Im Heiligenkalender der CSU ist der 3. Oktober ein herausragendes Datum: An diesem Tag jährt sich der Todestag des bayerischen Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß zum 37. Mal. Den Jüngeren und Mittelalten ist er als eine Art Gottvater der Christsozialen in Erinnerung, von dessen Wirken nicht nur allerlei Schriftwerk und Bildmaterial kündigen, sondern auch ein Schatz frommer und weniger frommer Legenden.
Der Spiegel hat der Hagiographie nun eine weitere Episode hinzugefügt. Das Magazin zitiert dabei aus öffentlich zugänglichen Unterlagen des amerikanischen Außenministeriums. Demnach hat Strauß am 27. März 1980 bei Zbigniew Brzeziński angerufen, dem Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. Ihm soll er Folgendes gesagt haben: „Ich will Ihre Zeit nicht verschwenden, ich weiß, wie beschäftigt Sie sind. Ich habe eine vertrauliche Frage: Ich erhalte verschiedene Informationen über politische Vorgänge in Deutschland und in Frankreich. Einige davon könnten für Sie wertvoll sein. Ich würde Sie Ihnen unter einer Bedingung senden: Mein Name soll draußen bleiben.“
Brzeziński soll laut Aufzeichnungen „All right“ gesagt und Strauß an seine Sekretärin verwiesen haben. Weiter wird Strauß mit den Sätzen zitiert: „Ich will niemanden denunzieren, aber ich habe ein spezielles Informationsnetzwerk. Ich will Sie nicht beunruhigen, aber es gibt Dinge, die mich beunruhigen.“
Ob Strauß der Sekretärin tatsächlich Geheimnisse verraten hat, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Den Gang der Geschichte scheint das Telefonat zumindest nicht wesentlich verändert zu haben.
In der heutigen Zeit wäre es schwer vorstellbar, dass CSU-Chef Markus Söder in Washington anklingelt, um dort anonyme Informationen anzubieten. Mal ganz abgesehen davon, dass ihn dort niemand kennt und er wahrscheinlich schon an der Telefonzentrale scheitern würde.
Aber Strauß war eben doch ein sehr spezieller Typus von Politiker. Als der Spiegel 1962 einen allzu gut recherchierten Artikel über den Zustand der Bundeswehr („Bedingt abwehrbereit“) veröffentlichte, griff der damalige Verteidigungsminister Strauß zum Telefon. Mit einem Anruf beim Militärattaché in Madrid sorgte er dafür, dass einer der beiden Autoren, Conrad Ahlers, in Spanien verhaftet wurde. Der Vorwurf gegen Ahlers lautete Verdacht auf Landesverrat.
Schade, dass nicht überliefert ist, was Strauß den Amerikanern zustecken wollte oder tatsächlich zugesteckt hat. Zum Glück für Strauß hat niemand was von dem Telefonat erfahren – ein Ermittlungsverfahren wegen Landesverrats ausgerechnet gegen ihn, das hätte dann doch den Verlauf der Geschichte geändert. Jedenfalls in Bayern.
Franz Georg Strauß und Monika Hohlmeier sind vom Bericht des Spiegel über ihren Vater, den großen Transatlantiker, alles andere als begeistert: „Der Unterschied zwischen dem legitimen und wichtigen Informationsaustausch zwischen Bündnispartnern und Informantentum wird bewusst verfälschend dargestellt“, schreiben sie in einer gemeinsamen Erklärung.
Der Spiegel und die Familie Strauß, könnte man noch hinzufügen, werden wohl nie mehr zueinander finden.


