Wer ist zuständig, wenn nach einem Angriff plötzlich bis zu 1000 Verletzte zu versorgen sind? Wie stimmen sich Kliniken ab? Wer informiert wen über die aktuelle Bedrohungslage und welche bürokratischen Hürden dürfen in solchen Fällen außer Kraft gesetzt werden? Seit die globale Bedrohungslage sich zuspitzt, beschäftigen diese Fragen Politik, Bundeswehr und Krankenhäuser gleichermaßen.
Auf Bundesebene laufen hier einige Gesetzgebungsverfahren, die Deutschlands Gesundheitssystem auf den Ernstfall vorbereiten sollen. In Bayern hat sich nun der Expertenrat Gesundheitssicherheit mit dem Thema beschäftigt.
Als erstes Ergebnis kündigte Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) am Donnerstag noch für dieses Jahr Krisenübungen an, in denen Kliniken und Gesundheitsämter den Ernstfall durchspielen sollen. Insgesamt zwei Millionen Euro will die Ministerin dafür 2025 und in den Folgejahren bereitstellen. Die Übungen sollen ausgewertet und dann bayernweit angeboten werden.
Kliniken hätten auch in der Vergangenheit schon Notfallübungen abgehalten, sagte der Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin des Universitätsklinikums Würzburg, Thomas Wurmb. In Würzburg etwa simulierte man 2023 die massenhafte Einlieferung von Patienten nach einem großen Verkehrsunfall. Diese Übung habe man aber auf Eigeninitiative gemacht, sagte Wurmb. Dass das Ministerium jetzt systematisch solche Übungen einführen und auch finanzieren wolle, sei sehr positiv.
Vorbereitung auf den Ernstfall, das sei heute nötiger als noch vor ein paar Jahren, erklärte der Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr Hans-Ulrich Holtherm. Nach einer langen Zeit des absoluten Frieden befände sich Deutschland in einer erhöhten Bedrohungslage, gekennzeichnet unter anderem durch hybride Attacken auf kritische Infrastruktur, Drohnenüberflüge von Flughäfen sowie Desinformationskampagnen vor Wahlkämpfen.
Um für Angriffe gewappnet zu sein, will das Gesundheitsministerium künftig auch mit der Bundeswehr kooperieren. In einem Pilotprojekt soll ein sogenanntes Gesundheitslagebild für den Freistaat erstellt werden. Das Gesundheitslagebild soll im Ernstfall einen Überblick darüber geben, welche medizinischen Kapazitäten im Freistaat vorhanden sind.
Die Corona-Pandemie hatte dringlich gezeigt, dass man in Krisen die Zahl der bayernweit verfügbaren Intensivbetten kennen muss. Das Lagebild soll aber weitergehen und auch etwa Laborkapazitäten und die niedergelassenen Ärzte einbeziehen. Letztere könnten gebraucht werden, um leichtere Fälle aufzufangen, wenn die Kliniken plötzlich sehr viele Patienten versorgen müssen. „Wir wollen gut vorbereitet sein“, sagte Kommandeur Holtherm. Das helfe auch für andere Szenarien, wie Naturkatastrophen und Pandemien.

