Die Versuchung, Prüfungen anders als mit Lernen zu bestehen, war schon immer groß. Früher setzte man dazu auf vergleichsweise primitive Hilfsmittel: Spickzettel zum Beispiel. Die faltete man heimlich unter der Schulbank auf und hoffte, die Miniaturschrift entziffern zu können. Andere kritzelten Schuhsohlen mit Jahreszahlen voll oder renkten sich fast den Hals aus, um den Rechenweg vom Nachbarn zu kopieren. Es soll sogar vorgekommen sein, dass eine Schulklasse gemeinsam die Tafel mit der Antwort auf jene Frage vollschrieb, von der sie glaubte, dass sie gleich per Ex abgefragt würde. Danach wurde die Kreidetafel so geputzt, dass sie sauber aussah, die Buchstaben aber weiter durchschimmerten. Die Lehrerin merkte nichts.
Tatsächlich kam die Frage dran. Leider war die Antwort auf der Tafel falsch.
Heute ist man beim Unterschleif moderner unterwegs. Und das nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch beim TÜV. Dieser Tage sorgte im niederbayerischen Regen eine 17-Jährige für Schlagzeilen, weil sie in der theoretischen Führerscheinprüfung praktisch auf elektronische Gadgets setzte: Per Knopfkamera wollte sie den Bildschirm ihres Prüfungs-Tablets abfilmen. Ein Helfer draußen sollte ihr dann die Antworten zuflüstern. Allerdings sind die Tablets beim TÜV mit einer Spiegelfolie verklebt. Die junge Frau musste also das Gerät immer wieder vor der Kamera hin- und herdrehen – zu auffällig. Statt eines Prüfungsnachweises bekommt sie Post von der Polizei, wegen des „Verdachts der versuchten Fälschung beweiserheblicher Daten“.
Ob Knopf im Ohr oder Doppelgänger – alles schon dagewesen
Trotzdem hat die Ertappte eines geschafft: die Aufmerksamkeit auf ein wachsendes Problem zu lenken. Allein für 2024 hat der TÜV-Verband bundesweit 4198 Betrugsversuche gezählt – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr, viele davon professionell organisiert. Kamera im Brillenbügel, Knopf im Ohr, Doppelgänger, die anstelle des Prüflings den Test ablegen wollen: alles mehr als einmal dagewesen. Denn am Durchmogeln lässt sich verdienen. So soll in Regen die junge Frau ihrem Helfer 2000 Euro versprochen haben.
Gebracht hat's ihr nix. Dabei gäbe es auch moderne Hilfsmittel, die vor solchen Reinfällen schützen. Wer etwa die künstliche Intelligenz von Google nach Betrugstipps für die Führerscheinprüfung fragt, wird eindringlich gewarnt: Das sei „keine gute Idee“. Aussichtsreicher sei „regelmäßiges Lernen“. Nur hat das halt schon damals in der Schule niemand glauben wollen.

