Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg:Schicksalsjahr der bayerischen Demokratie

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Erste Sitzung des Bayerischen Landtages, 1946

Am 16. Dezember 1946 trat der frisch gewählte Landtag in der Aula der Münchner Universität zum ersten Mal zusammen.

(Foto: SZ Photo)

1946 fanden erstmals nach dem Ende der NS-Diktatur wieder freie Wahlen in Bayern statt - zur Zusammensetzung der Verfassungsgebenden Landesversammlung.

Von Hans Kratzer

Seit dem Kriegsende sind nun 76 Jahre vergangen, das ist die Dauer eines langen Menschenlebens. Die Zeitzeugen, die jene schlimme Zeit erlebt haben, sterben aus, die frühe Nachkriegszeit kommt einem heute vor wie eine sehr fremde Welt. Die Sorgen und Nöte von damals waren zweifellos drückender als jene in der Corona-Zeit, aber sie sind zeitlich und emotional weit weg, der moderne Mensch ist mit sich selber und mit den Bedrängnissen der Gegenwart genug beschäftigt. Und doch hallt das Grundrauschen der Jahre 1945 und 1946 bis heute nach, was leicht nachvollziehbar ist. Damals wurden die Grundpfeiler unserer Demokratie errichtet.

Vor 75 Jahren, am 30. Juni 1946, fanden in Bayern, das zur amerikanischen Besatzungszone gehörte, die ersten landesweiten demokratischen Wahlen seit 1933 statt. Dieser Urnengang war noch keine Landtagswahl, eine solche fand erst ein halbes Jahr später statt. Im Juni 1946 wurde vielmehr die Verfassunggebende Landesversammlung gewählt, die dann, wie es der Name besagt, eine Verfassung ausarbeiten sollte. "Es war ein Meilenstein der Demokratiegeschichte Bayerns", sagt der Münchner Historiker Ferdinand Kramer.

Wahlplakate aus Bayern, 1946

Schon zur Wahl im Jahr 1946 wurden Plakate gedruckt.

(Foto: SZ Photo)

Die Wahl vom Juni 1946 war aus mehreren Gründen von besonderer Bedeutung. Einerseits ging es nach Krieg und Diktatur um die Erneuerung der Demokratie und der Staatlichkeit Bayerns, andererseits aber auch um den territorialen Gebietsstand des Landes, wie Kramer betont. Die Abstimmung machte deutlich, dass das Staatsgebiet Bayerns rechts des Rheins beisammen bleiben würde, was angesichts des Zuschnitts der Besatzungszonen und der Bildung von Bundesländern mit neuem Gebietszuschnitt keine Selbstverständlichkeit war. Die Alliierten hatten Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt, Bayern gehörte zum amerikanischen Sektor. Die bayerische Pfalz aber, die in der französischen Besatzungszone lag, würde von Bayern getrennt werden, das zeichnete sich jetzt ab. Und so kam es auch: Die Pfalz sollte später im Bundesland Rheinland-Pfalz aufgehen. Lindau, das ebenfalls zur französischen Zone gehörte, erhielt einen staatsrechtlichen Sonderstatus und gehörte erst von 1955 an wieder zu Bayern.

Das erste Jahr nach dem Kriegsende (8. Mai 1945) verlief in Bayern alles andere als ruhig. Das Land lag zertrümmert da, die Lebensverhältnisse waren desolat, der Wiederaufbau hatte oberste Priorität. "Zumindest waren wir froh, dass endlich der Luftkrieg zu Ende war", sagte Bernhard Ücker (1921-2015), der als einer der ersten Korrespondenten für den Sender Radio München berichtete. Bereits am 28. Mai 1945, 20 Tage nach dem Kriegsende, hatte Bayern wieder einen Ministerpräsidenten.

