Universitätsklinikum Erlangen:Das Ende des Horrors

Nachdem die furchtbaren Schmerzen ein Ende haben, kann Thu Thao Vu Thi - umringt von ihren Ärzten - wieder lachen.

Nachdem die furchbaren Schmerzen ein Ende haben, kann Thu Thao Vu Thi - umringt von ihren Ärzten Prof. Dr. Gerhard Krönke, Prof. Dr. Georg Schett, Prof. Dr. Andreas Mackensen und Prof. Dr. Dimitrios Mougiakakos (von links) - wieder lachen. Foto: Dr. Sebastian Kind / Uni-Klinikum Erlangen

(Foto: Sebastian Kind/Uni-Klinikum Erlangen)

Eine Sensation in der Medizin: Mit der CAR-T-Zell-Therapie haben Ärzte weltweit erstmalig "Systemischen Lupus erythematodes" heilen können - die Patientin ist beschwerdefrei.

Von Dietrich Mittler

Dieser eine Fall war wegweisend", sagt Georg Schett, der Direktor der Rheumatologie und Immunologie am Uniklinikum Erlangen. Es sei schon etwas Besonderes im Leben eines Arztes, wenn man "erstmalig eine Krankheit mit einer neuen Therapie behandelt - und das dann auch noch zu einem gewaltigen Erfolg führt". Dieser eine Fall, es handelt sich um eine junge Frau aus Unterfranken, sitzt nun neben Georg Schett bei einer Pressekonferenz. Jahrelang litt sie unter der Autoimmunerkrankung "Systemischer Lupus erythematodes", kurz SLE.

"Bei SLE spielen Teile des Immunsystems verrückt und bilden Antikörper gegen die eigene Erbsubstanz (DNS), was zu schweren Entzündungsreaktionen in den Organen führt", sagt Schett. Mit seinem Kollegen Andreas Mackensen, Direktor der Hämatologie und Internistischen Onkologie, hat er die Patientin im Uniklinikum Erlangen "weltweit zum ersten Mal" unter dem Einsatz von sogenannten CAR-T-Zellen behandelt, wie ein Sprecher des Uniklinikums betont. Knapp ein halbes Jahr nach der Zelltherapie sei gewiss: "Die Krankheit ist verschwunden, der Organismus der 20-Jährigen hat sich komplett erholt."

Als die Erkrankung das Leben von Thu Thao Vu Thi aus der Bahn zu werfen drohte, hatte die damals 16-Jährige noch nie etwas von CAR-T-Zellen gehört, geschweige denn von SLE. Sie war begeisterte Hip-Hop-Tänzerin, übte sich im Taekwondo und als Turnerin. Plötzlich traten Gelenkschmerzen auf, wurden stärker, begleitet von starker Müdigkeit und einem Hautausschlag im Gesicht. "Schmetterlingsmäßig", erklärt sie. Der Hautarzt, zu dem Vu Thi ging, schickte sie nach einem Bluttest zum Hausarzt, der solle sie sofort in ein Krankenhaus einweisen. "Der erste Schock", sagt sie.

"Werde ich jetzt sterben?", fragte die junge Patientin, als sie die Schwere ihrer Krankheit begriff

Die Klinikärzte dort hatten einen Verdacht, schickten sie weiter nach Nürnberg. "Da lag ich genau einen Tag, bis die mir gesagt haben, dass sie mich gern an die Kinderklinik in Erlangen schicken möchten", erzählt Vu Thi. Dort bestätigte sich der Verdacht: SLE, und die Nieren waren bereits angegriffen. "Ist das heilbar?", fragte sie. Derzeit nicht heilbar, lautete die Antwort. "Werde ich jetzt sterben?", brach es dann aus ihr heraus. "Nein, mit Therapien kann man das in den Griff bekommen", wurde ihr gesagt. Thu Thao Vu Thi erinnert sich, dass sich vor ihren Augen alles drehte.

Es folgten qualvolle Jahre, die verständlich machen, warum der Mediziner Paul Ehrlich die weltweit verbreitete, aber doch seltene Autoimmunerkrankung um 1900 herum als "Horror autotoxicus" beschrieb. Sie tritt bei etwa 50 von 100 000 Menschen auf und betrifft vor allem junge Frauen. Die Forschung unterscheidet zwischen zwei Hauptformen. Die eine, abgekürzt CDLE genannt, betrifft nur die Haut mit typischen schmetterlingsförmigen Veränderungen. SLE wiederum wirkt sich zusätzlich auch auf innere Organe aus, "und kann in Einzelfällen tödlich enden", wie die Erlanger Ärzte betonen.

