Am 2. November 1805 hat Kurfürstin Caroline, die Frau des späteren bayerischen Königs Max I. Joseph, ihren Mann brieflich über ein Malheur unterrichtet. Die vierjährige Tochter Elise habe ihren Schwestern Suppe ausschenken wollen und nach der Terrine gegriffen, dabei sei aber ein Teller Suppe vom gedeckten Tisch gekippt, schreibt sie. Das Mädchen habe angefangen zu weinen, die Schwester Sophie habe eingestimmt, die Prinzessin Marie leider ebenfalls, da sie ja die Suppe essen wollte. Und zuletzt sei Prinzessin Amelie, vom Lärm angelockt, um ein Haar in der verschütteten Suppe ausgerutscht. „Diese Szene war wirklich komisch“, fasste Caroline das kleine Drama zusammen, das so ähnlich auch heutzutage geschehen könnte.
Was den trivialen Alltag betrifft, offenbart der Lauf der Geschichte eine erstaunliche Konstanz. Politik und Gesellschaft aber haben sich seit der Zeit um 1800 fundamental verändert. Ein Wegbereiter der Moderne war zweifellos besagter Max I. Joseph (1756-1825), dessen Todestag sich heuer zum 200. Mal jährt. Auch deshalb trug das Jahr 2025 in Bayern phasenweise sehr royale Züge. Aber nicht nur der König wurde in Aufsätzen und Büchern breit gewürdigt, sondern auch dessen Sohn und Nachfolger Ludwig I., dem überdies eine Landesausstellung gewidmet war.
Ausgiebig dargelegt wurde dabei das Verhältnis der beiden Männer zur Frauenwelt, das nicht nur von diversen Geliebten geprägt war, sondern auch von engen familiären Bindungen. Ludwig I. hatte fünf, sein Vater acht Töchter. Schon deshalb ist die Geschichte der Frauen im damaligen bayerischen Königshaus eine Betrachtung wert. Denn im Sog der aus Frankreich herüberschwappenden Aufklärung werden hier erste Regungen der Emanzipation sichtbar, was auch die aktuelle Ausstellung der Staatlichen Archive Bayerns und des Münchner Max-Josef-Stifts eindrucksvoll belegt. Die Schau, die den Titel „Max I. Joseph und die Frauen“ trägt, lässt erkennen, welche Substanz in diesem Thema steckt.

Den Ehefrauen und Töchtern der Könige mangelte es nicht an Fleiß, Esprit und Intellekt. Napoleon zählte zum Beispiel die Königin Caroline zu den wenigen Frauen, die ihm imponierten. Die Schriftstellerin Elisa von der Recke urteilte nach einem Besuch über sie: „Was sie sprach, war gedacht, sie zeigte Beobachtungsgeist und Kenntnisse.“
Ausstellung und Katalog lassen uns unter anderem teilhaben am Besuch der Königin bei einer Bäuerin, an den Vorlieben des Königs beim Küssen und an einer Menge anderer unterhaltsamer Episoden. Am 11. August 1824 fuhr Prinzessin Marie zum Beispiel in die Ferien, hatte aber daheim ihr Aufgabenheft vergessen. In einem Brief bat sie ihren Lehrer um Verzeihung. Reumütig beklagt sie darin ihre Zerstreuung und ihr „Hasengedächtnis“.
König Max I. Joseph führte zusammen mit dem Minister Maximilian von Montgelas die allgemeine Schulpflicht ein. Dass ihnen die Frauenbildung am Herzen lag, ist in München noch heute zu sehen. Und zwar im Mädchengymnasium Max-Josef-Stift in Bogenhausen, das der König 1813 als „königliche Erziehungsanstalt für die weibliche Jugend höherer Stände“ ins Leben rief.

Nach der Französischen Revolution wurde der Ruf nach Bildung, politischer Teilhabe und Gleichberechtigung der Frauen immer lauter. In Bayern ging die Entwicklung zunächst nur zäh voran. Bildungsanstalten für Mädchen gab es nicht, bis der von Max I. Joseph berufene Lehrer Friedrich von Thiersch die Weichen für ein fortschrittliches Schulwesen stellte, auch wenn die Mädchenbildung zunächst den höheren Gesellschaftsschichten vorbehalten blieb. Alte Briefe lassen erahnen, was damals alles gelehrt und gelernt wurde. Die neunjährige Prinzessin Amelie beantwortete etwa eine Frage nach dem größten Reich Europas mit dem Satz: „Mich deucht Rusland.“ Und der höchste Berg in Europa? „Mondblanck in Italien.“
Die Ausstellung beleuchtet auch die Anfänge der religiösen Toleranz, die ja in Bayern nicht zuletzt deshalb aufblühte, weil Caroline, die zweite Frau von Max I. Joseph, eine Protestantin war. Eine ihrer Töchter war im Übrigen jene Ludovica, aus deren Ehe mit dem Herzog Maximilian ein Mädchen namens Sisi hervorging. Diese sorgte später als Kaiserin Elisabeth von Österreich auch emanzipatorisch für Furore.
Die Ausstellung „Max I. Joseph und die Frauen“ im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München (Ludwigstraße 14) läuft bis zum 19. Dezember. Öffnungszeiten: Sonntag bis Freitag 10-18 Uhr.

