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CSU und Klimapolitik:Söder sendet eine Botschaft vom Gletscher

Söder auf Klimatour in der Zugspitzregion

Sorgenvoll: Ministerpräsident Markus Söder auf der Zugspitze.

(Foto: dpa)

Der Ministerpräsident besucht die schrumpfenden Eisfelder auf der Zugspitze. Einmal mehr positioniert er sich als Klimaschützer - und wendet sich damit vor allem an die Zweifler in der eigenen Partei.

Ausflügler machen sich am Mittwoch auf den Weg zur Zugspitze, der wolkenfreie Spätsommerhimmel verheißt einen traumhaften Tag auf Deutschlands höchstem Berg. Doch Markus Söder, der nicht als Tourist angereist ist, muss sich im Tal erst einmal mit den Niederungen des Protestes herumschlagen. Bayerns Ministerpräsident ist gekommen, um auf das Schrumpfen der Gletscher, das Tauen der Permafrostböden und die Wichtigkeit des Klimaschutzes generell hinzuweisen. Zwei Dutzend Umweltschützer zeigen ihm vor der Seilbahnstation allerdings, dass es durchaus drastischere Methoden gibt, um Söders Topthema in den Mittelpunkt zu rücken.

Fünf junge Frauen von Greenpeace stehen vor Söder, jede hält eine Urne in den Händen. Beschriftet sind sie mit den Namen der fünf bayerischen Gletscher, in den Behältern befindet sich Schmelzwasser. Söder sagt: "Das ist der Thorsten, der Umweltminister." Er deutet auf Thorsten Glauber. "Und ich bin der Markus. Ich finde es gut, was ihr macht." Man kann nicht behaupten, dass dieses Kompliment uneingeschränkt erwidert würde. "Bis jetzt reden Sie nur. Wir müssen was tun", fordert eine Frau. Es sei "grotesk, dass wir fordern müssen, dass wir leben können".

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Ein paar Schritte daneben steht schon die nächste Gruppe, diesmal von Bund Naturschutz und Fridays for Future aus Murnau. Ob der Ministerpräsident seine Arbeitszeit für den Klimaschutz nicht besser einsetzen könne, als sich auf der Zugspitze fotografieren zu lassen, will jemand wissen.

Söder zählt auf, was der Freistaat alles für den Klimaschutz leiste - und noch alles leisten wolle. Auf kuriose Weise ist er sogar ein Hoffnungsträger für die jungen Demonstranten. "Söder - Mann, der unsere Zukunft retten kann", steht auf einem der Schilder. Eine Frau aus Niedersachsen ermuntert ihn, noch energischer für den Kohleausstieg in anderen Ländern zu kämpfen. "Dann nehmen wir das mit", sagt Söder. Die Urne, die auf Wunsch der Gruppe seinen Schreibtisch zieren soll, reicht er jedoch schnell weiter.

Er verstehe die Forderungen, sagt Söder. Aber die Kunst bestehe darin, alles so hinzubekommen, "dass wir halbwegs gesellschaftlichen Frieden herstellen". Die Umweltschützer vermitteln nicht den Eindruck, als habe er sie vor den Kopf gestoßen, als Söder sie verlässt.

Natürlich ist Söders Besuch auf der Zugspitze auch eine Demonstration seinerseits. Zu klären ist lediglich die Frage nach der Zielgruppe. Greenpeace oder den Murnauer Fridays-for-Future-Ableger muss der CSU-Chef kaum überzeugen, mehr für das Klima zu tun. Schon eher sind es die Zweifler in seiner Partei, die er mitnehmen muss. Am Wochenende trifft sich der CSU-Vorstand zu einer Klimaklausur, ein 20-seitiges Papier mit allerlei Vorschlägen soll verabschiedet werden. Für Söder entscheidet sich bei diesem Thema die Zukunftsfähigkeit der CSU als Volkspartei. Als er mit seinem 15-jährigen Sohn über den Klimaschutz sprach, sagte der nur: "Mach was."

