Artenschutz:"Womöglich schaffen wir jetzt die Trendwende"

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Artenschutz: Die Küken von Großen Brachvögeln sind so vielen Gefahren ausgesetzt, dass bisher nur sehr wenige flügge werden. Im Altmühltal ist es Vogelschützern in diesem Jahr gelungen, 27 Jungtiere so weit zu bringen.

Die Küken von Großen Brachvögeln sind so vielen Gefahren ausgesetzt, dass bisher nur sehr wenige flügge werden. Im Altmühltal ist es Vogelschützern in diesem Jahr gelungen, 27 Jungtiere so weit zu bringen.

(Foto: Mauritius Images)

Der Große Brachvogel ist in Bayern vom Aussterben bedroht. Forscher glauben, nun Methoden entdeckt zu haben, wie sie die Art retten können.

Von Christian Sebald

Feldforschungen halten bisweilen Überraschungen bereit, die selbst erfahrene Wissenschaftler komplett überraschen. So auch beim Großer-Brachvogel-Projekt des Landesbunds für Vogelschutz (LBV). Es ist ein Dreivierteljahr her, da war es an einem Tiefpunkt angelangt. Von den zehn Tieren, denen die LBV-Leute winzige GPS-Sender umgeschnallt hatten, damit sie rund um die Uhr verfolgen können, was die Vögel treiben, waren acht tot und eines verschollen. Dann wurde im März 2020 auch noch "Schnepfingerin" abgeschossen. Ein Wilderer holte das Brachvogel-Weibchen in den Vorpyrenäen vom Himmel. Es war auf dem Rückflug von Südspanien nach Bayern. Die LBV-Leute hatten ihm 2018 einen GPS-Sender umgeschnallt. Von da hatte die SZ, deren Leser den Namen ausgesucht hatten, die Schnepfingerin ein Jahr lang begleitet. Nun war sie tot. Die Forscher waren sehr niedergeschlagen.

Inzwischen hat sich die Stimmung gedreht. Denn in diesem Jahr war das Team um Verena Auernhammer extrem erfolgreich. "Wir haben zum ersten Mal in einem Jahr acht Brachvögeln Sender umschnallen können", sagt Auernhammer, 42 und Ingenieurin für Umweltsicherung. "Fünf sind sogar noch am Netz." Auch der verschollene Brachvogel ist wieder aufgetaucht. Er hatte sich im vergangenen Winter nur in einer Region mit sehr schlechtem Handynetz aufgehalten und keine Daten nach Deutschland funken können. Aber das ist es nicht alleine. Im Altmühltal - einem der letzten weitläufigen Brachvogel-Brutgebiete in Bayern - sind dieses Jahr 27 Jungtiere flügge geworden. "So viele haben wir dort schon lange nicht mehr gezählt", sagt Auernhammer. "Womöglich schaffen wir jetzt die Trendwende." Und zwar im Forschungsprojekt und beim Brachvogel-Schutz.

Der Große Brachvogel (Numenius arquata) zählt zu den seltensten Arten in Bayern. Auf der Roten Liste wird er seit Jahren in Kategorie I geführt. Das heißt, die Art ist akut vom Aussterben bedroht. Beim LBV schätzen sie, dass es bayernweit nur noch etwa 450 Brutpaare gibt. Dabei waren die Schnepfenvögel mit dem auffälligen, graubraun gefleckten Gefieder und dem langen, kräftigen und gebogenen Schnabel einst weit verbreitet in Bayern. Ihre Lebensräume waren die Moorgebiete und Wiesenlandschaften an den großen und kleinen Flüssen. Viele davon sind in den vergangenen Jahrhunderten trocken gelegt und in Ackerland umgewandelt worden. Dies ist wohl der zentrale Grund dafür, warum es immer weniger Brachvögel gibt in Bayern - und zwar obwohl der Freistaat schon vor 40 Jahren ein millionenschweres Artenhilfsprogramm für sie aufgelegt hat. Mit seinem Forschungsprojekt will der LBV in Erfahrung bringen, wie man den Großen Brachvögeln wieder auf die Beine helfen kann.

Seit drei Jahren schon statten die Forscher Große Brachvögel mit GPS-Sendern aus. Dadurch haben sie festgestellt, dass die bayerischen Brachvögel alle am Atlantik überwintern und zwar zumeist von Portugal im Norden bis Marokko im Süden. Es gibt aber auch Ausreißer. So ist einer der dieses Jahr besenderten Brachvögel zur französischen Biskaya geflogen. "Während der Reise erreichen die Brachvögel oft Spitzengeschwindigkeiten von 90 Stundenkilometern", sagt Auernhammer. "Einige legen den weiten Weg nach Süden in einer Nacht zurück und erreichen Flughöhen von 2000 Metern und mehr." Zugleich gibt es neue Erkenntnisse über die Brutgebiete in Bayern. "Dank der GPS-Sender können wir die Schlafplätze und Lieblingswiesen der Brachvögel flächenscharf identifizieren", sagt Auernhammer. "Dadurch werden passgenau Schutzmaßnahmen möglich."

Der sehr viel wichtigere Fortschritt ist Auernhammer und ihren Mitstreitern aber bei der Brut der Vögel und den Jungtieren gelungen. "In dem Brutgebiet im Altmühltal haben wir dieses Jahr eine ganze Reihe von Nestern identifizieren können", sagt die Forscherin. "Und zwar mit Hilfe von Drohnen und Wärmebildkameras, mit denen wir das Gebiet überflogen haben." Um jedes Nest, das auf diese Weise entdeckt worden ist, ist ein Schutzzaun gegen Füchse, Marder und andere Fressfeinde der Großen Brachvögel aufgestellt worden. Allein deshalb dürften 2020 im Altmühltal deutlich mehr Jungvögel geschlüpft sein als in den Vorjahren.

Außerdem haben die Vogelschützer Brachvogel-Küken mit sehr kleinen und extrem leichten Sendern ausgestattet und auf Schritt und Tritt verfolgt. Das ist wichtig, um die Tiere vor dem Tod beim Mähen der Wiesen zu schützen. "Bevor ein Landwirt mit dem Traktor auf eine Wiese fährt, können wir diese jetzt gezielt nach jungen Brachvögeln absuchen und sie heraustreiben", sagt Auernhammer. "Im Altmühltal haben wir dieses Jahr so jede Brachvogelfamilie mindestens einmal aus einer Wiese geholt, bevor sie gemäht worden ist." Und damit haben Auernhammer und Co die nicht flüggen Jungtiere, die nicht vor dem Traktor hätten davonfliegen können, vor dem Tod bewahrt. Die Vogelschützer in den anderen Brachvogel-Gebieten in Bayern sollen deshalb schon gespannt darauf sein, wann auch sie Drohnen mit Wärmebildkameras und winzige Sender einsetzen können.

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