120. Todestag:Der Erfinder der Saupreußen

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120. Todestag: Der Journalist und Politiker Johann Baptist Sigl wurde 1839 in Ascholtshausen bei Straubing geboren und starb im Januar 1902 in München.

Der Journalist und Politiker Johann Baptist Sigl wurde 1839 in Ascholtshausen bei Straubing geboren und starb im Januar 1902 in München.

(Foto: privat/Wikipedia commons)

Der Journalist und Politiker Johann Baptist Sigl kämpfte mit kraftvoller Sprache, Spott und ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohl für die bayerische Eigenstaatlichkeit. Er wurde heftig angegriffen, und doch erkannte er frühzeitig die Gefahren der damaligen Politik.

Von Hans Kratzer

Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs vor gut 150 Jahren stieß im damaligen Bayern auf eine tiefe Skepsis. Vor allem auf dem Land war von der aufwallenden nationalen Begeisterung wenig zu spüren. Viele empfanden die am 18. Januar 1871 im Versailler Schloss erfolgte Ernennung des preußischen Königs zum deutschen Kaiser als eine Demütigung. Erst recht, weil die Debatte im bayerischen Landtag noch in vollem Gange war. Kanzler Otto von Bismarck hatte den Termin in Versailles festgesetzt, ohne abzuwarten, ob die Bayern die Verträge überhaupt annehmen.

So schuf er Tatsachen, bevor die Gemütslage endgültig in den Keller sank. Bayern war im Sommer 1870 an der Seite Preußens in einen Krieg eingetreten, der zwar siegreich endete, aber vielen bayerischen Soldaten das Leben kostete. Der Ton zwischen Nord und Süd wurde schärfer. Zu jenen, die besonders laut aufmuckten, gehörte der aus Niederbayern stammende Journalist Johann Baptist Sigl. Für ihn war die neue deutsche Kaiserkrone, wie er in der Zeitschrift Das Bayerische Vaterland schrieb, "nur die vergrößerte preußische Pickelhaube". Für die Zukunft sah er schwarz: "Mehr Kriege, mehr Krüppel, mehr Totenlisten und mehr Steuerzettel ..."

Sigl, der vor 120 Jahren starb, hatte Theologie studiert, aber er agierte alles andere als leisetreterisch. Sein Charakter glich dem eines bäuerlichen Quadratschädels, dem eine große Neigung zum Widerstand und zum groben Wort innewohnte. Die Zeiten boten damals der aufkeimenden Radikalität des Redens und Sprechens - ähnlich wie heute - aber auch einen vorzüglichen Humus. Nachdem er jahrelang für Zeitungen wie das Straubinger Tagblatt und das katholische Münchner Blatt Der Volksbote für den Bürger und Landmann gearbeitet hatte, gründete Sigl im April 1869 seine eigene Zeitung, nämlich das bereits erwähnte Bayerische Vaterland.

Sigls Wortspiele schätzten sogar seine Gegner

Seine Texte zeigen, dass Sigl humorvoll-spöttische Wortspiele und Vergleiche liebte, die sogar seine Gegner schätzten. Sigl gab sich ganz und gar als bayerischer Patriot, der für die Unabhängigkeit des Königreichs kämpfte. Um die damalige Gemengelage deutlicher zu zeichnen, soll hier Edmund Jörg (1819-1901) ins Spiel kommen, der Wortführer der Bayerischen Patriotenpartei und einer der markantesten Politiker und Publizisten des deutschen Katholizismus überhaupt.

Ähnlich wie Sigl attackierte auch er den preußischen Nationalismus. Jörg hatte 1871 mit geradezu prophetischen Worten vor dem Eintritt Bayerns in das Deutsche Reich gewarnt: "Wir können nicht, weil das für Deutschland die Katastrophe, den Weltkrieg und den Untergang bedeuten würde!" Seine Vision bestand bereits damals aus einem vereinten Europa, in dem die Regionen ihr Gewicht behalten sollten. Seine Haltung war ihrer Zeit weit voraus.

Von 1852 bis 1901 gab Jörg die Zeitschrift Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland heraus. Was diese Publikation für den gebildeten Leser war, das war das Bayerische Vaterland für das gemeine Volk. Hier schrieb Sigl so derb, wie das in seiner Straubinger Heimat Usus war, "mit einer unvergleichlichen Fähigkeit, Personen und Dingen mundgerechte Beinamen anzuhängen", wie einst der Historiker Benno Hubensteiner resümierte.

Sigl stand ganz auf der Seite der Bauern, die verbittert waren über den Verfall der Vieh- und Getreidepreise. Dazu gesellte sich der Unmut über die wachsenden Lasten für Heer, Marine und Sozialversicherungen. Bald formierte sich eine neue Bauernbundbewegung, in der ein gesalzener Patriotismus aufflammte. Vor allem in Niederbayern erfuhr die Partei einen raschen Aufwind.

Er warnte stets vor dem "preußischen Joch"

Im Historischen Lexikon Bayerns ist nachzulesen, dass Sigl kontinuierlich gegen Preußen polemisierte und davor warnte, Bayern dürfe nicht unter das "preußische Joch" geraten. Auch das Wort Saupreuß (gesprochen: Saupreiß) sei ihm leicht aus der Feder geflossen, heißt es dort. Und tatsächlich vermerken fast alle einschlägigen Lexikonartikel Sigl als Urheber dieses populär gewordenen Begriffs. Die Machthaber Preußens nannte er unverblümt "die blutigen Mörder von 1866", also jenes Kriegs, in dem die Bayern vernichtend geschlagen wurden. So erklärte er auch zu Beginn des Krieges mit Frankreich 1870 offen seine Hoffnung auf einen französischen Sieg gegen den "Raubstaat" Preußen.

Zweifellos rührte der Hass der Süddeutschen auf die Norddeutschen vom 1866er-Krieg her. Als die Bayern 1870/71 zusammen mit den Preußen abermals ausrücken mussten, skandierten die Bauernburschen: "Mir mögen net preißisch werden!" Und die hiesigen Zeitungen, allen voran Sigl, druckten erstmals das Wort Saupreußen. Von da an stand dieser pejorative Generalbegriff für alles, was aus dem Norden nach Bayern eindringen sollte.

Selbst Bismarck blieb nicht verschont

Selbst vor Beleidigungen gegen den Reichskanzler Bismarck schreckte Sigl nicht zurück, was ihm 1875 zehn Monate Gefängnis einbrachte. 1878 folgten weitere drei Monate Haft, weil er den Kaiser nur als preußischen König tituliert hatte. Später zählte Sigl zu den Mitbegründern des Bayerischen Bauernbunds, von 1893 bis 1899 war er Reichs- und von 1897 bis 1899 gleichzeitig Landtagsabgeordneter des Bauernbunds. Sigl starb am 9. Januar 1902 in München. Seine Zeitung existierte weiter fort und bekämpfte dann sogar noch Hitler, bis sie 1934 verboten wurde. Von 1962 bis 1969 erschien eine Zeitschrift, die sich ebenfalls Das Bayerische Vaterland nannte und an Sigls Tradition anknüpfen wollte - letztlich vergeblich.

Die Gegner der Reichsgründung wurden seinerzeit als Hinterwäldler und Eigenbrötler verächtlich gemacht. Aus heutiger Sicht kann man aber auch sagen, dass sich Männer wie Jörg und Sigl einen offenen Blick in die Zukunft bewahrt und die Gefahren dieser Politik erkannt hatten, die letztlich ja tatsächlich in zwei Weltkriege mündete.

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