Also macht Söder auf der Zugspitze das, was er besser kann als die meisten Politiker. Ohne Scheu vor zu vielen Worten, Fotos oder Gesten hämmert er seiner Umgebung ein, worauf es ankomme. Vor einer "Jahrhundertaufgabe" stehe das Land, bis 20. September müsse die Berliner Koalition Ergebnisse liefern: ein nachhaltiges Klimakonzept für Deutschland, eine Verkehrswende mit neuen Antrieben, energetische Sanierung mit steuerlichen Anreizen, eine bessere CO₂-Speicherung. Neben der Gondel hängt die Werbung eines Autozulieferers: "Jetzt dem Winter einheizen." Wie ein Fieberthermometer sei so ein Gletscher für das Land, sagt Umweltminister Thorsten Glauber. Von erhöhter Temperatur kann freilich keine Rede mehr sein.

Die Vorträge der Wissenschaftler klingen bereits wie ein Nachruf auf Bayerns Gletscher. "Ich stehe hier vor einer aussterbenden Art", sagt Professor Matthias Bernhardt. Hinter ihm ist der Nördliche Schneeferner zu sehen. Von Söders erstem Besuch als Umweltminister im Jahr 2008 gibt es Fotos, in denen er gedankenverloren über Eis stapft. Heute liegen da Steine und Geröll. Es könnte die Wüste Nevadas sein. Oder der Mond. Tatsächlich ist der Nördliche Schneeferner der mit Abstand größte Gletscher in Bayern. Jedes Jahr ringen ihm die steigenden Temperaturen vier Meter Eis ab. "Mitte des Jahrhunderts wird er verschwunden sein", sagt Bernhardt.

Minister am Berg

Was die Besuche auf der Zugspitze anbelangt, hat Ministerpräsident Markus Söder seinen politischen Ziehvater Edmund Stoiber bereits überholt. Stoiber hatte zwei Mal (in den Jahren 2003 und 2007) auf Deutschlands höchsten Berg geladen, um die Dramatik der Klimakrise zu beschwören und entschiedene Gegenmaßnahmen anzukündigen. Söder, der erst am Anfang seiner Laufbahn als Ministerpräsident steht, bereits drei Mal - 2008 als neu berufener Umweltminister, vor gut einem Jahr samt Kabinett und nun am Mittwoch. Aber auch andere Politiker posierten gerne an dem 2962 Meter hohen Gipfel. 2005 erklärte der damalige Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) vor den grauen Überresten des Schneeferner, dass die sommerliche Frostgrenze in den Alpen bereits auf mehr als 3000 Meter Höhe angestiegen sei und die Zugspitz-Gletscher deshalb in wenigen Jahrzehnten verschwunden sein würden. Der CSU-Politiker Otmar Bernhard fuhr 2007 in seiner Funktion als Umweltstaatssekretär mit dem damaligen Bundesumweltminister und späteren SPD-Chef Sigmar Gabriel auf die Forschungsstation im Schneefernerhaus. 2014 und 2015 war die damalige Umweltministerin Ulrike Scharf dort oben. Sämtliche Besuche sind wirkungslos verpufft. 2007 wurde Stoibers zweite Fahrt auf den Berg mit den Worten kommentiert: "Vom heutigen Klimagipfel auf der Zugspitze darf man sich nichts erwarten, außer neuen Stoiber-Fotos." cws

Die Erläuterungen von Professor Michael Krautblatter klingen nicht ermutigender. Ein Viertel der Nordhalbkugel bestehe aus Permafrostböden. Die oberen drei Meter speicherten doppelt so viel CO₂ wie die gesamte Erdvegetation, sagt Krautblatter. Derzeit liege die Auftautiefe des Permafrostbodens bei einem Meter, Ende des Jahrhunderts seien es dann fast zwei Meter. Seit 20 Jahren gibt es die Umweltstation im Schneefernerhaus. Wissenschaftler erkunden, wie der Klimawandel mehr und mehr Felsstürze provoziert. Oder welche Folgen das Verschwinden der Gletscher für den bayerischen Wasserhaushalt hat. Noch wichtiger ist ihre Arbeit für die ganze Welt. Die sterbenden Gletscher auf der Zugspitze lehren im Kleinen, was sich andernorts bald im Großen abzuspielen droht.

Söder sichert Markus Neumann, dem Leiter der Forschungsstation, weitere Mittel zu. Eine nationale Referenzstation soll entstehen, die Grundlagenforschung ausgebaut werden. Während Söder das sagt, rammen Greenpeace-Aktivisten gut hundert Meter entfernt ein Kreuz ins Eis. Symbolisch tragen sie die Gletscher zu Grabe.

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