Neben Gelenkschmerzen kann es zu Entzündungen von Lunge und Herz und zur Nierenentzündung kommen. In der schlimmsten Phase musste Vu Thi jeden Tag knapp 20 Tabletten nehmen, damit ihr Körper die Strapazen durch ihr verrückt spielendes Immunsystem kompensieren konnte. Aufgeben kam für sie aber nie in Betracht - auch wenn die Krankheit ihr das nahm, was sie als junge Frau mit Stolz erfüllte: "Vor der Krankheit reichten meine Haare bis zum Bauchnabel", sagt sie. Die fielen aus, und an Sport war nicht mehr zu denken: Immer heftiger verkrampften sich ihre Finger, sie konnte die Beine nicht mehr ausstrecken. "Dann hatte sich im Rippenfell alles zusammengezogen, sodass ich die ganze Zeit einen Buckel hatte - und damit auch Rückenschmerzen", sagt sie. Um wenigstens zeitweise zu schlafen, musste sie nachts stetig Schmerzmittel einnehmen.

Die Schmerzen, die Wassereinlagerungen durch die Niereninsuffizienz, begleitet von starkem Herzklopfen, machten es Vu Thi unmöglich, weiterhin aufs Gymnasium zu gehen. Sie wechselte auf die Realschule und schließlich auf eine Fachoberschule. Die Schmerzen ließen nicht nach, gekrümmt saß sie im Unterricht. "Ich bin bei jedem Schub in die Notaufnahme ans Uniklinikum gefahren, wo ich dann eine Cortison-Stoßtherapie bekommen habe, um meine Symptome abzumildern", berichtet Vu Thi. Es kam noch schlimmer: Bei einem Praktikum in einer Kindertagesstätte infizierte sie sich und erkrankte an einer Lungenentzündung, die einen heftigen SLE-Schub auslöste. "Ich hatte nur noch eine Lungenfunktion von 32 Prozent", sagt sie. "Ein lebensbedrohlicher Zustand", urteilten ihre Ärzte. In diesem Moment wurde klar, dass alle bisherigen Therapien nicht wirklich griffen - ganz abgesehen davon, dass die verabreichten Medikamente wie Cortison oder Cyclophosphamid erhebliche Nebenwirkungen haben. "Wir standen mit dem Rücken zur Wand", sagt Gerhard Krönke, Oberarzt an der Klinik für Rheumatologie und Immunologie.

Schett bewundert den Mut, den die Patientin aufbrachte

Dies war aber auch der Moment, in dem sich das Vierer-Team aus Krönke und Schett sowie den Hämatologen und Internistischen Onkologen Andreas Mackensen und Dimitrios Mougiakakos bildete. Die vier Professoren befassten sich mit dem Gedanken, ob der Patientin nicht eine Therapieform helfen könnte, die sich bereits beim Lymphdrüsenkrebs bewährt hat: der Einsatz sogenannter CAR-T-Zellen. Es handelt sich dabei um bestimmte Immunzellen, die aus dem Blut der Patientin oder des Patienten entnommen werden. Diese T-Zellen werden im Labor gentechnisch so verändert, dass sie jene Immunzellen (B-Zellen) ausschalten können, die krankheitsbedingt auch die Organe angreifen.

Über eine Infusion gelangen die modifizierten T-Zellen zurück in den Körper. "Die CAR-T-Zell-Therapie ist eine neue und sehr wirksame Therapieform, die B-Zellen zu killen", sagt Georg Schett - er ist zugleich Co-Sprecher des Deutschen Zentrums für Immuntherapie. Und: "Dann haben wir es eben gemacht, und es hat wunderbar funktioniert." Schett bewundert aber auch den Mut, den die Patientin aufbrachte. Als Thu Thao Vu Thi von den Ärzten erfuhr, dass die herkömmlichen Therapien nicht mehr weiterhelfen, brach sie zunächst in Tränen aus. Dann aber entschied sie sich für die CAR-T-Methode. "Ich dachte mir nur, besser etwas Neues zu versuchen, als an Luftnot oder an einem Herzinfarkt zu sterben", sagt sie.

Noch müsse sie täglich fünf Tabletten einnehmen. "Aber ich war schon joggen, und meine Haare wachsen auch wieder. Noch sind sie jedoch sehr kurz." Der Kontakt zum Uniklinikum Erlangen bleibt bestehen, um die weitere Entwicklung zu beobachten. Treten etwa Nebenwirkungen auf? "In den vergangenen fünf Monaten nicht", sagt Schett. Nun gilt es im Auge zu behalten, wie lange die Wirkung der CAR-T-Zell-Therapie anhält.

© SZ vom 07.08.2021/wean
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