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Ausbildung:Vom Flüchtling zur Fachkraft

Ibrahim Jarju (rechts) hat in Deutschland Koch gelernt. Mit Testesser Rolf Hochwald geht er nach der Prüfung noch einmal seine Gerichte durch.

(Foto: Maximilian Gerl)

Ibrahim Jarju ist aus Gambia geflohen, in Augsburg hat er eine Ausbildung zum Koch begonnen. Jetzt steht er mit der Gesellenprüfung vor dem Sprung ins Berufsleben - wie viele Flüchtlinge in Bayern.

Pünktlich zum Beginn der Prüfungsphase riss sich Ibrahim Jarju das Kreuzband. "Beim Fußball umgeknickt", sagt er, ja, der Klassiker. Aber Abschluss ist Abschluss. Also ging Jarju am Vormittag in die Theorieprüfung und am Nachmittag ins Krankenhaus für die OP. Sechs Wochen ist das her. Jetzt eilt Jarju durch die Lehrküche der Augsburger Berufsschule, verstaut Geschirr, putzt. Wartet. Nebenan entscheiden Köche über seine praktische Prüfung und über seine Zukunft. Denn noch ist Jarju Flüchtling. Gleich könnte er auch ein gelernter Koch sein. Eine Fachkraft.

Für Fachkräfte verzeichneten die Jobcenter zuletzt rund 83 000 offene Stellen im Freistaat. Seit Jahren ist die Hoffnung bei Wirtschaftsvertretern groß, dass Flüchtlinge diese Lücke zumindest ein bisschen schließen könnten. Im bayerischen Handwerk stellen sie derzeit 4000 Lehrlinge, das entspricht dort 5,5 Prozent aller Azubis. Im Bereich der Industrie- und Handelskammern (IHKs) lernen weitere 4800 Flüchtlinge. Viele Betriebe würden sie gerne über die Ausbildung hinaus bei sich beschäftigt sehen. Dazu müssen sie aber die Prüfung bestehen - und bleiben dürfen.

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Auch die Gastronomie sucht Fachkräfte; Menschen wie Jarju, 22 Jahre. Ein sogenanntes Musterbeispiel, wie Integration funktioniert, wenn alle an einem Strang ziehen. Jarju floh als Jugendlicher aus Gambia. Über Libyen, das Mittelmeer und Italien kam er 2014 in Bayern an. 2016 wurde er gefragt, ob er ins Allgäu fahren wolle, in ein Kochcamp der IHK Schwaben, das Flüchtlingen Lust aufs Kochen machen sollte. Jarju fuhr mit, obwohl er seinen Ausbildungsplatz sicher hatte. Wer dort mit ihm das Gespräch suchte, musste ihm bisweilen die Sätze aus der Nase ziehen. Drei Jahre später grüßt er mit breitem Grinsen und in flüssigem Deutsch. Aus seinem Umfeld heißt es, da habe sich einer "wahnsinnig" entwickelt und "Humor bewahrt". Jarju sagt: "Ich wollte immer Koch werden."

Staatsregierung und Verbände haben viele Maßnahmen angestoßen, um die Integration in den Arbeitsmarkt voranzutreiben, Sprachkurse etwa, Berufsintegrationsklassen, Nachhilfen. Laut Wirtschaftsministerium wurden von Oktober 2015 bis Ende 2018 insgesamt 218 149 Geflüchtete in Ausbildung, Praktikum oder Arbeit vermittelt. Der Anteil der Azubis war mit 12 900 gering, aus unterschiedlichen Gründen. Generell erschwerten oft mangelnde Sprachkenntnisse eine schnelle Integration, teilt ein Ministeriumssprecher mit.

Jarjus Theorieprüfung lief nicht wie erhofft. Manches habe er mehrmals lesen müssen, sagt er. "Bei zwei Minuten pro Frage wird schnell die Zeit knapp." Den Prüfern an der Berufsschule kommt so etwas bekannt vor. Sie erzählen, dass viele Schüler Probleme mit dem Textverständnis zeigten, ob Flüchtling oder nicht. Auch deshalb seien Einserabschlüsse selten. Aber die Note allein mache keinen guten Koch.

