Es ist der Kirchenmann höchstselbst, der ein schlüpfriges Beispiel in die Debatte einbringt. Die Grünen im Landtag eröffnen ihre Winterklausur mit einem Stammtisch, Fraktionschefin Katharina Schulze spricht auf dem Münchner Nockherberg mit zwei Gästen über den Kitt in der Gesellschaft, dem früheren Skirennläufer Christian Neureuther und Kardinal Reinhard Marx.
Es geht um Engagement und Sport, um Familienpolitik und Bildung, um ein Wir-Gefühl. Und irgendwann um die sozialen Netzwerke: um Drohungen gegen Politiker, von denen Schulze berichtet, um Gerüchte und Lügen über Prominente, wie sie Neureuther beklagt.

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„Das können wir nicht weiter hinnehmen“, sagt also Marx. „Die Währung dieser sozialen Medien ist Aufmerksamkeit, nicht die Wahrheit.“ Und letztlich gehe es ums Geld. Dieser Logik könne die Kirche mit ihrer Präsenz nicht beikommen. „Rosenkranzgebete im Wettlauf mit einem Porno – das kriegen wir nicht hin.“ Da schauen die Leute auf dem Nockherberg, Abgeordnete und Gäste, erstaunt hinter den hohen Breznständern auf den Tischen hervor. Es ist schon ein lebhafter Vormittag, mal unterhaltsam, mal schonungslos.
Zum zweiten Mal beginnt die Fraktion ihre Klausur mit einem Stammtisch, beim letzten Mal in Passau war der frühere CSU-Chef Erwin Huber geladen. Das soll das Ritual der Klausuren, wie es bei allen Fraktionen mit Resolutionen und Presseterminen stattfindet, einerseits auflockern. Andererseits zeigt sich eine tiefere Strategie: CSU, Kirche, Sport – die Grünen klappern systematisch das Inventar des Freistaats ab. Mancher frotzelte da schon, beim nächsten Mal werde wohl eine Abordnung der Gebirgsschützen auftauchen.
Das alles ist auch mit einem Satz aus dem Landtagswahlkampf 2023 erklärbar, Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte damals den Grünen das „Bayern-Gen“ abgesprochen. Das hat die Partei schon tief getroffen, Schulze sagte neulich erst: „Das war einfach Quatsch. Wir prägen dieses Land mehr mit, als es sich Markus Söder in seinen kühnsten Träumen eingestehen würde.“ Man will also zeigen, wohl auch angesichts der Kommunalwahlen und im frühen Vorgriff auf die Landtagswahlen, dass man sehr wohl dazugehört. Und dass man mitreden will, in der Mitte der Gesellschaft.
„Wenn’s ein Kind schmeißt“, komme schon der Rechtsanwalt
Ja, schon das Abhalten eines Stammtisches, in Bayern seit jeher Symbol des niedrigschwelligen Politisierens bei Bier und Brotzeit, stützt diese These. Am Nockherberg läuft es nicht ohne Disput ab, liebevoll indes. Neureuther bringt seine Dauerforderung vor, eine tägliche Sportstunde an Schulen. Generell seien Sport und kreative Fächer auf dem Rückzug. „An Religion gehen Sie noch nicht ran, Gott sei Dank“, wirft der Kardinal ein. Ein Thema übrigens, das schon Zoff in der Staatsregierung ausgelöst hat. Neureuthers Forderung, eine Stunde Religion für Sport zu streichen, überhört Marx geflissentlich.
Es geht mittlerweile auch um Größeres. Um das Engagement für die Gesellschaft, auch um Zutrauen in die Menschen. Neureuther erzählt, man könne heutzutage kaum mit Kindergruppen zum Skifahren gehen, „wenn’s ein Kind schmeißt“, werde der Betreuer gleich vom Rechtsanwalt verklagt. Die Leute, sagt Marx, entscheiden sich freiwillig für das Gute, „das kann niemand erzwingen“, das könne nicht die Politik regeln. Jemandem beim Sterben die Hand zu halten, lasse sich nicht über die Kasse abrechnen.
„Die Welt ist eingeteilt in Ermöglicher und Verhinderer.“ Ersteren, sagt Schulze, und es sind bei ihr natürlich „Ermöglicherinnen und Ermöglicher“, müsse man mehr Raum geben – und nicht denen, die immer nur besonders laut meckern. „Ein Chacka-Moment“ in der Gesellschaft ist ihr Wunsch, „nicht die Decke über den Kopf ziehen“.
Ohne Seitenhiebe auf Markus Söder geht es auch nicht
Schulze nimmt sich am Stammtisch zurück, ist eher Moderatorin, ermahnt auch mal den Saal mit einem „Pssst“, wenn zwischen Weißwürsten und Obazdn zu viel getuschelt wird. Und doch erfährt man beiläufig Strategisches. Es könne nicht so weitergehen, dass im Landtag oft Anträge abgelehnt werden, nur weil sie von der Konkurrenz kommen. Devise der Grünen sei: „Wir stimmen zu, wenn wir es für richtig erachten.“ Auch habe man in gemeinsamen Resolutionen mit CSU, Freien Wählern und SPD, etwa gegen Antisemitismus, ein Zeichen der Verbundenheit in der Demokratie gesetzt. Dies solle auch „in die Gesellschaft ausstrahlen“.
Innerhalb der Grünen sehen sich viele durchaus als möglicher Juniorpartner der CSU nach 2028. Ohne Seitenhiebe auf Söder geht es aber nicht am Donnerstag. Der Ministerpräsident wolle ja, sagt Schulze, dass sich die Kirchen raushalten. Und sie umschwärmt Marx: „Wir finden es gut, dass Sie laut Ihre Stimme erheben.“ Söder hatte bei einem CSU-Parteitag 2025 den Kirchen mehr politische Zurückhaltung empfohlen.
Bei ihrer zweitägigen Klausur wollen die Grünen im Schwerpunkt über Ernährung diskutieren und haben Experten etwa aus Landwirtschaft und Verbraucherschutz eingeladen. Ein Papier soll Ideen vorstellen, wie bezahlbare Versorgung ökologisch möglich ist. Schulze nennt es, „mit grünen Ideen schwarze Zahlen zu schreiben“.

