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Fridays for Future:"Krank wichtig"

"Friday for Future" erreicht nicht alle Jugendlichen gleichermaßen. Dennoch spricht Bildungsforscher Klaus Hurrelmann von der breitesten Straßenbewegung junger Menschen seit der 1968er Generation.

(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Die Angst vor dem Untergang treibt die Jugend auf die Straße, Forscher sehen eine ähnliche Politisierung wie zuletzt 1968. Doch bisher ist die Fridays-for-Future-Bewegung vor allem ein Aufstand der privilegierten Schicht.

Es ist Freitag, kurz nach elf Uhr, als die Regensburger Schüler die historische Altstadt erobern. Zu Hunderten ziehen sie mit Plakaten und Megafonen durch die Gassen. Auf einem Auto ist eine Anlage montiert, immer wieder dröhnt "Fridays for Future" von den Rappern Finnomen & Semo aus den Boxen. In der Gesandtenstraße schnappt sich ein junger Mann ein Megafon und brüllt: "Wer nicht hüpft, der ist für Kohle, hey, hey." Und eine ganze Gasse hüpft.

Hier in der Altstadt zeigt sich: Protest kann auch wie Party aussehen, bunt, ausgefallen, mit Freunden und lauter Musik. Dieses Gefühl steckt offenbar auch Passanten an. Die Erwachsenen am Straßenrand klatschen, einige müssen grinsen, als die Jugendlichen mit ihren Fahnen und selbst bemalten Kartons vorbeiziehen. "Fischers Fritz fischt Plastik", steht auf einem der Schilder geschrieben. Oder auf einem anderen: "Oma, was ist ein Schneemann?" Oder ein berittener Elefant gibt den Hinweis: "Ich bin Elefant, kein Entertainer."

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Es sind genau die Themen, die die jungen Menschen von "Fridays for Future" beschäftigen: Globale Erwärmung, Umweltverschmutzung, Tierquälerei. In Regensburg demonstrieren sie zum neunten Mal innerhalb eines Jahres. An diesem Freitag sind es nach Schätzung der Veranstalter 500 Demonstranten, die global wie lokal ein radikales Umdenken in der Klimapolitik fordern. "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", skandieren sie. Wie Zehntausende andere in Deutschland folgen sie dem Beispiel der schwedischen Schülerin Greta Thunberg, die seit ihrem ersten Schulstreik im August 2018 zum Gesicht der internationalen Klimaschutzbewegung geworden ist. Seit Thunberg zum Unterrichtsboykott aufgerufen hat, schwänzen weltweit Jugendliche freitags die Schule.

Pessimismus gehört zur DNA dieser jungen Bewegung

Doch was ist das für eine Bewegung? Wer geht in ihrem Namen auf die Straße? Und was ist es für ein Lebensgefühl, das die Menschen dorthin treibt?

"Wir spüren Angst und Panik", sagt die 14-jährige Milena, "aber das ist wichtig, weil sonst macht man nie was." Sie ist mit ihrer Freundin Hannah zum ersten Mal ohne ihre Eltern auf einer Demo, mit dem Zug sind sie aus dem Umland angereist. In der Grundschule, erzählen sie, hätten sie mal eine Partei namens "Die Bunten" gegründet und Geld für Flüchtlinge gesammelt. Doch jetzt treibt sie der Klimawandel um. "Das Rezo-Video hat uns klar gemacht, wie krank wichtig das alles ist. Ich hätte gerne, dass ich meinen Kindern noch zeigen kann, wie schön unsere Welt ist", sagt Hannah und klingt dabei schon ziemlich erwachsen. Wie andere Demonstranten auch tragen die beiden Mädchen echte Ängste in sich, sie fürchten Stürme, Hitze, Hungersnöte, Überschwemmungen und, wie Milena, sogar fremdartige Mücken. Tatsächlich warnen Mediziner davor, dass mit dem Klimawandel exotische Insekten auch in Europa heimisch werden und tropische Krankheiten verbreiten können. Außerdem hat Milena Angst, dass wegen Missernten und Hungersnöten immer mehr Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen.

Dieser Pessimismus gehört zur DNA dieser jungen Bewegung. Immer wieder äußern die Demonstranten Sätze wie: "Unsere Zeit läuft bereits ab." Oder: "Es ist vielleicht schon zu spät." Doch neben dieser Verzweiflung sind gleichzeitig auch Zuversicht und Mut zu spüren. Die Hoffnung lautet: Gemeinsam können wir etwas verändern und diese Welt retten. Das beginnt bei ihnen selbst.

Übereinstimmend erzählen die jungen Demonstranten, sie würden bereits seit Monaten kein oder kaum noch Fleisch essen. Sie würden häufiger als bisher mit ihren Fahrrädern fahren, Flüge und Plastikmüll vermeiden. Auf der Kundgebung aber geht es ihnen um die Politik. Zum Beispiel um den Ausstieg aus der Kohle-Energie. "Hoch mit dem Klimaschutz", rufen die Demonstranten und strecken die Arme nach oben. "Runter mit der Kohle", und alle gehen in die Knie. Man kennt solche Choreografien ja aus den Fußballstadien.

Aber wer sind diese Demonstranten? Wissenschaftler gehen davon aus, dass "Fridays for Future" vorwiegend aus gebildeten, jungen Menschen besteht. Im März stellten das Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin und das Forschungszentrum Socium der Universität Bremen in einer Studie fest, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer an den Demos jünger als 20 Jahre war - und die Mehrheit der Protestierenden weiblich. Dabei gelten Demos gemeinhin als Männerdomäne.

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Auch der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, Mitautor der Shell-Jugendstudien, hat die Bewegung untersucht. Er spricht von der breitesten Straßenbewegung von jungen Menschen seit der 1968-er Generation. Das Interesse an Politik nehme generell zu. Einer aktuellen Umfrage zufolge bezeichneten sich demnach 45 Prozent der zwölf- bis 25-Jährigen als politisch interessiert, das seien 15 Prozentpunkte mehr als 2002. Das liege auch am Wohlstand, vermutet der Wissenschaftler. Wegen der guten wirtschaftlichen Lage gebe es derzeit ausreichend Arbeitsplätze. "Das macht den Kopf frei und erhöht die Bereitschaft, sich um das Gemeinwohl zu kümmern", sagt Hurrelmann. "Je besser die wirtschaftliche Perspektive, desto politischer werden die Menschen." Das sei bei der 1968-er Generation auch so gewesen.

In Regensburg scheint sich das zu bestätigen. Die große Mehrheit der Demonstranten sind Gymnasiasten und Studenten. Viele bestätigen, sich keine wirtschaftlichen Sorgen zu machen. Sie haben das Gefühl, mit ihren Anliegen endlich beachtet zu werden. Mehrere Journalisten von Zeitungen, vom Radio und vom Lokalfernsehen sind zur Kundgebung gekommen. "Das gibt uns Motivation", sagt die 14-jährige Allegra, eine Gymnasiastin.