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Sozialprojekt:Dieser Schein hilft Flüchtlingen bei der Wohnungssuche

Claudia Neuner-Dietsch (links) und Johanna Greulich (rechts) leiten im oberbayerischen Schongau einen Kurs, in dem Flüchtlinge lernen, was bei der Wohnungssuche wichtig ist.

(Foto: oh)

Oft schlägt Asylbewerbern Misstrauen entgegen. Durch einen speziellen Kurs, der mit einem Zertifikat endet, können viele die Vermieter aber doch von sich überzeugen.

Wer als Flüchtling eine Wohnung sucht, findet die erste Stolperfalle schon vor der Besichtigung bei der Begrüßung: In Deutschland gibt man sich die Hand, erklärt Claudia Neuner-Dietsch von der Diakonie in Herzogsägmühle. So einfach, wie es sich anhört, scheint das aber nicht zu sein: Der Händedruck darf weder zu fest, noch zu schlaff sein, sagt Neuner-Dietsch. "Das ist ein Zeichen des Respekts." Und damit alle Teilnehmer des Mieterführerschein-Seminars in Schongau wissen, wie man es richtig macht, wird gleich geübt. Rundherum um den Tisch laufen Neuner-Dietsch und Integrationslotsin Johanna Greulich vom Landratsamt Weilheim-Schongau und geben jedem der fünf Flüchtlinge die Hand. Zwei junge Afghanen schauen ein wenig verlegen, scheinen aber die Kunst des Händeschüttelns bereits gemeistert zu haben. Anders als eine junge Frau mit Brille und vielen schwarzen Zöpfchen, die Greulichs Hand nur zaghaft drückt. "Fester!", sagt Greulich. "Ja, genau so!"

Neben der Begrüßung lernen die Teilnehmer beim Seminar alles, was bei der Wohnungssuche und beim Verhalten als Mieter so wichtig ist. Der "Mieterführerschein" ist Teil eines Projekts von Herzogsägmühle Diakonie und Landratsamt Weilheim-Schongau. Es baut auf dem "Neusässer Konzept" der "Mieterqualifizierung" auf, das Susanne Kern und Uwe Krüger entwickelt haben. Die beiden hatten sich über die Flüchtlingshilfe in ihrem Heimatort Neusäß kennengelernt, wo sie ehrenamtlich halfen, erzählt Susanne Kern. Dort hätten sie mitbekommen, dass viele der Geflüchteten keine Wohnung finden würden: "Dass das auf Dauer ein gesellschaftliches Problem wird, nicht nur in Neusäß, war klar."

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In ihrer Freizeit hätten sie Vermieter und Makler gefragt, wieso sie nicht gerne an Flüchtlinge vermieten, sagt Kern. Schnell sei klar gewesen: Es gebe viele Vorurteile. Zum Beispiel, dass Menschen aus anderen Ländern nicht Müll trennen oder lüften könnten. Hier wollen Kern und Krüger ansetzen. "Um Bedenken abzubauen, muss sich ja in den Köpfen etwas ändern", sagt Kern: Über ihre Mieterqualifizierung sollen die Vermieter mehr Vertrauen in ihre Zielgruppe bekommen. Das seien "alle Menschen in schwierigen Lebenslagen", seien es Flüchtlinge, Wohnungslose oder Haftentlassene.

In fünf Modulen lernen die Teilnehmer Kern zufolge, wie sie sich beim Gespräch am Telefon, beim Besichtigungstermin und allgemein als Mieter richtig verhalten. Auch die Inhalte von Mietvertrag und Hausordnung sind Teil des Seminars, und was in eine Bewerbungsmappe für eine Wohnung hinein gehört. Am Ende gibt es ein Zertifikat, das den Vermietern zeigen soll, dass der Bewerber weiß, wie er sich zu verhalten hat. Zum Beispiel, dass man in der Wohnung oder auf dem Balkon nicht grillt, erklärt Neuner-Dietsch. "Haben Sie schon mal gegrillt?", fragt sie einen der beiden Afghanen, Besmellah Tajek. Ja, sagt er und grinst, aber natürlich nicht in der Wohnung.