Trotz des Mangels an allem mussten Hunderttausende Menschen zusätzlich versorgt werden. Im Ministerratsprotokoll vom September 1945 ist festgehalten, dass in jenem Monat 200 000 Kriegsgefangene, 21 000 Zivilinternierte, 65 000 Versprengte, 210 000 Ausländer und 70 000 Flüchtlinge aus Ungarn zu ernähren waren. Zusammen waren das 560 000 Personen, der Höchststand lag bei 1,25 Millionen.

Gemeindewahlen in München, 1946

In München waren insgesamt 398 000 Bürger wahlberechtigt.

(Foto: US-Army)

Die amerikanische Besatzungsbehörde hatte Fritz Schäffer zum "Temporary Minister-Präsident for Bavaria" ernannt, der eine provisorische Regierung bilden musste. Am 14. Juni 1945 hielt Schäffer eine öffentliche Regierungserklärung, und zwar via Radio München, da der übliche Ort für Regierungserklärungen, der Landtag, sich erst 1946 konstituierte. Hauptthema war die Demokratisierung des Landes. Die Amerikaner sahen eine Bildungsreform als Schlüssel für die Umerziehung. Die Jugend, die ihrer Meinung nach von der nationalsozialistischen Ideologie am heftigsten infiziert war, musste um jeden Preis für die Demokratie gewonnen werden.

Aus den Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung am 30. Juni 1946 ging die ein halbes Jahr vorher gegründete CSU mit absoluter Mehrheit (58 Prozent) als Sieger hervor. Alois Hundhammer, der Vorsitzende der CSU, suchte in der Landesversammlung die Kooperation mit allen Kräften, insbesondere mit dem Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner, einer weiteren prägenden Figur der Nachkriegszeit. Hoegner, der 1933 aus dem Staatsdienst entlassen worden war, hatte im Exil in der Schweiz einen Verfassungsentwurf erstellt, der maßgeblich eingearbeitet wurde. Er gilt deshalb als der Vater der Verfassung des Freistaats Bayern.

Im September 1945 ernannten die Amerikaner Hoegner überraschend zum Ministerpräsidenten. Sein Vorgänger Schäffer war von Anfang an umstritten. Als US-General George Patton, der Militärgouverneur von Bayern, abgesetzt wurde, da er die Entnazifizierung nicht energisch genug vorangetrieben haben soll, riss sein Sturz auch das erste Nachkriegskabinett mit. Am 28. September 1945 wurde Schäffer abgesetzt. "Die wahren Gründe sind nie publik geworden", sagte Ücker.

Die Verfassunggebende Landesversammlung tagte vom 15. Juli bis zum 16. Oktober 1946 in zehn öffentlichen Sitzungen in der Münchner Universität. Die neue Verfassung wurde am 1. Dezember durch einen Volksentscheid von der Bevölkerung angenommen (70,6 Prozent). Am gleichen Tag erfolgte die Wahl des ersten Landtags, bei der die CSU 52,3 Prozent der Stimmen erreichte. Der Ausgestaltung Bayerns zum Rechts-, Kultur- und Sozialstaat stand nun nichts mehr im Weg. In Erinnerung daran, dass sich das bayerische Volk am 1. Dezember 1946 selber eine Verfassung gegeben hat, wird seit 1967 alljährlich am 1. Dezember der Verfassungstag begangen.

Am 16. Dezember 1946, kurz vor Ende dieses demokratiehistorisch brisanten Jahres, traf sich der Landtag in der Aula der Münchner Universität zu seiner konstituierenden Sitzung. Wenige Tage später wurde der CSU-Politiker Hans Ehard ebendort zum Ministerpräsidenten gewählt. Die Große Aula der Universität München spielte also im frühen Nachkriegsbayern eine zentrale Rolle. "Sie ist ohne Zweifel ein herausragender Ort der Demokratie in Bayern", sagt der Historiker Kramer. Auch wenn es am Anfang gar nicht gemütlich war. Hans Ehard trug bei der Vereidigung einen dicken Mantel, da noch Not und Mangel herrschten und die Aula nicht geheizt war.

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