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Bayerische Geschichte:Orte, die nach Brunnen heißen

Berg ob Landshut Maria Bründl Altar mit Gnadenbild

An einer Quelle bei Landshut entstand die Wallfahrtskirche Maria Bründl, die die historische Postkarte zeigt.

(Foto: imago)

Der Altphilologe Wolf-Armin von Reitzenstein hat schon viele Siedlungsnamen erforscht. Nun widmete er sich den Orten, die nach einem Brunnen benannt sind

Vor wenigen Tagen hat Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein seinen 80. Geburtstag gefeiert, was für ihn aber überhaupt kein Grund ist, seine beruflichen und wissenschaftlichen Aktivitäten zu bremsen. "Meine Tätigkeit bereitet mir immer noch große Freude", sagt der Altphilologe, der in diesen Wochen immerhin sein 98. Semester als Lehrbeauftragter an der Münchner Universität absolvieren würde. Leider hat ihm die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung gemacht. Reitzensteins bewährte Vorlesungen und Übungen zur Ortsnamenkunde in Bayern fallen deshalb im Sommersemester aus.

Die Ortsnamenkunde, die er der Studentenschaft seit 1972 nahebringt, zählt eher zu den Exotenfächern. Nur wenige Forscher widmen sich dieser Disziplin, und kaum einer mit einer solchen Leidenschaft wie Reitzenstein, der für sein Engagement hohe Auszeichnungen erhalten hat, etwa den Bayerischen Verdienstorden und den Akademie-Preis der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Seine Begeisterung entdeckte er schon als Student, als er mit Freunden gerne auf Berge stieg. Einer war Geologe, der jeden Stein benennen konnte, ein anderer Apotheker, der jede Blume am Wegesrand kannte. "Damit ich auch was beitragen konnte, befasste ich mich mit den Bergnamen. Mädelegabel und Watzmann, da steckte doch einiges drin, was nach Aufklärung verlangte", erinnert sich Reitzenstein, der später einen Dissertation über römische Ortsnamengebung verfasste. Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete er überdies am Münchner Max-Gymnasium die Fächer Latein, Griechisch, Geschichte und Deutsch.

Wie breit gefächert die Ortsnamenkunde ist, zeigen schon die Zahlen. In Bayern gibt es ungefähr 45 000 Siedlungsnamen, zudem mindestens zwei Millionen Namen von Bergen, Äckern und Gewässern. Man bräuchte Hunderte Jahre Zeit, um alles zu erforschen. Reitzenstein hat einiges enträtselt und seine Ergebnisse unter anderem in den von ihm herausgegebenen Blättern für oberdeutsche Namenforschung publik gemacht. Als Standardwerke gelten auch seine Lexika über altbayerische, schwäbische und fränkische Ortsnamen.

Ihn reize nicht so sehr die sprachwissenschaftliche Seite der Ortsnamen, sagt Reitzenstein. "Ich möchte vor allem wissen, warum ein Name gegeben wurde und was das über die Menschen jener Zeit aussagt." 95 Prozent seiner Recherche verwendete Reitzenstein auf die Suche nach Namensbelegen in Archiven in ganz Europa. Sein Arbeitszimmer ist vollgestellt mit Fachliteratur und mit 150 000 Karteikarten, auf denen er handschriftlich Namen, ihre erste Nennung, die Herleitung des Ursprungs und ihre Bedeutung aufnotiert hat.

Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein, 2013

Seit Langem setzt sich Wolf-Armin Freiherr von Reitzenstein für die Erforschung und den Erhalt von Orts- und Flurnamen ein. Es sind unersetzliche historische Zeugnisse.

(Foto: Stephan Rumpf)

In seinem jüngsten Aufsatz, der soeben in den Blättern für oberdeutsche Namenforschung erschienen ist, widmet sich Reitzenstein jenen Ortsnamen, die mit dem Wort Brunnen gebildet werden. Das Thema klingt auf Anhieb unspektakulär, beginnt aber rasch zu schillern, wenn man sich in die Materie vertieft. Bad Heilbrunn im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen wird zum Beispiel schon im 13. Jahrhundert als Hailprunne erwähnt, weil dort eine alaunhaltige, teils schwefelhaltige Quelle entsprang. Viele badeten sich dort gesund, auch so mancher Angehörige des nahen Klosters Benediktbeuern erfuhr Heilung.

Schon 804 wurde der Ort Schönbrunn (Kreis Dachau) als "Prunna" erwähnt. Reitzenstein legt in seinem fast 180 Seiten langen Aufsatz die ganz unterschiedlichen Ursprünge der Brunnen-Namen dar. Manche sind nach der Beschaffenheit benannt, etwa Zochenbrunnen (Ziehbrunnen), oder nach der Eigenschaft, wie es im Ortsnamen Schönbrunn zum Ausdruck kommt (guter Zustand, Wasserreichtum). Breitbrunn rührt von der Ausdehnung der Quelle her. Die Wasserfarbe schimmert wiederum in Weißenbrunn und Trübenbronn durch. Die Wasserbeschaffenheit spiegelt sich im Ortsnamen Ölbrunn (öliges Moorwasser), die Qualität des Wasserlaufs in Wallenbrunn (aufwallen, sprudeln) und Dürrbrunn (spärlicher Wasserlauf). Kaltenbrunn benennt die Temperatur des Wassers, Hellabrunn dessen Geräusch (schallend, laut, hell). Tiere prägten die Namen Hirschbronn und Wolfsbrunn. Personen, Berufe und Heilige prägten die Namengebung in Maria Bründl bei Landshut, Wessobrunn und Johannesbrunn.

Das größte Problem der Namenforscher aber ist ihr Wettlauf gegen die Zeit. Die unentbehrlichen mundartlichen Formen geraten in Vergessenheit, ebenso die Flurnamen, die oft nur mündlich tradiert sind. In neuen Siedlungen könnten sie als Straßennamen weiterleben. Viele Stadt- und Gemeinderäte aber zeigen kein Interesse.

© SZ vom 05.05.2020

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