neue Düngeverordnung den beabsichtigten Effekt erzielen können. Dazu muss man wissen, dass das Thünen-Institut eine Behörde des Bundesagrarministeriums ist und traditionell als landwirtschaftsfreundlich gilt. Nach Zinnbauers Modellierungen können die Düngeüberschüsse dank der neuen Vorgaben bayernweit um 25 bis 55 Prozent reduziert werden. Das ist zwar ein Fortschritt. Aber es heißt eben auch, dass weiter deutlich zu viel gedüngt wird. Und selbst dieser bescheidene Erfolg kann aus Sicht der Experten nur erreicht werden, wenn die neuen Vorgaben eins zu eins umgesetzt werden. Daran dürfte es hapern. Denn dafür fehlt das Kontrollpersonal, hieß es unisono von den Experten. "Vollzugsdefizite werden sich aber negativ auf die Effektivität der Verordnung auswirken", heißt es dazu in dürrem Bürokratendeutsch im Papier des Thünen-Instituts.

© SZ vom 16.07.2021
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