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Cricket-Bundesliga:Beim TSV Lengfeld ist der Trainer Therapeut

Cricket Flüchtlinge Lengfeld

Bundesligist ohne Stadion und ohne Zuschauer: Der TSV Lengfeld trainiert auf seinem Kunstrasenplatz.

(Foto: Benedikt Dietsch)

Viele Spieler der Bundesligamannschaft sind Geflüchtete aus Afghanistan und Pakistan. Für sie geht es um mehr als Sport.

Das kleinste bayerische Fußballbundesliga-Stadion steht in Augsburg, 28 000 Menschen schauen dort im Schnitt bei den Spielen zu. Der TSV Lengfeld spielt auch in der Bundesliga, im Cricket, aber ein Stadion gibt es nicht - nicht einmal Zuschauer. "Ab und zu bleiben Spaziergänger am Spielfeldrand stehen", sagt Cheftrainer Wolfgang Merz. Die gehen aber nach ein paar Minuten wieder, wahrscheinlich kapierten sie die Regeln nicht. "Ich verstehe ja selbst nicht alles", gibt der 62-Jährige zu, Cricket sei schon eine komplizierte Angelegenheit. Der Unterfranke trägt Glatze, Schnauzer und die Verantwortung für die Cricket-Abteilung des Würzburger Stadtteilvereins TSV Lengfeld. Aber Ahnung von der Sportart? Allenfalls ein bisschen.

Trainer ist Merz aus sozialen Gründen. 20 Spieler sind im Team, 18 Afghanen, zwei Pakistaner, bis auf einen alle Flüchtlinge. Merz ist für sie Mentor, Integrationshelfer, Vater, Mutter. Und er leistet Beistand in schweren Zeiten. Solche erlebt die Mannschaft regelmäßig. Als im Februar der Kapitän zurück nach Afghanistan geschickt wurde, tauchten acht Spieler unter - und nie wieder auf. Nicht beim Training, nicht beim Spiel. Die halbe Mannschaft war weg, über Nacht.

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Da die Cricket-Mannschaften in Deutschland überwiegend aus Flüchtlingen bestehen, sind Abschiebungen der größte Feind der Sportart, vor allem in Bayern: Gerade bei den Rückführungen nach Afghanistan gilt der Freistaat im Vergleich zu anderen Bundesländern als besonders restriktiv. Als im vergangenen Jahr am 69. Geburtstag von Innenminister Horst Seehofer 69 Afghanen abgeschoben wurden, saßen im Flieger 51 aus Bayern. Für die Betroffenen ein Schicksalsschlag, für die bayerischen Cricket-Mannschaften ein sportliches Fiasko: Bleiben die besten Spieler erhalten? Stehen morgen überhaupt noch genug auf dem Platz?

Aber es gibt auch eine erfreuliche Seite. Der Sport boomt wie nie zuvor. Nach Angaben des Deutschen Cricket Bundes (DCB) wachsen die Spielerzahlen bundesweit wie bei keiner anderen Sportart, besonders in Bayern. Die Weltsportart Cricket auf dem Weg an die Spitze? Nicht ganz. 34 Mannschaften gibt es laut DCB in Bayern, Cricket konkurriert da eher mit dem Fingerhakeln als mit dem Fußball.

Bei vielen läuft das Asylverfahren noch, andere haben nur eine Duldung

Von der Dominanz des Fußballs kann Wolfgang Merz ein Lied singen. Der Trainer sitzt auf einem weißen Plastikstuhl am Rand des Kunstrasenplatzes in Lengfeld und sieht seinen Spielern bei einer Wurfübung zu. Das Sportgelände ist umgeben von Doppelhaushälften und Vorgärten. Der Bundesligist trainiert im Kleinstadtflair mit der Intensität einer A-Klasse-Mannschaft. Doch dabei tragen sie alle ihre rot-schwarzen Trikots, ein Bundesligist muss schließlich etwas hermachen. Hinter ihnen, auf dem Rasenplatz, wird Fußball gespielt. Die zweite Mannschaft des TSV Lengfeld trainiert dort für das nächste Spiel in der Kreisklasse. "Eigentlich wäre für uns auch ein Rasenplatz besser", sagt Merz. Aber er sei dankbar, überhaupt hier mit den Jungs trainieren zu dürfen. Merz hat die Mannschaft ins Leben gerufen. Er hatte Kontakt zu einer Flüchtlingsfamilie, die in der Turnhalle am Sportgelände untergebracht war. 2015 war das. Dort sind dann die Jungs auf ihn zugekommen. "Sie haben mir gesagt, dass sie Cricket spielen wollen", sagt Merz. Also hat er den TSV Lengfeld angerufen.