In der praktischen Prüfung müssen angehende Kochgesellen in knapp fünf Stunden ein Drei-Gänge-Menü zaubern. Ein paar Wochen vorher bekommen sie eine Zutatenliste. Was sie daraus machen, bleibt ihnen überlassen. Jarju hat sich für ein Forellen-Mangold-Küchle als Vorspeise, geschmorte Lammkeule in Balsamicosoße als Hauptgang sowie Bayerisch Creme mit Erdbeersalat und Pistazienpesto als Dessert entschieden. Je vier Portionen gehen an die Gäste eines Testessens, zu dem die Berufsschule traditionell einlädt. Zwei Portionen dienen der Bewertung. Drei Meisterköche beugen sich über jeden Teller, probieren, diskutieren. Neben dem Geschmack entscheiden Kriterien wie Optik oder Wirtschaftlichkeit. Wer sich bei den Zutaten verrechnet und zu viel weggeworfen hat, erhält Punktabzug.

2018 traten bei den bayerischen IHKs 1500 Flüchtlinge zu Prüfungen an; 70 Prozent von ihnen haben bestanden. Der Gesamtdurchschnitt lag bei 91 Prozent. "Die Erfolgsquote übertrifft unsere Erwartungen", sagt Hubert Schöffmann vom Bayerischen Industrie- und Handelskammertag. Das unterstreiche die Motivation der Flüchtlinge und "das starke Engagement von Betrieben, Ausbildern und Lehrkräften". Auch scheint die Idee funktioniert zu haben, Geflüchtete gezielt für bestimmte Branchen anzusprechen. Im Bereich der IHK Schwaben haben sich zehn Prozent der Azubis für Gastro-Berufe entschieden. Unter den Lehrlingen mit Fluchthintergrund liegt der Anteil bei 35 Prozent. Ohnehin ist Bayerns Wirtschaft längst auf Zuzug angewiesen. 14,6 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten besitzen einen ausländischen Pass.

Als dritten Gang hat Ibrahim Jarju Bayerisch Creme mit Erdbeersalat und Pistazienpesto zubereitet - und auch damit die praktische Gesellenprüfung bestanden.

(Foto: Maximilian Gerl)

Bei allen Erfolgen bleibt Integration eine Herausforderung. Auf die müssen sich alle Beteiligten erst mal einlassen. Jarju hat in zwei Augsburger Lokalen gelernt, sie haben sich den Azubi quasi geteilt. Eines war das "Lokalhelden". Die Chefin wartet auf dem Flur aufs Prüfungsergebnis. Man fühle sich schon in besonderer Verantwortung, sagt sie, man sei ja auch in gewisser Weise Familienersatz. Jarjus Mutter starb, als er zehn Jahre alt war. Bekannte nahmen ihn auf, statt auf die Schule schickten sie ihn arbeiten. Als sich Jarju zur Flucht entschloss, wollte ihm sein Bruder folgen. Seine Spur verlor sich in Libyen.

Als einen der Letzten rufen die Prüfer Jarju zu sich in den Nebenraum. Es folgt Küchenkritik in Küchenlatein. Aber alles in allem, wird ein Meister erklären, habe er das gut gemacht, "muss man so sagen". Jarju kommt zurück in die Küche, grinst breiter. Bestanden. Die Note gibt es mit der Abschlussfeier und dem Gesellenbrief.

Er ist jetzt Fachkraft. Ob er bleiben darf, ist unklar. Er verfügt über eine Aufenthaltsgestattung, über seinen Asylantrag wurde nicht abschließend entschieden. Gambia gilt als sicheres Herkunftsland. Sollte er keine Duldung erhalten, bliebe ihm laut IHK-Vertretern nur: "freiwillig" ausreisen und ein Arbeitsvisum in einer "heimatnahen Botschaft" beantragen - in seinem Fall in Dakar im Senegal. Mit dem Visum könne er dann nach Deutschland zurück. Allerdings sei ausländischen Behörden mitunter schwer vermittelbar, warum jemand aus Deutschland in ihr Land einreise, um dann nach Deutschland auszureisen.

Die nächsten ein, zwei Jahre will Jarju in seinen Ausbildungsbetrieben weiterarbeiten. Danach? Mal sehen. Er würde gern neue Erfahrungen sammeln. "Das Lernen", sagt er, "geht jetzt richtig los."

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