Artenschutz:"Ein Bermuda-Dreieck für Gämsen"

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Artenschutz: Wollen hoch hinaus: Gämsen in freier Wildbahn leben weit oben in den Bergen in Höhen über 2000 Meter.

Wollen hoch hinaus: Gämsen in freier Wildbahn leben weit oben in den Bergen in Höhen über 2000 Meter.

(Foto: mauritius images/tbkmedia.de)

Tierschützer klagen gegen den Forstbetrieb Schliersee und den Nationalpark Berchtesgaden, weil sie aus ihrer Sicht zu scharf jagen. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück. Warum die Gams überhaupt abgeschossen wird.

Von Christian Sebald

Die Gams ist das Symboltier der Berge in Bayern. Und zwar für Jäger, Förster, Bergsteiger und Wanderer gleichermaßen. Rupicapra rupicapra, wie ihr wissenschaftlicher Name lautet, ist aber auch eine faszinierende Tierart. Gämsen leben weit oben in den Bergen in Höhen über 2000 Meter, wo es steil und felsig ist. Mit ihrem gedrungenen Körperbau und einem Gewicht von bis zu 50 Kilogramm wirken sie auf den ersten Blick eher plump. Aber das täuscht. Gämsen sind extrem geschickte Kletterer. Dank ihrer spreizbaren Hufe und elastischen Sohlen können sie bis zu zwei Meter hoch und sechs Meter weit springen. Wenn sie lossprinten, erreichen sie Tempo 50 - in abschüssigem Gelände. Wohl deshalb stehen Gämsen seit jeher für die Freiheit in den Bergen. So wie der Gamsbart, der aus den Rückenhaaren erwachsener Böcke gefertigt und am Trachtenhut getragen wird, von der Schneidigkeit seines Besitzers zeugt.

In den Schlierseer Bergen und im Nationalpark Berchtesgaden kocht jetzt heftiger Streit um die Gämsen hoch. Der Verein "Wildes Bayern" und dessen Vorsitzende Christine Miller, die sich als Anwälte der Wildtiere im Freistaat verstehen, werfen sowohl dem Forstbetrieb Schliersee als auch der Nationalparkverwaltung in Berchtesgaden eine besonders rücksichtslose Jagd auf Gämsen vor. "Schlachtfest am Schliersee?" ist eine Erklärung überschrieben, in der Miller den Forstbetrieb Schliersee beschuldigt, "dass sich das Urlaubsidyll rund um den Schliersee in den kommenden Monaten in ein Bermuda-Dreieck für Gämsen verwandeln" soll. Der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden wirft Miller vor, in Teilen des Schutzgebietes "das ganze Jahr über unter Aufhebung der gesetzlichen Schonzeit" Gämsen, Rotwild und Rehe schießen zu lassen. Sie spricht von "skandalösem Treiben", "immensem Tierleid" und einer massiven "Gefährdung einer international geschützten Tierart". Miller und ihr Verein haben deshalb Klage sowohl gegen den Forstbetrieb Schliersee als auch gegen die Nationalparkverwaltung Berchtesgaden eingereicht.

Der Forstbetrieb und die Nationalparkverwaltung weisen die Anschuldigungen entschieden zurück. "Von einem angeblichen ,Schlachtfest' zu sprechen, ist komplett irreführend und hat nichts mehr mit einer seriösen Diskussion zu tun", sagt der Chef des Schlierseer Forstbetriebs, Jörg Meyer. "Der Verein Wildes Bayern disqualifiziert sich mit seinen unseriösen Behauptungen selbst." Auch Daniel Müller widerspricht Millers Vorwürfen massiv. Er ist für die Jagd im Nationalpark Berchtesgaden zuständig. "Wir regulieren unsere Wildbestände streng nach geltenden Tierschutzregeln und nur mit beruflich und professionell dafür ausgebildetem Personal", sagt er. Nationalpark Chef Roland Baier betont, dass auf drei Viertel der Nationalpark-Fläche das ganze Jahr über komplette Jagdruhe herrsche. "Der Nationalpark ist die größte Ruhezone für Wildtiere in den bayerischen Alpen." Das Jagdkonzept des Nationalparks werde von Wildbiologen als "Vorzeigemodell" gelobt, das bestmöglich auf die Lebensraumansprüche der Wildtiere Rücksicht nehme.

Das Problem: Gämsen fressen nicht nur Gräser und Kräuter, sondern auch die Triebe junger Bäume

Hintergrund des Streits ist, dass es aus Sicht der Förster mit den Gämsen ein Problem gibt. Die Tiere fressen nicht nur Gräser und Kräuter. Sondern auch die Triebe der jungen Bäume in den Bergwäldern, sodass diese nicht mehr richtig nachwachsen können. In Gebieten mit besonders vielen Gämsen können die Tiere schnell zu einer Gefahr für den Bergwald werden, sagen die Förster. Vor allem für die Schutzwälder. Diese Wälder sollen Ortschaften, Straßen und andere Verkehrswege vor Lawinen, Muren und Sturzfluten bewahren. Viele Schutzwälder in den bayerischen Bergen sind im Lauf der Zeit so geschädigt worden, dass sie ihre Funktionen nicht mehr erfüllen können. Damit sie das wieder tun können, pumpt der Freistaat Millionen Euro in ihre Sanierung. Aber auch um die gewöhnlichen Bergwälder steht es nicht wirklich gut. Weil der Freistaat die bisherigen Erfolge bei Aufbau stabiler Berg- und vor allem Schutzwälder aber nicht gefährden will, werden die Gämsen in sogenannten Sanierungsgebieten scharf gejagt. Insgesamt werden in Bayern etwa 4000 Gämsen im Jahr abgeschossen.

Der Schlierseer Forstbetrieb hat sich Millers Zorn zugezogen, weil er in der bevorstehenden Jagdsaison 550 Gämsen abschießen lassen will. Im vergangenen Jagdjahr waren dort 505 Gämsen zum Abschuss freigegeben. Die hohe Stückzahl relativiert sich freilich bei einem Blick auf das Gebiet, in dem die Tiere erlegt werden sollen. Es umfasst praktisch alle bayerischen Berge zwischen dem Wendelstein im Osten, dem Achenpass im Westen und der Grenze nach Tirol im Süden. Das ist eine Fläche von beinahe 25 000 Hektar. Knapp zwei Drittel der Wälder in der Region sind Schutzwälder, auf deren Gedeihen die Förster besonders achten müssen. Im Nationalpark Berchtesgaden sind mehr als die Hälfte der Wälder Schutzwälder. Sie konzentrieren sich in den Randbereichen des Schutzgebietes zu Berchtesgaden, Schönau und Ramsau hin.

Außerdem weist Nationalpark-Chef Baier darauf hin, dass die Gams-Bestände in dem Schutzgebiet seit 20 Jahren beständig ansteigen. "Das belegen Zählergebnisse", sagt er. "Von einer Bedrohung der Gams kann also keine Rede sein." Auch Forstbetriebschef Meyer hat keine Hinweise darauf, dass die Zahl der Gämsen in den Schlierseer Bergen rückläufig ist. Meyers Einschätzung deckt sich mit einem groß angelegten Forschungsprojekt der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft im Chiemgau und im Karwendel. Nach dessen ersten Ergebnissen sind die Gamsbestände in beiden Regionen stabil und gesichert. Auch die Bayerischen Staatsforsten haben seit 2020 systematische Gamszählungen in den bayerischen Bergen laufen. Aussagekräftige Ergebnisse werden allerdings erst in vier Jahren erwartet.

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