Für Isakhan Zazai ist das ein Segen. Das schwarze Haar klebt dem 19-Jährigen verschwitzt im Gesicht, aufgedreht wuselt er über den ganzen Platz, hat mit jedem seiner Teamkollegen etwas zu besprechen. Stundenlang könnte er mit leuchtenden Augen über Cricket reden, Wurftechniken, Läufe, Schlägerhaltungen. Dass die Regeln den meisten Leuten hier sehr kompliziert erscheinen? Ihm gänzlich unverständlich. "Ich spiele schon seit ich ein Kind bin. In Afghanistan ist das normal, ist wie Fußball hier", sagt er. Seit 2015 ist er in Deutschland, damals kamen viele Flüchtlinge.

Die Spieler der Cricket-Mannschaft kommen aus Afghanistan und Pakistan. Dort ist der Sport so populär wie hierzulande Fußball.

(Foto: Benedikt Dietsch)

Von 2014 bis 2016 haben sich die Erstanträge afghanischer Asylbewerber in Bayern verneunfacht. Danach gingen sie wieder zurück, sogar unter das Niveau von 2014 - mitunter wegen der verschärften Abschiebepraxis. Ein Wort bei dem Zazai zuckt. Wenn er abgeschoben wird, sagt er, "ist mein Leben in Gefahr". Seine Chancen stehen jedoch nicht schlecht. Das Gericht hat in seinem Fall ein Abschiebeverbot ausgesprochen. "Außerdem habe ich eine Ausbildung gefunden", sagt er stolz, Elektriker will er werden. Dass ihn eine Familie aufgenommen hat, erhöhe zudem seine Chancen, auf Dauer hierbleiben zu dürfen.

Damit ist er in der Mannschaft eher ein Einzelfall. Bei vielen läuft das Asylverfahren noch, andere haben nur eine Duldung. Seitdem das Auswärtige Amt im Juni 2018 einigen Regionen des konfliktzersetzten Landes Stabilität bescheinigte, sind Abschiebungen nach Afghanistan wieder generell möglich. Für die Mannschaft ist das keine gute Nachricht. "Wir verlieren seitdem immer wieder Spieler", sagt Merz. Ob wegen Abschiebung oder der Flucht gen Westen aus Angst davor. Regelmäßig bricht dem Bundesligisten Lengfeld ein Teil der Mannschaft weg. Spiele in Unterzahl sind keine Seltenheit. "Bei mir spielt mittlerweile die gesamte Ersatzbank von letztem Jahr", sagt Merz. Ob das in Zusammenhang mit dem vorletzten Tabellenplatz steht, den die Mannschaft zurzeit belegt? Egal, sagt er, es geht hier nicht nur um den Sport.

Auf dem Kunstrasenplatz läuft ein Spieler auf Merz zu, nassgeschwitzt, ein Lächeln im Gesicht. "Ich mache vielleicht eine Ausbildung in der Logistik", ruft er Merz zu, das wollte er ihm sagen. "Gute Ausbildung?", fragt Hamed Stanikzai. Ja, antwortet der Trainer, viele Jobs gebe es da, gute Wahl. Für Stanikzai ist Merz Ansprechpartner in allen Lebenslagen. Die wöchentlichen Trainings sind Ablenkung und Therapie. 2017 kam er nach Deutschland, die Flucht war traumatisch. Seine halbe Familie wurde von den Taliban ermordet, die andere Hälfte verlor er auf der Flucht. Beim Training kann er für ein paar Stunden den Kopf freikriegen. "Ich gehe zum Psychiater, nehme viele Medikamente", sagt er. Anders kann er den Schmerz nicht bewältigen. Damit ist er nicht alleine. "Alle meine Spieler sind in psychiatrischer Behandlung und nehmen etwas ein ", sagt Merz. Das ist zwar nicht gut für die Leistung im Spiel. Doch das Spiel ist gut für die Spieler.

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