Als es etwas später um den perfekten Besichtigungstermin geht, sollen die Teilnehmer sich überlegen, wie sie sich mit dem Vermieter unterhalten könnten. "Wir sind jetzt schon drin in der Wohnung", sagt Neuner-Dietsch, "was könnten Sie denn noch fragen?" "Wo kann ich hier grillen?", sagt Besmellah Tajek und sorgt mit dem Running Gag des Abends für allgemeine Heiterkeit. Vorschläge für Fragen bei der Besichtigung gibt es in den Heften, die Teil des Neusässer Konzepts von Kern und Krüger sind: Wo in der Umgebung sind Supermärkte? Wie weit ist es zur nächsten Apotheke?

In den Heften sind Übungsaufgaben und die Inhalte der Module zusammengefasst. So kann man jederzeit noch einmal nachlesen. Rund 17 000 dieser Hefte habe sie bereits verschickt, sagt Kern. Vor allem Gemeinden und Wohlfahrtsunternehmen wie die Caritas würden das Material anfordern, aber auch einige Helferkreise für Flüchtlinge. Doch hat die Mieterqualifizierung auch etwas gebracht? Das Feedback der Veranstalter ist eindeutig, sagt Susanne Kern: "Es haben wirklich viele eine Wohnung gefunden."

Am Ende des Kurses liegt für die Teilnehmer ein Zertifikat bereit.

(Foto: oh)

Darauf hoffen auch die fünf Flüchtlinge in dem Schongauer Kurs. Damit sie in Zukunft mehr Erfolg bei der Wohnungssuche haben, lernen sie auch, wie man eine Mieterselbstauskunft ausfüllt. Ganz still ist es, als sie über den Formularen sitzen und in die Felder schreiben. Allmählich füllen sich die Blätter, einige Stellen bleiben aber frei: Eine Frau im pinkfarbenen Kopftuch versteht das Wort "Mitinteressent" nicht, jemand fragt, was ein "Arbeitgeber" ist. Claudia Neuner-Dietsch und Johanna Greulich erklären und helfen beim Ausfüllen. Die Sprachbarriere soll den Geflüchteten nicht die Chance auf eine Wohnung verbauen.

Neuner-Dietsch und Greulich haben für den Landkreis Weilheim-Schongau das Konzept von Kern und Krüger um noch ein Modul erweitert und in "Mieterführerschein" umbenannt. An einem zusätzlichen Abend geht es um alles rund um das Thema Umzug: Wie das mit dem Ummelden ist, oder wo man überall Bescheid sagen muss, dass sich die Adresse geändert hat. Außerdem geht es um unübersichtliche Regeln, zum Beispiel für diejenigen, denen das Jobcenter die Miete zahlt: "Der Mietvertrag darf zum Beispiel nicht unterschrieben werden, bevor man ihn dem Jobcenter vorgezeigt hat", sagt Greulich, und Neuner-Dietsch ergänzt: "Die Formalitäten sind schon sehr kompliziert für Nichtdeutsche." Greulich lächelt sarkastisch: "Auch für Deutsche."

Am Ende der Lerneinheit geht es um die Bewerbungsmappe für Wohnungen. Neben dem Zertifikat der Mieterqualifizierung empfiehlt Kerns Material ein Kurzporträt und einen Nachweis über eine Haftpflichtversicherung. "Sie können auch ein Zertifikat von Ihrem Sprachlevel einfügen", sagt Neuner-Dietsch und beginnt bei der Aufzählung mit dem niedrigsten: "A 1 oder A 2 oder B 1..." "... C 2", sagt Besmellah Tajek grinsend und alle kichern. Sprachniveau C 2, und damit nahezu Muttersprachniveau, hat noch keiner der Teilnehmer. Aber mit dem Mieterführerschein in der Tasche und ein wenig Glück vielleicht bald eine Wohnung.

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