Expertenanhörung:Zu wenig Gewaltschutz in bayerischen Flüchtlingsunterkünften

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Expertenanhörung: Experten kritisierten unter anderem einen Mangel an Beratungs- und Behandlungsangeboten für traumatisierte oder psychisch belastete Geflüchtete.

Experten kritisierten unter anderem einen Mangel an Beratungs- und Behandlungsangeboten für traumatisierte oder psychisch belastete Geflüchtete.

(Foto: Stephan Rumpf)

Fachleute kritisieren, dass geflüchtete Menschen im Freistaat nicht sicher genug sind. Besonders Frauen, Kinder und psychisch belastete Menschen müssten besser im Blick behalten werden.

Nach Einschätzung von Experten werden Geflüchtete in bayerischen Flüchtlingsunterkünften bislang nicht ausreichend vor Gewalt geschützt. Es liege zwar ein Schutzkonzept zur Prävention von Gewalt vor, dieses werde aber in der Praxis nicht umgesetzt, sagte Anna Frölich, Anwältin für Migrationsrecht, am Donnerstag bei einer Anhörung von Sachverständigen im Landtag. Insgesamt weise die Lage in den Einrichtungen "erhebliche Defizite" beim Schutz der Menschenwürde auf. Die Fachleute forderten daher Verbesserungen.

Die Experten kritisierten unter anderem einen Mangel an Beratungs- und Behandlungsangeboten für traumatisierte oder psychisch belastete Menschen, sowie an abschließbaren Spinden, Zimmern und Sanitäranlagen in den Unterkünften. Die fehlende Privatsphäre der Geflüchteten könne das Gewalt- und Konfliktpotenzial in den Einrichtungen erhöhen.

Konkrete Statistiken zu der Anzahl an Gewalttaten in bayerischen Flüchtlingsunterkünften seien nicht bekannt. Beim Gericht gingen nur wenige solcher Fälle ein, sagte Ulrike Sachenbacher, Richterin am Amtsgericht München. Sie vermute aber, diese seien nur die "Spitze des Eisbergs".

"Es ist schwierig für uns, mit der Situation umzugehen", schildert die ehemalige Bewohnerin einer Flüchtlingsunterkunft, Sarah Namala, ihre Erfahrungen dort. Zeitweise habe sie als einzige Frau mit mehreren Männern in einer Unterkunft gelebt. Die Männer hätten dort regelmäßig an ihre Tür geklopft, aus Angst habe sie ihr Zimmer oft nicht verlassen. "Ich habe mich in dieser Situation sehr unsicher gefühlt", sagte Namala. Meistens hätte sie vor Ort niemanden gehabt, mit dem sie darüber sprechen konnte.

Mehrere Experten forderten am Donnerstag ein strukturiertes Verfahren, um besonders schutzbedürftige Menschen in den Flüchtlingsunterkünften frühzeitig identifizieren und ihren Bedürfnissen entsprechend behandeln zu können. Zu diesen besonders vulnerablen Gruppen zählten beispielsweise Frauen, Kinder und traumatisierte oder psychisch vorbelastete Menschen. Das Personal in den Unterkünften müsse geschult und sensibilisiert, das Angebot an Beratungsstellen ausgeweitet werden.

Teilweise werde das bayerische Gewaltschutzkonzept aber auch bereits umgesetzt, sagte Johannes Wegschaider, Gewaltschutzkoordinator eines Ankerzentrums in Mittelfranken. Dennoch sei es "enorm wichtig", dass die Bedingungen verbessert und die positiven Ansätze nachhaltig weiterverfolgt werden. "Das ist nicht eine Sache, die von heute auf morgen geht."

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