Ortsschild in Fischen:Willkommen in Klein-Gallien

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Dass Ortsschilder gelegentlich aus dem Rahmen fallen, ist bekannt. Doch dass die Ortsansässigen es selbst herausnehmen, ist eher ungewöhnlich. (Symbolfoto) (Foto: Christoph Hardt/Imago)

Dass die gelben Ortsschilder abhandenkommen, passiert schon mal. Eher ungewöhnlich ist es aber, wenn sie die Einheimischen wie in Fischen im Allgäu quasi selber abmontieren - und noch ungewöhnlicher, wenn Unbekannt dann die Lücke am Straßenrand füllt.

Glosse von Maximilian Gerl, Fischen

Manchmal kommt man in einen Ort hinein und dann steht da: nix. Das Verschwinden von Ortstafeln - jenen gelben Schildern, die vom Erreichen einer Gemeindegrenze künden - ist in Bayern ein Phänomen, das besonders Orte mit skurrilen Namen trifft. So gesehen extrem gefährlich lebt es sich in Pups (Teil von Feldkirchen-Westerham) oder Katzenhirn (Mindelheim); aber auch harmlos klingende Orte bleiben nicht verschont. Im vergangenen Jahr ermittelte die Polizei in Franken ein paar junge Menschen, die serienmäßig Bullach, Laipersdorf und Pegnitz ihrer Schilder beraubt haben sollen.

Und damit nach Berg, Teil von Fischen im Allgäu, wo Reisende bis vor Kurzem ebenfalls von nichts begrüßt wurden. So weit, so erwartbar irgendwie - wäre da nicht der Umstand, dass sich die Berger selbst abmontiert haben. Denn vor ein paar Wochen fuhr eine Delegation aus Fischen nach Brüssel, um dort vor der bayerischen Vertretung einen Maibaum aufzustellen. Um dessen Herkunft zu kennzeichnen, brachten die "Berger Maibommbüebe" außerdem gleich ihre Ortstafel von der Bundesstraße 19 mit und an.

Aber ein leerer Rahmen am Ortseingang? Schwierig. Schon, weil wenig mehr ein Heimatgefühl schafft als der Anblick der vertrauten Lettern am Straßenrand. Vielleicht deshalb füllte nun Unbekannt kurzerhand selbst die Lücke mit einer Tafel. Wer seit ein paar Tagen nach Berg kommt, fährt nach "Klein Gallien - Zentrum der Europäischen Union" rein. Eine Verortung, die an die unbeugsamen Gallier aus "Asterix" denken lässt. Auch das Ordnungsamt, wiewohl eher ein Römerlager, auf das man überall gerne mal draufhaut, nimmt es mit Humor. Die Einwohner von Berg seien keine Rebellen, heißt es in der Allgäuer Zeitung, sondern friedfertige Menschen - und ein neues Schild schon bestellt.

Bald wird also in Berg alles wieder seine Ordnung haben. Bestenfalls. Denn für "Klein Gallien" gibt es in Schwaben ein Vorbild. 2016 nannten Scherzbolde so den Wertinger Ortsteil Prettelshofen um - und ließen im Jahr darauf auch noch einen tonnenschweren Fels zurück, so kann man es im Zeitungsarchiv nachlesen. Ein Hinkelstein für Neu-Klein-Gallien? Beim Ordnungsamt sollten sie jetzt ja achtgeben, dass da niemand was aus Belgien zurück nach Berg verfrachtet.

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