Politik in Bayern:Die Grünen und ihr neuer Veggie-Day

Lastenrad

Das Böse schlechthin? Oder doch einfach nur eines von vielen Verkehrsmitteln, um etwas zu befördern?

(Foto: dpa)

Wann immer die Grünen den Begriff "Lastenrad" auch nur erwähnen, ernten sie entweder bedingungslose Gefolgschaft oder blanken Hohn.

Glosse von Johann Osel

Lastenräder seien "für viele Zielgruppen" interessant, auch für Handwerker und für Menschen auf dem Land. So hat es Sebastian Hansen, grüner Bundestagskandidat im Wahlkreis Würzburg, neulich auf Twitter formuliert. Oh je, das L-Wort! Das Donnerwetter war riesig und wenig freundlich: "weitere abgehobene Idee der Großstadtboheme" oder "auf dem Land ist bei den Entfernungen jeder froh, wenn man ab 18 endlich Autofahren kann". Andere scherzten über radelnde Dachdecker mit drei Paletten Ziegeln. Da lache jeder Handwerker "mehr als der Taliban bei der Frage nach Frauenrechten". Hansen war überrascht von all der "Schnappatmung", "Leute, regt euch ab." Es könne für manche Handwerker eine Alternative sein, für andere halt keine.

Grüne Wahlkämpfer in Bayern berichten: Kommt die Rede aufs Lastenrad, gibt es entweder leuchtende Augen oder Zeter und Mordio. Selten etwas dazwischen. Die Leitlinie für den Konflikt, der lokal durchexerziert wird, hatten Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock mit ihrer Idee eines neuen Förderprogramms und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak mit brüsker Gegenrede erstellt.

Eine gärige Mischung ist das: Auf der einen Seite Grünen-Kritiker, die den Rückschritt in die "Steinzeit" wähnen. Erst Lastenräder statt Autos, danach sitze man in Lehmhöhlen und nutze Feuersteine. Sie suchen im Grunde einen neuen Veggie-Day - eine Emotionsdebatte, die Unwählbarkeit aufzeigen soll. Auf der andere Seite freilich verteidigen Grüne ihre Ideen gerne mal mit Klugscheißerei und Zeigefinger.

Derlei Penetranz erlebt man oft auch von Lastenradlern selbst, die Autorasern in nichts nachstehen. Sie donnern mit den schlachtschiffbreiten Dingern daher, bremsen so abrupt, dass fast der Biomarkteinkauf herauskullert. Manch Flaneur muss sich mit bundesjugendspieltauglichen Weitsprüngen retten - und erntet noch einen bösen Blick der Sorte: "Ich Lastenrad, du nix!"

Grünen-Landeschef Thomas von Sarnowski, selber Lastenradler ("praktisch, mit Kind doppelt"), sagt: "Die CSU macht da eine pragmatische Frage zum Kulturkampf." Wobei die Schnappatmung beim L-Wort nicht nur aus der CSU kommt. Oder aus ihr sogar Versöhnliches. Ein Förderprogramm? Könne man "drüber reden". Sagte kürzlich auf Nachfrage: Bundesverkehrsminister Andras Scheuer.

© SZ vom 06.09.2021/infu
Zur SZ-Startseite
Klimaförderprogramm für Schleswig-Holstein

SZ PlusMeinungDebatte über Lastenfahrräder
:Wie wütend kann man auf ein Rad sein?

Ein Zuschuss für Lastenräder: Die Aufregung über den Vorschlag eines Grünen-Politikers ist groß - fast als hätte jemand gefordert, es müsste jetzt alle Welt mit einem solchen herumfahren. Über Sozialneid, Häme und Milieu-Bashing.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB