Naturschutz in BayernGeheimsache Gams

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Schon vor zwei Jahren hat das Bundesamt für Naturschutz die Gämse auf die Vorwarnliste der Roten Liste genommen.
Schon vor zwei Jahren hat das Bundesamt für Naturschutz die Gämse auf die Vorwarnliste der Roten Liste genommen. (Foto: Reiner Bernhardt/dpa)

Freie Wähler und CSU im Landtag haben die Staatsregierung aufgefordert, einen Bericht über die Wildart zu liefern. Inzwischen ist das Papier fertig, doch die Regierung hält es zurück. Welches Kalkül dahinterstecken könnte.

Von Christian Sebald

Was war das für eine Aufregung, als das Bundesamt für Naturschutz (BfN) vor zwei Jahren die Gams auf die Vorwarnliste der Roten Liste der bedrohten Tierarten setzte. Viele Jäger, aber auch der eine oder andere Wildbiologe sahen sich in der Überzeugung bestätigt, dass es schlecht steht um die kühnen Kletterer in den bayerischen Bergen. "Katastrophale Zustände", "überjagt" und "instabile Bestände" lauten ihre Urteile, bisweilen sprechen sie sogar von "Ausrottung".

Der Bayerische Jagdverband (BJV) startete damals sogar eine Sympathiekampagne für die Gams mit dem Extrembergsteiger Thomas Huber als Aushängeschild. Es sei bereits "fünf nach zwölf" für die Gams, ließ Huber verlauten. So verhärtet sind die Fronten, dass die Landtagsfraktionen von Freien Wählern und CSU dieses Frühjahr von der Staatsregierung einen Bericht einforderten und zwar bis 1. Juli dieses Jahres.

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Der Bericht ist schon seit einiger Zeit fertig. Allein, er ist noch nicht veröffentlicht worden. Das 15-seitige Papier der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF), die Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) untersteht, wird vielmehr wie eine geheime Verschlusssache behandelt. Nicht einmal der Chef der FW-Fraktion, Florian Streibl, kennt es. Dabei hat Streibl den Bericht doch federführend beantragt, er will ihn jetzt anfordern.

Nur einige Abgeordnete und Experten haben das Papier einsehen können. Man habe ihnen allerdings auferlegt, dass sie es nicht weitergeben und sich nicht dazu äußern, sagt ein Fachmann, der das Papier nach hartnäckigem Nachbohren bekommen hat. Der Grünen-Politiker und Waldexperte Hans Urban vermutet als Grund der Zurückhaltung, dass die Staatsregierung ein Jahr vor der Landtagswahl "keine neue Unruhe zwischen Jäger, Förster und Waldbesitzer hineinbringen will".

Der Bericht, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, bietet tatsächlich reichlich Stoff für Unruhe. Er gelangt zu diametral entgegengesetzten Einschätzungen wie der BJV und viele Jäger. Die Vorwarnstufe der Roten Liste sei keine "Gefährdungskategorie im engeren Sinne", heißt es darin. "Demnach ist auch nach Ansicht des BfN die Gams derzeit nicht gefährdet." Der Satz ist gefettet und mit Ausrufezeichen versehen.

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Außerdem wirft die LWF dem BfN vor, dass die Aufnahme der Gams in die Vorwarnliste "wissenschaftlich nur begrenzt fundiert" sei. Aus aktuell laufenden Forschungsprojekten an der LWF könne zumindest in den jeweiligen Untersuchungsgebieten auf "lang- und kurzfristig stabile Bestandstrends" geschlossen werden. Das einzige, was die LWF zugesteht, sind gewisse Wissenslücken. Zugleich verweist sie darauf, dass sie schon seit etlichen Jahren Studien laufen hat, um diese zu schließen. Mit den Forschungen leiste Bayern einen "international bedeutsamen Beitrag zur Verbesserung der wildbiologischen Datenbasis zur Gams im Alpenraum".

Es geht um die Schutzwälder

Im Streit um die Gams geht es im Grunde genommen um die Bergwälder und deren Gedeihen. Wie andere Wildtiere fressen Gämsen nicht nur Gräser und Kräuter. Sondern auch die Triebe junger Tannen und Buchen. Und zwar sehr gerne. Die Folge aus Sicht der Förster: In Gebieten mit vielen Gämsen können die Tiere sehr schnell zu einer Gefahr für den Bergwald werden. Vor allem in sogenannten Schutzwäldern. Das sind die Bergwälder, die Ortschaften, Straßen und andere Verkehrswege vor Lawinen, Muren und Sturzfluten bewahren sollen. Diese Wälder werden in der Klimakrise immer wichtiger.

In den bayerischen Bergen gibt es vielerorts Schutzwälder, die im Lauf der Zeit so geschädigt worden sind, dass sie ihre Funktion nicht mehr erfüllen können. Damit sie wieder gedeihen, pumpt der Freistaat viele Millionen Euro in ihre Sanierung. Und weil er die bisherigen Erfolge nicht gefährden will, wird in Schutzwäldern besonders scharf gejagt. Insgesamt werden in Bayern ungefähr 4000 Gämsen pro Jahr abgeschossen. Der Gesamtbestand der Gämsen in Bayern wird auf bis zu 26 000 Stück geschätzt. Viele Jäger bestreiten diese Zahl vehement.

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